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China Auch der Herzensbrecher muss zum Test

Millionen junger Chinesen legen die Eintrittsprüfung für die Unis ab – selbst Chinas angesagtester Popstar.

Uni-Prüfung in China
Eine Lehrerin betätigt sich vor der Prüfung mit einer Umarmung als Mutmacherin. Foto: epa

Den 17-jährigen Wang Junkai kennen in China alle. Zumindest alle unter 20. Denn Wang ist der Sänger der Band TFBoys, und die ist in Video-Apps, im Musikfernsehen und durch Streaming allgegenwärtig. Wang ist auch international bekannt: Er hat einen der am meisten weitergegebenen Inhalte in der Geschichte der sozialen Medien geschaffen. Ein Video von ihm, wie er an seinem fünfzehnten Geburtstag für seine Fans singt, wurde 350 Millionen Mal geteilt.

Nun steht Wang unter Druck. Denn sein Management pflegt für ihn ein besonders Image, Typ: perfekter Schwiegersohn. Dazu gehörten gute Noten, die er angeblich durch Fleiß und Intelligenz erwirbt. Doch gestern und heute kommt die Nagelprobe: Wang musste die extrem schwere Hochschulzugangsprüfung des Landes ablegen – so wie neun Millionen andere Schulabgänger im ganzen Land an den gleichen Tagen. Wenn sich die Türen für neun Stunden schließen sind, gibt es keine Stars mehr, nur noch Schüler: Chinas Jugend fürchtet den Gaokao (Große Prüfung).

Ihre ganze Zukunft hängt von den Leistungen ab, die sie an diesen zwei Tagen erbringen. Zwar gibt es im sozialistischen Schulsystem fast genug Studienplätze für alle. Doch es geht auch darum, auf die richtige Uni zu kommen. Die örtliche Provinzhochschule garantiert einem keinen gutbezahlten Arbeitsplatz. Absolventen der Elite-Unis in Peking und Schanghai steht dagegen ein sorgenfreies Leben bevor. Glauben zumindest die Eltern. Die Verantwortlichen behandeln die Prüfungsaufgaben daher vor dem Test wie Kostbarkeiten: Sie lagern in überwachten Tresoren und werden von Werttransporten in doppelt verschlossenen Metallkästen zu den Prüfungsorten gebracht. Die Prüfung besteht dann aus drei Pflichtfächern und einem Wahlfach.

Die Pflichtfächer sind Mathematik, chinesische Literatur und Fremdsprachen. Die Mathe-Aufgaben befinden sich zum Teil auf europäischem Universitätsniveau. Für die Chinesisch-Prüfung müssen die Jugendlichen nicht nur einen Kanon von Klassikern praktisch auswendig kennen. Sie müssen auch einen Aufsatz schreiben, der selbständige Interpretation und Einschätzung eines Werks voraussetzt.

Zum Gaokao herrscht in Chinas Städten Ausnahmezustand. Baustellen ruhen, damit die Schüler besser lernen und schlafen können. Taxen führen besondere Schilder, wenn sie Prüflinge befördern – und erhalten von der Polizei freie Fahrt. Aus abgelegenen Regionen fahren Sonderzüge die Jugendlichen zu den Prüfungszentren. Reiche Eltern stellen schon jahrelang vorher Tutoren an, die ihre Kinder durch die Vorbereitungen begleiten und zum Lernen motivieren sollen. Andere schwören auf intravenöse Injektionen von Proteinen, die angeblich die Gedächtnisleistung anregen.

In diesem Jahr sind die 1999 geborenen Schüler dran und damit auch Sänger Wang Junkai. Der Popstar hat extra eine Auszeit von seiner Karriere genommen, um sich auf die Prüfung vorzubereiten. So liebt die kommunistische Propaganda die Vorbilder der Jugend: angepasst und fleißig. Doch Wangs Beliebtheit ist real. Er trifft gerade durch seine Harmlosigkeit und spießige Normalität derzeit einen Nerv. Seine Karriere begann schon mit elf Jahren. Seitdem hat er sich noch keinen Ausreißer geleistet.

Nach dem Ende der Prüfungen muss Wang nun wie alle Schüler bis Mitte Juli warten, um die Ergebnisse zu erfahren. Von der Telefon-Hotline für die Abfrage der Ergebnisse wird er erfahren, ob er seinem Image als Musterschüler gerecht wurde. Seine Gaokao-Punktzahl wird sich dann innerhalb von Minuten durch die sozialen Medien verbreiten. Auch wenn er schlecht abgeschnitten haben sollte, werden ihm das seine – überwiegend weiblichen – Fans natürlich verzeihen, schließlich sind sie alle halb verliebt in Wang. Fragt sich, ob er dennoch auf die renommierte Schauspielschule darf, die ihm bereits einen Platz angeboten hat. Denn im Gaokao-System gibt es keine Ausnahmen.

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