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Claudia Hontschik „Man muss immer wieder ein neues Gleichgewicht finden“

Über ihr Leben mit Multipler Sklerose hat die Frankfurterin Claudia Hontschik ein bewegendes Buch geschrieben.

04.03.2018 09:31
Rollstuhl
Foto: iStockphoto

„Wenigstens ein paar Schritte, das wäre schon was“, sagt Claudia Hontschik. Doch auch das geht nicht mehr, seit längerem schon nicht. „Nicht mehr laufen zu können, das ist richtig großer Mist.“ Aber das Stehen klappt noch, unter großen Anstrengungen, wenn sie sich an einer eigens dafür montierten Stange in der Wohnung festhält: „Stehen ist ein erhabenes Gefühl.“ Claudia Hontschik, 64, Pädagogin und Supervisorin aus Frankfurt, hat Multiple Sklerose, seit 29 Jahren mittlerweile – und in dieser Zeit erlebt, wie ihr Alltag nach und nach beschwerlicher wurde. Die Krankheit verläuft bei ihr in Schüben, 17 hat sie bisher mitgemacht, durchlitten, und immer gingen dabei körperliche Fähigkeiten verloren. Mal mehr, mal weniger stark, manchmal kamen sie auch zurück wie das Sehen auf einem Auge, das vorübergehend erblindet war. Meist jedoch hieß es nach jedem Schub, mit weiteren Einschränkungen umgehen zu lernen. „Man muss immer wieder ein neues Gleichgewicht finden.“

Seit einigen Jahren sitzt Claudia Hontschik im Rollstuhl. Bislang hat sich ihre Krankheit vor allem auf die Beine konzentriert, Arme und Hände funktionieren noch einwandfrei, auch das Sprechen ist nicht beeinträchtigt. Ein großes Glück, „hoffentlich bleibt es so.“ Der Gedanke, wie es weitergeht, was noch kommen mag, ist allgegenwärtig. Über ihr Leben mit Multipler Sklerose hat Claudia Hontschik jetzt ein Buch geschrieben: „Frau C. hat MS“, Untertitel: „Wenn die Nerven blank liegen“. Sie schildert den Ausbruch der Krankheit, die schrittweise Verschlechterung, die zunehmenden Probleme im Alltag anschaulich, unmittelbar, mit einem gleichsam nüchternen, auch schonungslosen Blick auf sich selbst. Vermutlich gerade weil ihr Stil so direkt und ohne jeglichen leidenden Unterton ist, geht einem die Lektüre nahe. So fühlt man sich also, wenn man im Rollstuhl sitzt, man den anderen nicht mehr in die Augen schauen kann und viele Bereiche nicht mehr zugänglich sind.

Man konnte es sich natürlich auch vorher denken – aber hat man sich wirklich je intensiv in die Lage hineinversetzt? Wie lässt sich diese stetige Ungewissheit aushalten, das Drohen eines nächsten Schubs, die Angst, danach wieder etwas anders nicht mehr zu können? Solche Gedanken steigen beim Lesen unweigerlich hoch.

Ein Buch für Menschen ohne MS

„Ich wollte ein Buch für Menschen schreiben, die keine Multiple Sklerose haben. Ich will ihnen etwas erzählen von meinem Leben mit dieser Krankheit und den Geschichten, die ich erlebt habe. Ich nenne es ein autobiographisches Sachbuch“, erklärt Claudia Hontschik. Die Bezeichnung Sachbuch trifft es auch deshalb, weil die einzelnen Kapitel immer wieder unterbrochen werden von kleinen „Gut-zu-wissen“-Texten mit allgemeinen Informationen über Multiple Sklerose, deren Behandlung und diskutierte Ursachen oder über das Gleichstellungsgesetz beispielsweise.

Ursprünglich hatte Claudia Hontschik gar nicht vor, über sich selbst zu schreiben. Sie wollte andere Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose interviewen und die Ergebnisse dieser Gespräche später veröffentlichen. Zwei Jahre recherchierte sie, dann gab sie diesen Plan auf: „Die Geschichten waren zu deprimierend, das würde niemand lesen wollen.“ Zusammenfassungen dieser Biografien hat sie gleichwohl in ihr Buch aufgenommen – sie vermitteln einen Eindruck, wie unterschiedlich sich diese Krankheit äußert, die sich bis heute eines umfassenden Verständnisses entzieht.

Multiple Sklerose hat viele Gesichter, sie ist unberechenbar, eine individuelle Prognose deshalb kaum möglich. Sie kann schleichend, in Schüben oder fulminant verlaufen und in seltenen Fällen dann schnell zum Tod führen (auch wenn sich bei den meisten Patienten die Lebenserwartung nicht vom Durchschnitt unterscheidet). Nach trügerischen Phasen jahrelanger Ruhe kann sich die Krankheit umso heftiger wieder zurückmelden, so wie es bei Claudia Hontschik der Fall war. Sie kann aber auch irgendwann völlig zum Stillstand kommen.

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