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"Bei Verhandlungen nicht nur auf die Staaten schauen"

Zwei Londoner Wissenschaftler haben erstmals Zahlen präsentiert, auf welchen Anteil ihrer Kohle-, Öl- und Gasreserven einzelne Staaten und Regionen verzichten müssen, wenn die Erderwärmung nicht über zwei Grad Celsius steigen soll.

28.01.2015 17:25
Eva Mahnke
Auch die Ölreserven dürfen nicht ausgeschöpft werden. Foto: REUTERS

Der Klimapolitik-Experte Michael Jakob, Wirtschaftswissenschaftler am Mercator Institute on Global Commons and Climate Change, erklärt, warum wir diese Zahlen brauchen, um den globalen Klimaschutz voranzubringen.

Herr Jakob, warum hat die Frage, wer überhaupt noch welche Ressourcen nutzen darf, bislang in der Wissenschaft keine Rolle gespielt? Birgt das Thema so viel politischen Sprengstoff?
Die Frage ist auf jeden Fall politisch hochsensibel. Die Aufteilung der fossilen Reserven ist ein wichtiger Punkt für die Klimaverhandlungen, weil davon zum Großteil die Verteilung der Kosten abhängt, die durch den globalen Klimaschutz auf die Länder zukommen – zum Beispiel durch den Umbau ihrer Energieinfrastruktur oder durch den Verzicht auf Einnahmen aus der Ölförderung. Die meisten Studien haben sich bisher nur die Klimaschutz-Kosten insgesamt auf nationaler oder regionaler Ebene angeschaut.

Die Londoner Wissenschaftler schlagen vor, die Ressourcen, die noch gefördert werden dürfen, nach der Höhe der Förderkosten zu bestimmen. Ein Teil der billigsten fossilen Rohstoffe könnte noch verbraucht werden – die teuren aber nicht, weil das globale Emissionsbudget dann schon aufgebraucht ist. Manche Länder haben mit dem Verteilungsschlüssel Glück, andere nicht.
Ja, denn für das Klima ist es egal, ob die Kohle in China oder in den USA genutzt wird, solange der Kohlendioxidausstoß insgesamt begrenzt bleibt. Was die Wissenschaftler vorgeschlagen haben, wäre die ökonomisch optimale Lösung. Man könnte natürlich auch jede andere Verteilung wählen, die unser verbleibendes Emissionsbudget nicht sprengt.

Bringen uns die Zahlen weiter?
Die Studie zeigt uns, wer die größten politischen Verlierer wären, würde man einen weltweiten Preis auf Kohlendioxid einführen. Kanada zum Beispiel könnte keine Ölsande mehr fördern, China und Indien könnten mehr als zwei Drittel ihrer Kohle nicht mehr verwenden. Russland müsste auf die Hälfte seiner Gasvorkommen verzichten. Die Studie legt außerdem nahe, dass es wichtig ist, für die Klimaverhandlungen nicht nur auf die Staaten zu schauen. Wir wissen, dass die fossilen Industrien sehr mächtige Interessengruppen sind. Die Studie zeigt, wo wir mit dem Widerstand von Minenbesitzern, Ölkonzernen oder der Kohleindustrie rechnen müssen. Das ist wichtig, weil wir Wege finden müssen, wie Länder ihre Klimapolitik auch national umsetzen können.

Länder mit nur teuer zu erschließenden fossilen Ressourcen würden sich doch nicht auf eine regionale Aufteilung von Nutzungsrechten einlassen. Immerhin sind die bekannten Reserven, die die Energiekonzerne in ihre Bilanzen eingepreist haben, 27 Billionen US-Dollar wert. Und die Staatshaushalte ganzer Staaten wie Russland basieren zu großen Teilen auf dem Verkauf der Reserven.
Auf die Frage gibt es keine einfache Antwort. Zum Teil können die Staaten ausweichen: Russland müsste bei der vorgeschlagenen Verteilung zwar mehr als 90 Prozent seiner Kohlevorräte unangetastet lassen. Aber es dürfte noch rund vier Fünftel seiner Ölreserven und die Hälfte seiner Gasvorkommen nutzen. Und zum Teil könnte es die fossile Energie durch Biomasse kompensieren. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch fragen: Was kann man solchen Ländern im Gegensatz bieten, um den Verzicht schmackhaft zu machen?

Was schlagen Sie vor?
Eine Klimapolitik kann nur Erfolg haben, wenn die Besitzer großer Ressourcenvorkommen kompensiert werden. Das ließe sich zum Beispiel in einem globalen Emissionshandelssystem erreichen, indem jene Länder mehr Emissionsrechte zugeteilt bekommen. Eine andere Option: Solche Länder über Zahlungen aus dem Grünen Klimafonds zu kompensieren oder ihnen kostenlos Zugang zu alternativen Technologien zur Verfügung stellen, etwa Patenten. Denkbar ist auch eine ökologische Steuerreform: Bevor man Unternehmensgewinne oder Arbeitseinkommen besteuert, sollte man doch erstmal CO2-Emissionen besteuern.

Ist es überhaupt denkbar, dass die Staaten darüber verhandeln, wer noch wie viel Öl, Gas oder Kohle fördern darf?
Nein, das halte ich für unwahrscheinlich. Die Diskussion wird sich wohl auch weiter um nationale Emissionsbudgets drehen. Für das Klima ist es aber egal, ob wir den Emissionsausstoß oder die Nutzung von Ressourcen regeln. Die Zahlen der Londoner Wissenschaftler zeigen aber sehr anschaulich, was es bedeuten kann, sich auf das Emissionsbudget zu beschränken, das die Einhaltung der Zwei-Grad-Marke möglich macht.

Interview: Eva Mahnke.

Eva Mahnke ist Journalistin beim Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die FR in einer Kooperation die Berichterstattung zu den Themen Klima und Umwelt intensiviert.

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