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Crispr-Cas9 Das große Ziel heißt Genreparatur

Forscher erwarten sich viel von der molekularen Schere Crispr-Cas9. Die Technik ist schnell und billig und könnte krankmachende Gene ausmerzen – doch es gibt auch ethische Bedenken.

15.07.2016 09:24
Rainer Kurlemann
Darstellung des Crispr-Cas9-Komplexes. Foto: imago/Science Photo Library

Ganz zu Beginn formulierte Peter Dabrock einen Satz, dem keiner der Experten in der folgenden Debatte widerspricht. „Die Welt unserer Kinder wird eine von Crispr-Cas9 geprägte Welt sein“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats bei der Begrüßung zur Jahrestagung des Gremiums in Berlin. Ein Satz mit großer Tragweite und dennoch erstaunlich, denn das neue Werkzeug aus dem Baukasten der Genforschung ist in der Bevölkerung heutzutage kaum bekannt. Hinter dem sperrigen Begriff Crispr-Cas9 verbirgt sich eine Art molekulare Schere, mit der einzelne Gene im Erbgut geschnitten und gezielt verändert werden können. Die Technik eignet sich für alle Lebewesen und hat weltweit die Labore der Mediziner, Pflanzenzüchter und Biotechnologen erobert.

Fast am gleichen Tag genehmigte die US-amerikanische Aufsichtsbehörde FDA die weltweit erste klinische Studie für eine neue Form der Krebstherapie. Die Mediziner haben Immunzellen der Patienten genetisch verändert, damit sie die Tumorzellen besser erkennen und vielleicht sogar bekämpfen. Solche gentechnischen Modifikationen bleiben auf den Patienten beschränkt und werden nicht an seine Nachkommen weitergegeben. Aus der Sicht des Ethikrats gelten sie als unproblematisch – der Patient kann zustimmen oder ablehnen. Auch in Deutschland werden zahlreiche klinische Studien nach diesem Prinzip vorbereitet. Die ersten Gentherapien sollen vor allem solchen Patienten helfen, denen die Ärzte derzeit nur wenig anbieten können.

In den USA sind bereits Lebensmittel im Verkauf, bei denen Pflanzen mit Crispr-Cas9 verändert wurden. Diese Methode hinterlässt anders als die bisher übliche Gentechnik keine Spuren oder artfremde Bestandteile in den Pflanzen. In den USA gilt sie deshalb als unbedenklich, während europäische Behörden sich seit Jahren schwer tun, über Genehmigungen zu entscheiden.

Das Ziel: defekte Gene reparieren

Viele neue Techniken in den Naturwissenschaften bleiben auf gut ausgestattete Institute begrenzt. Doch Crispr-Cas9 ist schnell, billig und einfach in der Handhabung. Auch kleine Labore arbeiten damit. Eine der Entdeckerinnen der Technik, Emmanuelle Charpentier, hat das einmal als „Demokratisierung der Genforschung“ bezeichnet. Der Theologe Peter Dabrock nutzte den Vergleich mit einem Gespenst, das manchem Angst mache, dem man sich aber endlich annähern müsse, um herauszufinden, ob es wirklich ein Gespenst sei. Die neuen Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Manche Versuche gehen weit über das hinaus, was der Ethikrat als vertretbar bezeichnet. Chinesische Forscher haben an nicht überlebensfähigen Embryonen ausprobiert, ob sie ein paar Gene ins Erbgut einschleusen können, die eine Immunität gegen den Aids-Erreger HIV ermöglichen sollen. Britische Wissenschaftler besitzen eine Genehmigung für die Forschung an Embryonen, die nicht mehr zur Fortpflanzung vorgesehen sind. In Schweden, Israel, Indien und den USA wird es ähnliche Forschungsprojekte geben.

Das große Ziel: defekte Gene reparieren. Der Tübinger Kinderonkologe Karl Welte nannte in Berlin Zahlen. Derzeit werden etwa 500 Krankheiten direkt mit Veränderungen im Erbgut in Verbindung gebracht. Etwa 20 Prozent der Genmutationen, die dazu führen, dass Menschen schon in jungen Jahren an Krebs sterben, seien bereits in der Keimbahn vorhanden. Manche Forscher träumen bereits von einer Art Menschheitsprojekt, nämlich dem Ausmerzen von krankmachenden Genen. Dazu müssten sie die Keimbahn verändern. Theoretisch ist es möglich, die unerwünschte Mutation bereits in der Eizelle oder im Sperma zu verändern, spätestens nach der künstlichen Befruchtung könnten die Forscher beim Embryo eingreifen und die DNA manipulieren. „Es läuft auf die Frage hinaus, wie wir als Mensch sind und ob wir diese Macht anwenden wollen“, sagt Karl Welke. Diesen Ansatz hat bisher noch niemand versucht, aber technisch erscheint er durchaus machbar.

In Deutschland ist ein genetischer Eingriff in die Keimbahn durch das Embryonenschutzgesetz ohnehin verboten. Deutsche Wissenschaftler haben daran auch kein Interesse bekundet. Aber international wird die Forschung dadurch sicher nicht aufgehalten, ein geplantes Moratorium ließ sich nicht durchsetzen. Man mag den beteiligten Wissenschaftlern glauben, dass es ihnen vor allem um den therapeutischen Nutzen geht, aber das Gespenst eines Designerbabys stand beim Ethikrat durchaus im Raum und wurde von allen Experten abgelehnt.

Die Experten zweifeln gar, ob das Risiko einer Genveränderung überhaupt nötig ist. „Die guten Ergebnisse einer erprobten Krebstherapie müssen erst einmal durch neue Verfahren wie Crispr-Cas9 erreicht werden“, erklärt Welte mit Blick auf die Überlebensrate von 90 Prozent bei einigen Krebsarten. Die Ethikerin und Biologin Sigrid Graumann bevorzugt den Einsatz von Präimplantationsdiagnostik (PID) statt einer risikoreichen Veränderung am Erbgut. Wenn Eltern verhindern wollten, dass ihre Kinder eine möglicherweise gefährliche Genmutation hätten, dann könnte man das über PID kontrollieren. Es sei durch die Regeln der Vererbung nahezu unmöglich, dass bei der künstlichen Befruchtung alle Eizellen den gleichen Fehler aufwiesen. So könnte eine Eizelle ohne die fragliche Genmutation ausgewählt und in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Menschen, die auf herkömmliche Wege Kinder zeugen, kommen für einen genetischen Eingriff am Embryo derzeit ohnehin nicht in Betracht.

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