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Burn-out bei Pastoren Nicht nur zur Weihnachtszeit

Alle Jahre wieder sind Pfarrer rund um die Uhr beschäftigt. Eine Studie zeigt, dass das nicht ohne Spuren an den Geistlichen vorbei geht. Jeder Dritte zeigt Burn-out-Symptome. Viele Betroffene suchen deshalb Anerkennung in anderen Bereichen.

20.12.2010 18:13
Birgitta vom Lehn
Eine Studie zeigt: Auch Pfarrer leiden unter den modernen Stress-Krankheiten. Foto: dpa

Alle Jahre wieder: Zur Weihnachtszeit sind die Kirchen gut besucht, die Pfarrer rund um die Uhr beschäftigt, von vielen Menschen erfahren sie Respekt. Nach den Festtagen wird die Begeisterung für alles Klerikale dann aber auch schnell wieder abflauen, die sonntäglichen Gottesdienste bleiben wieder halbleer, viele Pfarrer reagieren frustriert. Mindestens jeder dritte Pastor zeigt einer aktuellen Studie zufolge Burn-out-Symptome. Damit sind Pastoren nicht weniger gefeit vor dem Zeitgeistleiden als Ärzte und Lehrer, sondern eher noch mehr.

„Nur ein kleiner Teil der Pastoren zeigte ein gesundes Verhaltens- und Erlebensmuster“, stellten Wissenschaftler der Theologischen Hochschule Friedensau, der Unis Freiburg und Witten-Herdecke sowie des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld jetzt in einer Gemeinschaftsstudie fest. „Ein großer Teil zeigte eine deutliche Burn-out-Gefährdung.“ Eine ähnliche Verteilung werde auch von Ärzten oder Lehrern berichtet, sei aber bei den untersuchten Pastoren „noch akzentuierter“.

Die Forscher befragten 239 aktive Pastoren der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) und 134 Pastoren der Freien Evangelischen Gemeinden (FEG). 90 Prozent der Pastoren waren männlich, verheiratet und im Schnitt 45,5 Jahre alt, gut 40 Prozent der Ehepartner waren nicht berufstätig.

Körperlich, das zeigte die Studie auch, waren die Pastoren durchaus fitter als die männlichen Teilnehmer einer deutschen Normstichprobe. Ihre psychische Gesundheit lag jedoch „signifikant darunter“. Selbst diejenigen Pastoren, die regelmäßig einen freien Tag pro Woche nahmen, wiesen niedrigere Werte in der psychischen Summenskala auf als die, die das nicht taten. Auch Alter, Familienstand oder die Frage, ob der Partner berufstätig war, spielten keine Rolle.

Bereits über 40 Prozent der Pastoren hatten ihr arbeitsbezogenes Verhalten in Richtung „Schonung“ ausgelegt. Die Forscher sprechen von einem „reduzierten Arbeitsengagement“. 28,3 (STA) beziehungsweise 37,2 Prozent (FEG) der Pastoren wiesen Erschöpfungs- oder Burn-out-Syndrome auf. „In den Bereichen berufliches Engagement und Widerstandsfähigkeit gegen Stress wiesen beide Pastorengruppen reduzierte Werte auf“, schreiben die Studienautoren im Fachblatt Psychotherapie, Psychosomatik und medizinische Psychologie.

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die auch Träger der Hochschule Friedensau ist, zählt in Deutschland rund 590 Gemeinden mit etwa 36?000 Mitgliedern und knapp 300 hauptamtlichen Pastoren. Bei der Freikirche sind es etwa 430 Gemeinden mit rund 37?000 Mitgliedern und etwa 300 hauptamtlichen Pastoren.

Jeder zweite befragte Pfarrer mit Burn-out-Risiko

Bereits vor einigen Jahren sorgte der evangelische Klinikseelsorger Andreas von Heyl für Schlagzeilen, als er für seine Habilitationsschrift an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau herausfand: Jeder zweite befragte Pfarrer besaß das Risiko, an Burn-out zu erkranken, knapp zwei Prozent waren bereits erkrankt. Von Heyl hatte 282 evangelische Pfarrer in München und Nürnberg sowie in den kleineren Dekanaten Weilheim und Windsbach schriftlich befragt. Außerdem hatte er Fachleute, Vertreter der Kirchenleitung und unmittelbar Betroffene interviewt. Inzwischen hat die bayerische Landeskirche dem Burn-out-Experten die Betreuung von Pfarrern in deren ersten drei Berufsjahren anvertraut: Um sie künftig gleich zu Beginn auf das besondere Gefährdungspotenzial Burn-out, das der Pfarrberuf heute mit sich bringt, vorzubereiten.

Auch Iris Kuttler hat sich mit dem Seelenleid der Seelsorger befasst. Für ihre Diplomarbeit „Pfarrer in der Krise? Zusammenhänge zwischen Arbeitsanforderungen im Pfarrberuf und dem Burn-out-Syndrom“ an der Uni Konstanz befragte die Psychologin 140 Pfarrer des Kantons Zürich. Auch ihr Befund zeigt, „dass es Pfarrpersonen zum Teil nicht gelingt, sich nach stressvollen Arbeitstagen ausreichend zu erholen, beziehungsweise von der Arbeit abzuschalten“. Problematisch sei „die vorhandene öffentliche Meinung, dass Pfarrpersonen immer erreichbar sein müssen“. Kuttler regt eine räumliche Trennung von Büro- und Wohnräumen an und geregelte „Sprechstunden“.

Auch Zeitdruck führe zu der emotionalen Erschöpfung. Durch klare Regelungen von Zuständigkeiten und Delegieren von Arbeit ans Sekretariat oder die Kirchengemeinde könnte Zeitdruck möglicherweise reduziert werden, meint Kuttler. Doch ganz so einfach scheint es nicht zu sein. „Der Pastor kann sich anstrengen, wie er will: das Interesse der Gemeinde nimmt ab, die Spiritualität in der Bevölkerung sinkt“, sagt Arndt Büssing, Professor an der Privatuniversität Witten-Herdecke. Das führe bei den Pfarrern zu hoher Unzufriedenheit. Viele suchten sich deshalb Anerkennung und Zufriedenheit in anderen Bereichen, zum Beispiel Musik, Psychotherapie oder Meditation.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse bei evangelischen Pfarrern

„Der Versuch, neue Formen der Spiritualität zu finden, ist allerdings kein rein evangelisches Phänomen, aber wohl dort stärker ausgeprägt als bei den Katholiken“, berichtet Büssing. Nicht selten suchten evangelische Pfarrer deshalb eine Auszeit in katholischen Klöstern, um dort den strukturierten Tagesablauf mit den Mönchen zu leben. Bei den evangelischen Pastoren kämen – im Gegensatz zu katholischen Geistlichen – noch die oft prekären Arbeitsverhältnisse dazu: „Mal hier eine halbe Stelle, mal da ein Projekt.“

Büssing hält sich mit Lösungsvorschlägen aber „fürchterlich zurück“, weil es ihm „falsch ausgelegt“ werden könnte. Doch für „innerbetriebliche Prophylaxeprogramme“ wie Sabbaticals oder Psychotherapie plädiert er schon.

Martin Senftleben hat viele Jahre in Indien als Missionar gelebt, bevor er seine Pfarrstelle in Wolfenbüttel antrat. Der vierfache Familienvater engagiert sich nebenbei auch musikalisch, tritt als Gesangssolist in Kirchenkonzerten auf, pflegt eine eigene Website. Auf der Website des Verbands evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. lässt er allerdings seinem Unmut freien Lauf: „Immer mehr Pfarrer/innen haben einen Burn-out schon hinter sich. Was mich ärgert, ist der Umgang der Kirchenleitungen mit diesem Thema.“

Personalabteilungen würden „nichts“ tun, um die Betroffenen zu unterstützen, kritisiert Senftleben weiter. Auch gebe es nicht zu viele, wie immer behauptet würde, sondern eher zu wenige Pfarrer. Vergleiche mit früheren Zeiten seien fehl am Platz, weil das Arbeitsumfeld sich verändert habe. „Berufsfremde Arbeit“ wie Hausmeister, Küster- und Bürotätigkeiten müssten „endlich wieder von den Schultern der Pfarrer/innen genommen werden“. Man nehme es stattdessen hin, „dass eine Pfarrstelle ein halbes Jahr oder länger vakant sei, die Nachbarkolleg(inne)n die Vertretung übernehmen und so auch deren Belastung das eigentlich zulässige Maß längst übersteigt“, klagt Senftleben.

Den Vorwurf der Untätigkeit weist Johannes Minkus, Sprecher der bayerischen Landeskirche, zurück: „Es gibt bei uns keine künstlich verlängerten Vakanzen. Die durchschnittliche Vakanz beträgt in Bayern sechs Monate.“ Das könne allerdings schon zu einer enormen Belastung werden, vor allem wenn gleich zwei Vakanzen bestehen.

Nach dem neuen Landesstellenplan, der seit 1. Januar in Kraft ist und alle sieben Jahre angepasst wird, habe ein Pfarrer zurzeit 1750 Gemeindeglieder zu betreuen. Das sei kein Unterschied zu vorher. Der sechsprozentige Rückgang der Gemeindegliederzahl sei mit einem Abbau von nur fünf Prozent Pfarrstellen beantwortet worden. „Die Betreuungsquote hat sich also nicht verändert“, so Minkus.

Was sich aber verändert habe in den vergangenen 30 Jahren, das sei die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft. „Der Pfarrer versucht dies durch verstärktes Engagement auszugleichen, und wenn das nicht gelingt, empfindet er das als persönliches Versagen.“ Er gelange dadurch immer stärker in Rechtfertigungsdruck, und das verschlinge sehr viel Energie.

Drei bis sechs Wochen geistlich begleitete Auszeit

Für akut ausgebrannte Pfarrer haben die bayerische, die baden-württembergische und die badische Landeskirche schon vor über 15 Jahren das Haus „Respiratio“ eingerichtet. Im vergangenen Jahr stellte die Synode darüber hinaus 60.000 Euro zur Verfügung für das Programm „Atemholen“: Pfarrer können bei ersten Burn-out-Anzeichen drei bis sechs Wochen eine geistlich begleitete Auszeit nehmen.

Der Friedensauer Gesundheitswissenschaftler Edgar Voltmer, Leiter der jüngsten Burn-out-Studie, macht auch überzogene Erwartungen an den Pfarrer verantwortlich: „Während der Gemeinde zugestanden wird, dass auch noch die letzte Sondermeinung, menschliche Schwäche oder Marotte von Bruder X oder Schwester Y in Entscheidungen berücksichtigt werden müsse, besteht dem Prediger gegenüber die Erwartung eines strahlend-bescheidenen, durch setzungsstark-einfühlsamen Leader-Teamplayer-Unternehmenslenkers, an der jede Realität scheitern muss.“ Trotzdem seien Burn-out oder berufliche Demotivation „keine Entschuldigungsdiagnosen für Leistungsverweigerung“. Sie seien im Gegenteil Chancen, sich für einen geeigneten Umgang mit den Belastungen zu interessieren, Strategien zu verändern und sich gesündere Bewältigungsmuster anzueignen. „Interessanterweise belegen neueste hirnphysiologische Untersuchungen, dass gerade Bewegung und Meditation stressbedingte Wachstumsblockaden aufheben und das Aussprossen neuer Nervenverbindungen fördern können“, sagt Voltmer.

Wichtig seien auch klare Zielvereinbarungen mit der Ortsgemeinde und die Überwindung des Einzelkämpferdaseins. Allerdings sei heute das „Mittelalter“ beruflich derart beansprucht, dass es für Gemeindeaktivitäten praktisch ausfalle. Und Senioren würden sich oft mit dem Satz herausziehen „Jetzt sind mal andere und jüngere dran.“ Bleiben die Jugendlichen. Sie sollten, meint Voltmer, „zu echter Verantwortung und nicht nur zu Hilfsdiensten wie Gabensammlung und Missionsbericht lesen“ herangezogen werden.

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