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Bildung „Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert“

Andras Schleicher, Chefkoordinator der Pisa-Studie, spricht im Interview über fehlenden Reformeifer, den Spaß am Lernen und die Schule der Demokratie.

Im Dezember werden die neuen Ergebnisse der internationalen Pisa-Studie veröffentlicht. Foto: imago/Westend61

Als vor bald 15 Jahren die erste Pisa-Studie veröffentlicht wurde, war der Schock in Deutschland groß: Die Schüler schnitten im internationalen Vergleich schlecht ab, die Qualität unseres Bildungssystems wurde in Frage gestellt. Seitdem hat sich viel getan, aber nicht genug – sagt der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher. Was muss sich in deutschen Klassenzimmern ändern? Wie integrieren wir die Kinder von Flüchtlingen dort am besten? Darüber haben wir mit Schleicher in seinem Büro bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris gesprochen.

Herr Schleicher, Ihr Grundschullehrer hat Sie als „ungeeignet fürs Gymnasium“ befunden. Wie kam es dazu?
Für mich war Schule damals vor allem mit dem Wort müssen verbunden. Ich musste hin – und wusste nicht warum. Ich habe wenig an individueller Förderung erlebt, es gab das Gleiche für alle. Später habe ich über das Jugendorchester zum Spaß am Lernen gefunden, stundenlang Geige geübt und gemerkt: Wenn du dich anstrengst, kannst du etwas erreichen.

Ihr Vater schlug den Rat des Lehrers aus, sie machten später Abitur mit 1,0. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Sohn eines Professors, sondern eines Bauarbeiters wären?
Ich wäre dann vermutlich ein gutes Beispiel dafür geworden, wie negativ sich an unseren Schulen ein bildungsferner Hintergrund auswirken kann. Gerade Spät-zünder aus solchen Familien erhalten oft keine Chance mehr.

Welche Note geben Sie dem deutschen Bildungssystem heute?
Es hat sich seit den schlechten deutschen Pisa-Ergebnissen im Jahr 2001 viel verändert. Die frühkindliche Förderung wurde ausgebaut, es gibt mehr Ganztagsschulen, bei der Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund ist viel passiert, und die Bundesländer haben sich auf anspruchsvolle Bildungsstandards geeinigt. Klar ist aber: An vielen Stellen brauchen wir noch deutlich mehr Qualität. Wer soziale Herkunft und Bildungserfolg entkoppeln will, darf nachmittags nicht nur beaufsichtigtes Hausaufgabenmachen anbieten.

In einer Note ausgedrückt bedeutet das?
Der Ist-Zustand lässt sich mit einer Drei beschreiben. Die Veränderungsbereitschaft seit der Jahrtausendwende verdient eine Zwei. Allerdings ist der Reform-eifer in den vergangenen Jahren wieder erlahmt.

Was läuft noch immer grundlegend schief?
Wir müssen uns viel stärker fragen: Was macht unsere Kinder erfolgreich? Die Welt belohnt uns nicht mehr allein dafür, was wir wissen – Google weiß ja schon fast alles. Wichtig ist, was wir mit dem Wissen tun können. Es geht darum, unser Wissen kreativ auf neue Zusammenhänge zu übertragen, Bekanntes in Frage zu stellen und Neues zu entdecken, aus Fehlern zu lernen. Noch immer sitzen Schüler zu oft in Reihen auf dem Stuhl und der Lehrer vorne spricht. Wir haben Schüler im 21. Jahrhundert, Unterricht aus dem 20. Jahrhundert und ein Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert.

Schön gesagt, aber was genau soll sich im Klassenzimmer ändern?
Es geht nicht darum, dass Kinder Fakten über Bismarck oder Algebra-Formeln auswendig können, sondern dass sie lernen, wie Historiker und Mathematiker zu denken. In der Finanzkrise sagten viele: „Wir müssen Finanzwissen in den Lehrplan integrieren.“ Später hat die Pisa-Studie herausgefunden: Das nützt gar nichts. Die Chinesen konnten am besten Finanzaufgaben lösen, obwohl sie keinen Finanzunterricht haben. Das können sie deshalb, weil sie im Matheunterricht gelernt haben, komplexe Probleme zu durchdringen.

Lassen sich Neugier und konzeptionelles Denken im Pisa- Vergleich wirklich testen?
Wir geben den Schülern bei Pisa in der Aufgabenstellung das Fachwissen oft mit. Weil es uns darum geht zu sehen, ob sie die dahinter stehenden Konzepte verstehen, innovative Lösungen für Probleme finden, und das Fachwissen kreativ anwenden und auf neue Fragen übertragen können. Darin, diese Form von Kreativität zu prüfen, sind wir mittlerweile sehr gut. Neugier können wir noch nicht testen. Dasselbe gilt für die Fähigkeit zur realistischen Selbstwahrnehmung. Da müssen unsere Tests noch besser werden.

Guter Unterricht braucht gute Lehrer. Lohnt es sich, die besonders gut zu bezahlen – oder zieht das womöglich sogar die Falschen an?
Lehrer werden in Deutschland schon gut bezahlt. Wer begabte Menschen für den Beruf gewinnen möchte, muss ihnen ein gutes Arbeitsumfeld und attraktive Entwicklungsmöglichkeiten bieten, sowie mehr Kollegialität, mehr Gestaltungsmöglichkeiten und mehr Verantwortung. Wenn Sie in Singapur als Lehrer den ersten Schultag haben, fragt der Direktor: „Wollen Sie selbst mal Schulleiter werden? Wollen Sie Lehrpläne entwickeln?“ In Deutschland fragt das keiner. Und man lässt die Lehrer im Klassenzimmer allein.

Hierzulande werden Gymnasiallehrer am besten bezahlt. Wer dagegen in einer Hauptschule im Problemviertel unterrichtet, bekommt weniger…
Dafür gibt es keine Erklärung – außer, dass es schon immer so war.

Ihr häufiges Lob für den Unterricht in Singapur und China stößt in Deutschland vielen bitter auf. Profitieren die Lehrer dort in der Klasse nicht von autoritären Strukturen in der Gesellschaft, die wir hier mit Recht nicht wollen?
Das Erfolgsgeheimnis dort ist, abgesehen von gutem Unterricht, ein ganz anderes. Ich habe selbst gesehen, welch intensiven Kontakt eine Lehrerin in einer armen Region in China zu den Eltern pflegt und diese so für den Bildungsprozess ihres Kindes gewinnt. In Singapur bereiten die Lehrer den Unterricht gemeinsam vor und besuchen sich dort gegenseitig. Dafür schaffen die Schulen und Bildungsbehörden den zeitlichen und organisatorischen Rahmen.

Im Dezember werden die neuen Pisa-Ergebnisse veröffentlicht. Manche Lehrer geben vorher einen Tipp, falls man die Klassenarbeit verhauen hat. Also: Haben Sie schon reingeschaut?
Ja und nein. Wir sind dabei, die Pisa-Resultate auszuwerten. Aber wir machen das anonymisiert. Den Ländern ist ein Zufallscode zugeteilt. Ich will nicht wissen, welche Ergebnisse zu welchem Land gehören. Es ist wie bei einem Lehrer, der Abiturklausuren von einer anderen Schule durchsieht, ohne konkrete Schüler vor Augen zu haben.

Einige Politiker warnen, Deutschland könnte sich in Bildungsvergleichen verschlechtern – wegen der großen Auf- gabe der Flüchtlingsintegration. Eine Ausrede?
Die Daten für die Pisa-Ergebnisse, die wir in wenigen Monaten vorstellen, wurden ja im März und April 2015 erhoben – vor der großen Flüchtlingskrise. Ich höre in Deutschland oft den Satz: Die Schule kann nicht die Probleme der Gesellschaft lösen. Ich frage umgekehrt: Welche Probleme soll die Schule denn sonst lösen? Deutschland hat ja auch große Fortschritte dabei gemacht, Schüler mit Migrationshintergrund so zu integrieren, dass sie im Bildungssystem gute Leistungen erzielen. Ich sage also: Nur Mut!

Brauchen Flüchtlingskinder eine längere Zeit in gesonderten Klassen?
Nein, wir müssen die Schüler rasch in normale Klassen integrieren und dort unterstützen. Sie lernen schneller Deutsch, wenn sie am deutschen Mathe-Unterricht teilnehmen als in einer Integrationsklasse. Extra Sprachunterricht können sie natürlich ruhig in eigenen Klassen bekommen. Der gemeinsame Unterricht ist für Lehrer eine höhere Belastung, für die wir sie aus- und fortbilden müssen.

Deutschland ist nach dem Amoklauf von München unter Schock, in Europa herrscht Angst vor Terror. Kann Bildung etwas gegen die Gewalt ausrichten?
Das A und O ist, dass es jungen Menschen gelingt, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Prävention fängt damit an, dass jemand in der Lage ist, seine eigene Position zu hinterfragen. Schule muss ein Ort sein, an dem man das übt. Eine Schule der Demokratie.

Interview: Tobias Peter

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