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"Bioinvasion" Wo Neuankömmlinge sich gerne breitmachen

Vor allem Inseln und Küstenregionen sind gefährdet, von gebietsfremden Tieren und Pflanzen besiedelt zu werden.

Grauhörnchen
Niedlich und robust: Grauhörnchen haben in Großbritannien ihre roten Verwandten verdrängt. Foto: getty

Wer durch Englands Parks spazieren geht, wird dort nur noch selten eines der rötlichen Eichhörnchen zu Gesicht bekommen, wie sie in Deutschland Wälder und Gärten bevölkern. Viel häufiger sind in Großbritannien dafür die etwas größeren Verwandten, die Grauhörnchen, zu entdecken. Die ursprünglich in Nordamerika beheimateten Nager haben das auf der Insel eigentlich einheimische Europäische Eichhörnchen großräumig verdrängt.Nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu kommen die roten Tierchen mit den Pinselohren in Großbritannien inzwischen nur noch in „isolierten Restbeständen“ vor, etwa in Schottland, und auch dort seien sie gefährdet. Die starke Ausbreitung der Grauen begann bereits um 1920 – nachdem das erste in Gefangenschaft lebende Paar 1876 von seinem Besitzer freigelassen worden war.

Dass Inseln im Zentrum stehen, bereitet Forschern sorge

Das Grauhörnchen ist nur ein Beispiel für eine gebietsfremde Art, die für die heimische Fauna und Flora zur Konkurrenz und damit auch zur Bedrohung werden – und bestehende Ökosysteme nachhaltig verändern können. Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat nun erstmals in einer großangelegten Studie untersucht, wo sich solche „invasiven“ Tier- und Pflanzenarten besonders häufig niederlassen. Die meisten dieser „Eindringlinge“ kommen demnach auf Inseln und in Küstenregionen des Festlands vor. Und: Je stärker eine Region wirtschaftlich entwickelt und besiedelt ist, desto höher ist auch der Anteil gebietsfremder Arten. Die Studie wurde in der Zeitschrift „Nature Ecology and Evolution“ veröffentlicht.

Den weltweiten Spitzenplatz hat Hawaii inne. Auf Platz zwei liegt die Nord-Insel von Neuseeland, wo die Pflanzenwelt mittlerweile zur Hälfte aus Arten besteht, die ursprünglich dort nicht heimisch sind. Unter anderem verdrängt der aus Europa stammende Besenginster dort die heimische Vegetation und reichert den Boden mit Stickstoff an. Platz drei belegen die Kleinen Sundainseln in Indonesien. „In Europa hat sich in der Studie Großbritannien als Hotspot für gebietsfremde Arten herausgestellt“, sagt Henno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum, der dem Wissenschaftlerteam angehörte. Deutschland liege im europäischen Mittelfeld.

Die Forscher hatten für ihre Studie eine riesige Datenbank mit den weltweiten Vorkommen von acht Tier- und Pflanzengruppen außerhalb ihres Heimatgebietes erstellt und damit erstmals die Verbreitung von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, Fischen, Spinnen, Ameisen und Gefäßpflanzen auf 186 Insel und 423 Regionen aller Kontinente dokumentiert.

Aus den Daten lässt sich auch ablesen, welche Faktoren die Ansiedlung und Ausbreitung gebietsfremder Arten begünstigen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Ein „deutlicher Anstieg“ bei der Zahl eingebürgerter Tiere und Pflanzen sei in dicht besiedelten Regionen sowie Gebieten mit hoher ökonomischer Entwicklung zu finden gewesen, sagt Dietmar Moser, Zweitautor der Studie von der Universität Wien: „Der Grund dafür ist, dass diese Faktoren die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Mensch viele neue Arten in ein Gebiet einschleppt. Die dadurch mitverursachte Zerstörung von Lebensräumen begünstigt die Ausbreitung von gebietsfremden Arten.“ Inseln und Küstenregionen schienen besonders anfällig zu sein, „da sie im globalen Fernhandel eine dominierende Rolle einnehmen“.

Dass gerade Inseln heute im Zentrum der „Bioinvasion“ stehen, bereitet den Forschern Sorge. Denn viele der dort heimischen Arten kämen auch nur auf den früher isolierten Eilanden vor und seien stark aufeinander eingespielt. Außerdem gebe es auf Inseln wenige oder gar keine räumlichen Rückzugsmöglichkeiten. Die weitere Ausbreitung gebietsfremder Arten in diesen Ökosystemen müsse gestoppt werden. „Die bisherigen Anstrengungen reichen nicht aus“, sagt Hanno Seebens: „Deshalb müssen dringend effektive gesetzliche Maßnahmen ergriffen werden.“ Erfolgreiche Beispiele dafür gebe es bereits. So habe Neuseeland in den letzten Jahrzehnten umfassende Regelungen erlassen, um zu verhindern, dass gebietsfremde Arten eingeschleppt werden. Auf kleinen Inseln seien zudem mehrfach zugewanderte Ratten ausgerottet worden.

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