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Benin Bäume helfen beim Bleiben

Die Böden im westafrikanischen Benin trocknen immer mehr aus – eine Massenflucht droht.

28.04.2017 13:14
Susanne Götze
Baumschule
Sprießende Pflänzchen und Setzlinge inmitten einer kargen Landschaft: die Baumschule von Barnabé N’Da. Foto: Susanne Götze

Steht die Sonne im Zenit, herrscht in Atakora eine unbarmherzige Hitze von 45 Grad im Schatten. Während der Trockenzeit weht ein heißer Wind über die ausgedörrten Felder und die rötlichen Wege, an denen kahle Sträucher und einige Affenbrotbäume wachsen. Nichts verspricht ein wenig Abkühlung. Mehrere Monate dauert das große Schwitzen in Benin und selbst in der Nacht kühlt es im Norden des westafrikanischen Landes kaum auf 30 Grad ab. Die Dörfer der Region Atakora liegen rund 700 Kilometer nördlich der Atlantikküste, nicht weit von der Grenze nach Burkina Faso und Niger und damit zur Sahara.

Nach der langen Reise durch eine erdfarbene Landschaft und Dörfer aus kleinen Lehmhäuschen wirkt das Grundstück von Barnabé N’Da wie eine Fata Morgana inmitten der vor Hitze flirrenden Mondlandschaft. Der Umwelttechniker hat um sein Land in der Größe zweier Fußballfelder einen Baumgürtel gepflanzt. Im Inneren gießen eifrige Helfer seine 5000 Baumsetzlinge aus Blechgießkannen. Die Hitze ist inmitten der sprießenden Pflänzchen nicht ganz so drückend und die Luft gar nicht mehr staubig. „Bäume verändern alles, sie sind der Schlüssel für unser Überleben“, meint N’Da. Er hat vor einigen Jahren die Baumschule mit nichts weniger als dem Ziel aufgebaut, seine Heimat wieder aufzuforsten. „Ohne Bäume werden die Böden der Region weiter versanden, die Wüste wird sich weiter in unser Land fressen und die Bauern werden irgendwann aufgeben“, ist sich der Gründer der Baumschule sicher. Es gehe um mehr als „nur“ Umweltschutz. Es gehe um das Überleben der Menschen, die hier seit Jahrtausenden siedeln, und um ein Ökosystem, das kurz davor ist zu kollabieren.

Seit Jahrzehnten holzen die Klein- und Großbauern in der Region den natürlichen Waldbestand ab. Viel ist nicht mehr übrig außer vereinzelten Baumgrüppchen zwischen den Feldern und steppenartigen Weidelandschaften. Die Folgen dieser hausgemachten Umweltkatastrophe sind starke Winde, die den fruchtbaren Boden abtragen, und ein verändertes Mikroklima, das für noch heißeres und trockeneres Wetter sorgt. „Seit die Bäume weg sind, ziehen die Regenwolken einfach weiter“, sagt Baumschulen-Betreiber Barnabé N’Da. „Es gibt weniger Schatten und der Boden wird sandig und unfruchtbar.“

Was der Umwelttechniker beschreibt, ist eine der größten Herausforderungen der südlichen Sahelzone: Millionen Menschen sind dort von der Subsistenzlandwirtschaft abhängig. Sie leben von ihrem Stück Land und wenn der Boden nichts mehr hergibt, müssen sie alles aufgeben und in eine der großen Städte ziehen. „Wir haben es hier mit einer gefährlichen Mixtur aus mehreren Faktoren zu tun“, meint auch der Agraringenieur Amadji Firmin, der seit 30 Jahren in Benin für staatliche Programme und Nichtregierungsorganisationen arbeitet. „Viele Bauern haben Land gerodet, weil sie es für den Anbau von Baumwolle brauchen – der einzige große Exportzweig in Benin.“ Der bewässerungsintensive Anbau der Pflanze mit den weißen Wattebällchen brauche auch noch viele Pestizide und Herbizide. Hinzu kommt laut Firmin, dass sich die Bevölkerung Benins in 20 Jahren verdoppelt hat und immer mehr Menschen von immer weniger fruchtbarem Boden versorgt werden müssen. Seit zwei Jahrzehnten addieren sich zu diesen Problemen nun auch die Folgen des Klimawandels: „Die Jahreszeiten sind unregelmäßig und in der Regenzeit kommt es zu sogenannten Trockentaschen, in denen es einfach für ein paar Wochen gar nicht regnet.“

Firmins Beobachtungen decken sich mit der düsteren Prognose von Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. In einer aktuellen Studie simulierten sie die Auswirkungen einer Klimaerwärmung von durchschnittlich zwei Grad auf die Ernteerträge in den Ländern südlich der Sahara. Demnach könnten die Ernten in der Region in den kommenden Jahrzehnten um 20 Prozent einbrechen. Bei einem Szenario von vier Grad durchschnittlicher Erwärmung müsse man zum Ende des Jahrhunderts sogar mit Ernteausfällen von 50 Prozent rechnen. Dabei haben die Forscher nur die klimatischen Veränderungen berücksichtigt – die hausgemachten Probleme sind noch gar nicht eingerechnet.

Die Bauern in Benin fühlen sich angesichts dieser Horrorszenarien recht hilflos. In einem Dorf rund 400 Kilometer westlich der Baumschule von Barnabé klagen die Einwohner schon heute über massive Ernteeinbußen. Statt der üblichen drei Tonnen fahren sie nur noch knapp eine Tonne Mais pro Jahr ein, klagt ein Bauer und Familienvater von fünf Kindern. „Das führt zu Streit um die letzten fruchtbaren Böden“, berichtet ein Gemeindevertreter der Region Gougounou, nördlich der Stadt Parakou. Es gebe immer mehr Gewaltopfer – der Druck auf die Familien steige. Viele junge Leute würden ihre Familien verlassen, um sich als Taxifahrer in den Städten zu verdingen, andere versuchten in Nachbarstaaten oder in Europa ihr Glück.

„Die Bauern brauchen dringend Unterstützung, um sich an die Folgen dieser Umweltveränderungen anzupassen“, mahnt Agraringenieur Amadji Firmin. Zusammen mit lokalen Nichtregierungsorganisationen und der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit schult er Agrarreferenten, die von Dorf zu Dorf ziehen. „Die Bauern bekommen von uns Ratschläge, wie sie ihre Böden wieder fruchtbar machen“, so Firmin. „Der Aufbau der Humusschicht dauert – aber wir können mit einfachen Mitteln große Erfolge erzielen“. Etwa mit Hülsenfrüchten wie Straucherbsen, die auch in der Trockenzeit noch grüne Blätter haben. Sie geben dem Boden wichtige Mineralien zurück und zusätzlich kann man ihre Früchte ernten. „Oft sind es einfache Tipps wie horizontale Ackerfurchen, die das Wasser besser halten, oder das Belassen der Erntereste auf den Feldern als natürlichen Dünger“, erläutert der Agraringenieur. Die Bauern werden ermutigt, statt der Yams- und Maispflanzen, die den Boden auslaugen, neue Arten auszuprobieren, wie die Getreideart Sorghum, die hohe Temperaturen und Wassermangel gut verträgt.

Auch Baumschulenbesitzer Barnabé N’Da versucht, den Bauern zu helfen. Allerdings sei ihnen der Nutzen des Bäumepflanzens nicht immer leicht zu erklären. Oft setze erst dann ein Umdenken ein, wenn es beim Nachbarn sichtbare Erfolge bei der Ernte gebe.

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