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Bauchgefühle Der freie Wille im Zwielicht

Entscheiden wir tatsächlich bewusst und rational, oder doch eher aus dem Bauch heraus? Die Ergebnisse aus der Hirnforschung sind erstaunlich und verschieden. Von Johann Caspar Rüegg.

14.08.2008 00:08
JOHANN CASPAR RÜEGG
Wurde die Entscheidung im Bauch oder im Kopf getroffen? Die Hirnforscher sondieren das Unbewusste. Foto: dpa

Stellen Sie sich vor, Sie kündigen Ihren Job. Sie haben sich entschieden, es war Ihr "freier" Wille. Bei manchen Entscheidungen kann man ein gutes Gefühl aber nicht selten auch ein "ungutes Gefühl im Bauch" haben, so dass "einem fast schlecht wird", wenn man daran denkt, das wissen wir alle. Bauchgefühle können Entscheidungen unbewusst sehr beeinflussen, auch wenn man meint, die Entscheidung ganz rational und bewusst getroffen zu haben, sagt der Hirnforscher Antonio Damasio.

Der Neurowissenschaftler vertritt in seinem Buch "Descartes' Irrtum" die Auffassung, dass persönliche Entscheidungen meistens auch und gerade durch Emotionen bzw. durch sogenannte somatische Marker (Bauchgefühle) von Körperzuständen mit bedingt sind, die "unbewusst" in den neuronalen Netzwerken des Körpergedächtnisses repräsentiert sind.

Die Rede ist vor allem von emotionalen Entscheidungen. Emotionen wie Wut, Angst oder Freude "überkommen" einen. Wenn einem Zornigen im Affekt "die Hand ausrutscht", so kann er - angeblich - nicht anders. Verhält es sich aber etwa anders bei Besonnenen, die sich bei ihrem Handeln und Entscheiden "frei denken" (um mit Kant zu sprechen)? Oder ist auch bei ihnen jegliches Handeln und Entscheiden im Grunde genommen unbewusst vorprogrammiert, Sekunden, bevor es bewusst wird?

Handlungsvorbereitung vor Bewusstsein

Manche Entscheidungen, die wir bewusst treffen, werden durch unbewusst ablaufende Vorgänge im Gehirn vorbereitet, sozusagen gebahnt. Dies haben unlängst Studien mit bildgebenden Verfahren am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gezeigt. Die Leipziger Kognitionsforscher setzten ihre Versuchspersonen in die Röhre eines Kernspintomographen, um ihre Hirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Kernresonanz zu scannen.

Die Probanden sollten sich zu einem beliebigen Zeitpunkt entscheiden, entweder die linke oder die rechte Hand zu bewegen. Danach mussten sie angeben, wann genau sie sich ihrer Absicht bewusst wurden, mit der einen oder der anderen Hand auf die Taste eines Keyboards zu drücken. Die Überraschung: Schon sechs bis zehn Sekunden vor dem Gewahrwerden der Intention zeigten sich im Stirnhirn und Scheitellappen charakteristische Veränderungen im neuronalen Aktivierungsmuster.

Und noch eins: Besagte Veränderungen des Gehirns erlaubten eine Voraussage, ob die Versuchsperson - zehn Sekunden später - willentlich die rechte oder die linke Hand bewegte. Diese Prognose erfolgte freilich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sondern - ähnlich wie bei einer langfristigen Wetterprognose - nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 55 bis 60 Prozent. Damit lag aber die Trefferquote immer noch deutlich über der Zufallswahrscheinlichkeit von 50 Prozent, und dies bedeutet vermutlich, dass schon Sekunden vor einer Entscheidung im Unbewussten eine Tendenz besteht, diese Entscheidung herbeizuführen - zumindest in den Experimenten der Leipziger Kognitionsforscher.

Offene Fragen

Bewahrheiten sich also die berühmten Experimente Benjamin Libets? Dieser Hirnforscher fand schon in den 80er-Jahren heraus, dass die mit einer willentlichen Entscheidung assoziierte Gehirnaktivität - das sogenannte Bereitschaftspotential - entdeckt werden kann, bevor man sich überhaupt bewusst ist, eine Entscheidung getroffen zu haben.

Libets Versuchsteilnehmer mussten feststellen, wann sie den Impuls zu einer spontanen Bewegung eines Fingers verspürten - eine schwierige Aufgabe, weil sie sich im Moment ihrer Absicht die Position eines leuchtenden Punktes auf dem Bildschirm eines Computers merken mussten, der sich wie der Sekundenzeiger einer Uhr im Kreise bewegte, nur ungefähr hundert mal schneller. Anscheinend waren sich die Probanden ihrer Absicht eine Fünftel Sekunde vor Beginn einer Bewegung bewusst, etwas später als das Bereitschaftspotenzial, das auf der Kopfhaut über dem Stirnhirn registriert wurde.

Allerdings sei die Kausalitätsbeziehung zwischen besagter Hirntätigkeit und Wille eine noch offene Frage, betonte damals der Züricher Hirnforscher Konrad Akert und hatte recht. Die Münchener Psychologen Patrick Haggard und Martin Eimer erkannten nämlich, dass das Bereitschaftspotential gar nicht die eigentliche Ursache für das Bewusstwerden einer Entscheidung sein könne, etwa der Absicht, einen Finger der linken oder der rechten Hand zu krümmen. Ursache sei vermutlich ein anderes Hirnpotential (bzw. die damit verbundenen neuronalen Prozesse), das mit der bewussten Wahrnehmung der Absicht beinahe zusammenfalle. Es handelt sich um das sogenannte lateralisierte Bereitschaftspotential, Hirnströme, die in den Versuchen von Haggard und Eimer (nur) wenige Zehntelsekunden vor einer bewussten Wahrnehmung der Intention einer Fingerbewegung registriert werden konnten.

Weiterführende Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren verdanken wir dem britischen Hirnforscher Hawkan Lau und seinen Kollegen vom University College in London. Wenn die Versuchsteilnehmer im Kernspintomographen - introspektiv - ihre ganze Aufmerksamkeit konzentriert auf den Moment der Intention richteten, in dem sie den Impuls, den inneren Drang (englisch "urge") verspürten, einen Finger zu krümmen, dann veränderte sich in diesem Augenblick die Hirnaktivität in einer charakteristischen Weise. Sie verstärkte sich ausgerechnet in einem Rindenfeld, von dem man annimmt, es sei an der aktuellen Planung eines Bewegungsablaufs beteiligt. Besagter Hirnbezirk liegt an der (medialen) Innenseite einer Hirnhemisphäre in direkter Nachbarschaft zum motorischen Kortex und heißt in der Fachsprache "präsupplementärmotorischer Kortex" (englisch abgekürzt "Pre-SMA").

Die im Wissenschaftsmagazin "Science" publizierten Forschungsergebnisse erregten großes Aufsehen, zumal sich eine Aktivierung des Pre-SMA nicht feststellen ließ, wenn die Probanden kaum auf die Intention einer Fingerbewegung achteten, sondern - statt dessen - auf die Auslösung der Bewegung.

Die englischen Neurobiologen hätten durch ihre Forschungsarbeit herausgefunden, dass die neuronale Aktivität im Pre-SMA der cerebralen Repräsentation einer Intention entspräche, hieß es in der Laudatio anlässlich der Verleihung des renommierten William James-Preises an Lau und seine Kollegen. Und: Die preisgekrönte Forschung lege nahe, dass die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Intention einer Handlung auch deren bewusste (willentliche) Kontrolle ermöglichen könnte.

Diese Schlussfolgerungen könnten möglicherweise auch von Bedeutung für die Psychotherapie einer Angststörung, der Zwangsneurose, sein. Es stellt sich nämlich die Frage, ob Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf die Intention, bzw. den inneren Drang zu handeln, nicht manchen Menschen mit Zwangsstörungen helfen könnten, ihre Zwänge - einen Waschzwang beispielsweise - etwas besser unter Kontrolle zu bringen.

Dies wird mit einer auf der Achtsamkeitsmeditation basierenden kognitiven Verhaltenstherapie angestrebt. Ein Patient mit Waschzwang könne dank dieser Therapie lernen, sich innerlich von seinen Zwängen zu distanzieren, indem er gelassen auf die sich immer wieder aufdrängenden Impulse achte ohne darauf zu reagieren - als ob sie ihn nichts angingen, sagt der kalifornische Psychiater Jeffrey Schwartz, ein praktizierender Buddhist.

Jedenfalls: Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der aktuellen Erkenntnisse neurowissenschaftlicher Forschung ist kaum anzunehmen, dass das für die ethischen Belange der Menschheit so wichtige Konzept des "freien Willens" bald aufgegeben wird. Wir behalten die Kontrolle über unser Handeln - zumindest, wenn unser Verhalten eher rational als emotional bestimmt ist.

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