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Bildungseinrichtungen Schulen am Limit

Der starke Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg ist hausgemacht – oder etwa sogar gewollt? Ein Gastbeitrag.

Max und Moritz von Wilhelm Busch
Holzstich mit Lehrer Lämpel (Braun & Schneider, 1865), aus "Max und Moritz" von Wilhelm Busch. Foto: epd

Zu Zeiten von Wilhelm Busch war die pädagogische Welt noch in Ordnung und der Lehrer-verstand wurde nicht kritisiert. Heute brodelt es in der Welt der Pädagogik. Überall im Land häufen sich Klagen aus den Bildungseinrichtungen – sowohl von Eltern wie auch von Lehrkräften. Man sorgt sich um genügend viele Plätze in der Kita für Dreijährige, um Inklusion und um die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. Es wird in der Öffentlichkeit darum gerungen, ob die alte Fibel doch die bessere Leselernmethode sei, ob man das Smartphone in der Schule zulassen und wie die Digitalisierung in die Schule gelangen soll. Es wird berichtet, dass neuerdings auch gegen Lehrkräfte Gewalt ausgeübt wird und dass der Lehrermangel besonders an Grundschulen hoch sei. Für und Wider, Hin und Her, hat das Bildungssystem noch den richtigen Verstand?

Tatsache ist, dass sich der Arbeitsalltag von Lehrern in Zeiten von Inklusion, Migration und der Erwerbstätigkeit beider Eltern oder Alleinerziehender verändert hat. Während früher im Klassenzimmer die Wissensvermittlung im Vordergrund stand, ist heute für Lehrer neben der ausufernden Bürokratie auch noch an vielen Stellen im Schulalltag die soziale Interaktion mit Schülern und Eltern gefragt, eine Zusatzaufgabe, die Kultusministerien mit weiteren Stellen für Schulsozialarbeit aufzufangen versuchen. Neben dem Unterrichten sind Lehrer vermehrt in der Erziehung und in der Verwaltung gefordert. Es liegt der Verdacht nahe, dass die unterrichtsfernen Tätigkeiten verantwortlich sind für nachlassende Schulleistungen.

In der IQB-Bildungsstudie von 2017 wird festgestellt, dass Viertklässler heute schlechter lesen können als Grundschüler vor fünf Jahren. 15 Prozent von ihnen sind nicht einmal in der Lage, einfache Rechenaufgaben zu lösen. Der Verband Bildung und Erziehung beklagt in einem offenen Brief an ein Schulministerium, dass Grundschullehrkräfte tagtäglich erleben, wie sehr sie ihre Ansprüche von Jahr zu Jahr herunterschrauben müssen.

Die OECD-Studie von 2018 bescheinigt Deutschland erneut ein ungerechtes Bildungssystem mit der Kernaussage, dass der immer noch starke Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Her-kunft hausgemacht ist – oder etwa sogar gewollt?

Ein weiterer wesentlicher Grund für die Misere im Schulwesen ist der steigende Lehrermangel – und der ist sehr ungleich verteilt. Während die meisten Gymnasien über ausreichend Personal verfügen, fehlen Lehrkräfte besonders an Grund- und Förderschulen. Der Mangel ist Ausdruck einer fehlenden Wertschätzung ihrer Arbeit nicht nur in ideeller, sondern auch in materieller Hinsicht. Gute Lehrkräfte machen guten Unterricht, müssen gut aus- und fortgebildet und auch gut bezahlt werden. Das gilt insbesondere für Pädagogen in Kindergärten und Grundschulen.

Blendet man der Einfachheit halber alles das aus, was neben dem Unterricht wichtig ist und betrachtet allein die pädagogische Kernaufgabe, das Unterrichten, wird man in den vergangenen Jahren eine Erosion in den Schulen konstatieren mit der Folge, dass das Lernen immer häufiger durch einen außerschulischen Nachhilfe- oder Bildungsmarkt ergänzt wird. Riesige Summen werden dafür aufgewendet von denen, die es sich leisten können, sicher nicht von bildungsfernen Elternhäusern.

Für Carola Thole, die frühere Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL), war es ein großes Anliegen, auch die Bildungspolitik dahingehend zu bewegen, bessere Rahmenbedingungen für die betroffenen Kinder in der Schule zu schaffen. Wie schwer dieser Weg war und weiterhin ist, hat sie in ihrem Grußwort anlässlich des 30-jährigen Bestehens des BVL zum Ausdruck gebracht: „Diese Fürsorgepflicht wurde all die Jahre in grober Weise sträflich vernachlässigt. Ich darf das sagen, denn ich habe den Kummer und die Verzweiflung der Mütter und Väter sowie die Not der Kinder 30 Jahre lang mitgetragen. Die Kultusbehörden und Minister der Bundesländer haben es zu verantworten, dass es eine große Zahl leseunfähiger Erwachsener gibt in unserem Lande, dass so viele Ju-gendliche nicht ausbildungsfähig sind und dass sich neben der Schule ein gigantischer Bil-dungsmarkt aufgebaut hat, wo den Eltern das Geld aus der Tasche gezogen wird. (…) Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen für alle – wie lange ist das noch zu viel verlangt?“

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