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Billig-Dozenten an Musikhochschulen Der lautlose Skandal im Land der Musik

Ohne ein ganzes Heer unterbezahlter Lehrbeauftragter würde die Ausbildung an den deutschen Musikhochschulen zusammenbrechen. Nun beginnen sich die Billig-Dozenten zu wehren.

Skulptur vor der Musikhochschule Leipzig: An einigen Musikhochschulen werden mehr als 60 Prozent der Lehre von unterbezahlten Lehrbeauftragten geleistet. Foto: dapd

Das Goethe-Institut schwärmt vom Musikland Deutschland mit seiner „weltweit wohl einzigartigen Dichte an Orchestern, Chören, Opern- und Konzerthäusern“. Doch so stolz Deutschland auf seine klassische Musiktradition ist: Dieses musikalische Erbe wird seit Jahrzehnten unter prekären Bedingungen gesichert, von hochqualifizierten Lehrbeauftragten, die nach Angaben der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen nur ein Drittel dessen verdienen, was ihre festangestellten Kollegen bekommen. Obwohl sie in der Regel die gleiche Arbeit leisten. Werden sie krank oder bekommen sie ein Kind, dann verdienen sie überhaupt nichts mehr.

Jede Woche vier Städte

Inzwischen wird ein so großer Anteil der Lehre von Lehrbeauftragten erteilt, dass ohne diese der Betrieb der Musikhochschulen in Deutschland zusammenbrechen würde. Ihr Lehranteil liegt teilweise bei mehr als 60 oder sogar 70 Prozent. Viel zu oft müssen die Prekär-Dozenten an mehreren Hochschulen gleichzeitig lehren, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

So wie Holger Best. Im Ausland hatte der 57-Jährige eine zweijährige Professur, in Deutschland unterrichtet er seit dreizehn Jahren als Lehrbeauftragter – in diesem Semester an vier verschiedenen Musikhochschulen. Er kennt sich mit dem Fahrplan der Deutschen Bahn fast ebenso gut aus wie in seinen Fachgebieten Violoncellopädagogik und Gehörbildung, der Schulung der musikalischen Vorstellungsfähigkeit. An jedem Mittwochmorgen fährt er von seinem Wohnort Stuttgart nach Heidelberg. Nach vier Unterrichtsstunden geht es mittags weiter nach Frankfurt am Main, in der Nacht erreicht er dann Lübeck. Dort unterrichtet er am nächsten Tag acht Stunden bevor es wieder zurück nach Stuttgart geht. „Ich verbringe fast genauso viel Zeit im Zug wie beim Unterricht, aber nur der wird vergütet“, sagt Holger Best.

Wie die meisten Lehrbeauftragten arbeitet Holger Best über Jahre mit denselben Studenten zusammen und plant auch seinen Lehrplan über diesen Zeitraum. Und zwar ohne eine rechtliche Garantie, dass er überhaupt im nächsten Semester wieder lehren wird. „Arbeitsrechtlich ist das ein Schwebezustand“, sagt er. Manchmal findet er erst zwei Wochen vor Unterrichtsbeginn den Lehrauftrag im Briefkasten, manchmal auch erst am ersten Arbeitstag. Er kennt Kollegen, die plötzlich keinen Auftrag mehr bekommen haben. An kleineren Hochschulen könne das schon daran liegen, dass es zufällig gerade keine Studenten in einer speziellen Fachrichtung gebe, sagt er.

Ursprünglich waren Lehraufträge als Ergänzung zum Angebot der festangestellten Lehrkräfte und Professoren gedacht. „Hier sollten zum Beispiel Orchestermusiker ihre Erfahrungen weitergeben“, sagt Thomas Rietschel, Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Doch weil die Musikhochschulen in ihrer Finanznot damit begannen, für weite Teile des Lehrangebots solche flexiblen Billigkräfte zu nutzen, decken sie inzwischen oft mehr als die Hälfte der Lehre ab. „Viel zu hoch“ findet Thomas Rietschel die Quote der Lehrbeauftragten. An seiner eigenen Hochschule bestreiten sie mehr als zwei Drittel der Lehre.

Eingefrorene Honorare

Eine von ihnen ist Carola Schlüter, seit fünfzehn Jahren lehrt sie in Frankfurt. Hier verdient sie 32,98 Euro brutto in der Stunde. Das ist vergleichsweise viel, denn in Rostock liegt der Stundenlohn etwa bei der Hälfte. Doch weil nur die gegebene Stunde vergütet wird, nicht aber die Vorbereitung, die Korrektur von Hausarbeiten oder die Prüfungen, in die auch Lehrbeauftragte oft tagelang eingeteilt werden, kommt auch Carola Schlüter real nur auf den Bruchteil des Lohnes, den sie eigentlich in ihrer gearbeiteten Zeit verdienen müsste. Und selbstverständlich unterrichtet sie ihre Studenten auch in der vorlesungsfreien Zeit, wenn Prüfungen anstehen. Oder betreut Vorspiele. „Das machen alle Kollegen, die ich kenne.“ Dafür bekommen sie null Euro in der Stunde. Seit den 80er-Jahren sind die Honorare für Lehrbeauftragte weitgehend eingefroren. An vielen Hochschulen wurden sie, wenn überhaupt, nur um ein paar Cent erhöht.

Es sei ein Skandal, dass die Situation der Lehrbeauftragten seit Jahrzehnten stillschweigend hingenommen werde, sagt Carola Schlüter. Sie will das ändern. Vor etwa anderthalb Jahren begann sie, eine bundesweite Konferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen zu organisieren. Wochenlang war sie mit einer Kollegin auf der Suche nach Kontaktadressen. Im Januar 2011 fand die erste Bundeskonferenz statt, ein knappes Jahr später die zweite. Inzwischen hat Carola Schlüter Kontakte zu Lehrbeauftragten an allen Musikhochschulen. Gemeinsam wollen sie politischen Druck aufbauen und dafür sorgen, dass jene Lehrbeauftragten fest angestellt werden, die den Kernbereich der Lehre abdecken und seit Jahren an ihren Hochschulen unterrichten. Lehraufträge sollen dann wieder ihrem ursprünglichen Sinn dienen: als Ergänzung aus der Praxis – nicht als das eigentliche Rückgrat der Lehre. Notwendig dafür wäre eine Erhöhung des Etats der Musikhochschulen. Allein in Hessen ginge es um mehrere Millionen Euro.

„Nur durch eine bessere Ausfinanzierung der Hochschulen könnten Stellen von Lehrbeauftragten in feste Stellen umgewandelt werden“, sagt der Hochschulpräsident Thomas Rietschel. Seit sechs Jahren führe seine Musikhochschule Gespräche mit der Landesregierung über die zu hohe Quote von Lehrbeauftragten. Es seien schwierige Gespräche, zumal sich die hessische Landesregierung darin auf die Schuldenbremse berufen könne, die in der Verfassung stehe.

Und so sagt die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) auf Anfrage unserer Zeitung auch nur, dass zwar grundsätzlich eine Reduzierung der Lehre durch Lehrbeauftragte angestrebt werde. Wie und wann dies geschehe, könne sie aber nicht sagen. Das hänge von Entwicklungen an der Hochschule ab. Das Bundesbildungsministerium verweist wiederum darauf, dass diese Frage Länderangelegenheit sei.

Carola Schlüter will trotzdem nicht aufgeben. In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen werden bereits Gespräche auf Ministerebene geführt, sagt sie. In Hessen hat Carola Schlüter in den letzten Wochen mit allen Landtagsfraktionen gesprochen. Seitdem ist sie überzeugt: „Auf politischer Ebene ist niemand mehr bereit, die gegenwärtige Situation zu verteidigen. Aber es wird wohl Jahre dauern, bis sie sich ändert.“

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