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Barbapapa Eine Knolle als alternativer Held

Seit 40 Jahren gibt sich „Barbapapa“ in den Kinderzimmern der Welt politisch korrekt. Populär wurden die neun birnenförmigen und bonbonbunten „Barba“-Wesen vor allem ab 1974 durch die Filme. Seitdem begeistern ihre Geschichten Kinder auf der ganzen Welt.

17.12.2010 09:00
R. Stanton und S. Loichinger
Barbapapa Foto: Atlantis Verlag

Die Zähne sind geputzt, der Schlafanzug angezogen, es ist jetzt Zeit für das Abendritual: Flora steht vorm Bücherregal, überlegt hin und her und zieht schließlich „Barbapapa auf dem Mars“ heraus. Sie trägt es zu ihrer Mutter, die es am Bett vorlesen wird, obwohl sie es auswendig kann und oft keine rechte Lust mehr hat – aber ihre Töchter Flora und Perle, vier und zwei Jahre alt, wollten zum Schlafengehen bisher selten etwas anderes als „Barbapapa“.

Vor 40 Jahren kam der erste Band der „Barbapapa“-Reihe auf den Markt. Populär wurden die neun birnenförmigen und bonbonbunten „Barba“-Wesen dann vor allem ab 1974 durch die Filme. Seitdem begeistern ihre Geschichten Kinder auf der ganzen Welt. Aber wieso?

Flora mag ihn, „weil der Baum wieder gerade steht, weil die Tiere wieder gesund sind, weil Barbapapa nicht mehr eingesperrt ist, und weil die Kinder sich in der Schule nicht mehr streiten“. Der rosa Riese ist politisch korrekt, kleine Kinder finden das gut.

Floras Mutter beobachtet auch bei Kindern befreundeter Mütter eine übergroße Begeisterung für „Barbapapa“ und staunt, wie die einfach gezeichneten und reduziert erzählten Geschichten doch komplexe Themen vermitteln: Umweltschutz, erneuerbare Energien, Biodiversität, Integration, alternative Bildungssysteme.

Für Talus Taylor, der mit Annette Tison „Barbapapa“ erfand, ist erst einmal der Spaß wichtig. „Wir wollen die Kinder vor allem unterhalten und ihnen eher nebenbei ein paar Informationen mitgeben, ohne dezidiert didaktisch oder erzieherisch aufzutreten“, sagt er. „Wir versuchen, in all unseren Büchern lustig zu sein. Wenn wir Tiere zeichnen, tun wir das ziemlich realistisch, aber sie tragen immer ein kleines Lächeln im Mundwinkel.“

Taylor weiß als Lehrer, wie man mit Spaß auch ernste Inhalte vermitteln kann. Im Biologieunterricht zeichnete Taylor gerne Tiere an die Tafel. „Meine Schüler liebten das“, berichtet er. In Paris traf der US-Amerikaner in den 1960er Jahren seine spätere Frau Annette Tison, eine junge Architektin.

Die beiden zeichneten gern lustige Bildchen, für sich und mit Kindern, die ihre Bilder nachzeichnen sollten. „Auf diese Weise kann man sich mit ihnen prima unterhalten“, so Taylor. Natürlich durften die Zeichnungen nicht zu kompliziert sein. „Es ist schwierig für kleine Kinder, eine Ente oder eine Maus zu zeichnen, aber mit Barbapapa ist es leicht, weil er seine Form verändern kann: So sind ihre Zeichnungen immer richtig“, sagt Taylor.

"Barbapapa" kann jedes Kleinkind aussprechen

Diese besondere Art der Kommunikation wurde zum Grundprinzip der „Barbawelt“ und damit eines Universums, das sich inzwischen über mehr als ein Dutzend Bücher und 100 Filme erstreckt. Den Namen „Barbapapa“ kann laut Taylor jedes Kleinkind auf der Welt aussprechen, weil er voller Labiallaute steckt, an deren Bildung vor allem die Lippen beteiligt sind. Nebenbei klingt er wie das französische Wort für Zuckerwatte, barbe à papa.

Der erste Band der Reihe erschien im Jahr 1970. Er begann mit einem Zitat aus der Bibel: Wie Adam, den Gott im Garten Eden aus Lehm formt, kommt „Barbapapa“ aus der Erde. Er wächst als Knolle im Garten der Familie von François in einem französischen Dorf. François freundet sich gleich mit dem rosaroten Knubbel an, doch seine Eltern schicken ihn fort. „Barbapapa“ muss in den Zoo. Auch dort wird er abgeschoben, weil er anders ist.

Allein und eingesperrt im Käfig entdeckt „Barbapapa“ sein größtes Talent: Er kann seine Form verändern. Doch erst, als er es einsetzt, um Menschen aus einem brennenden Haus zu retten und einen freilaufenden Leoparden einzufangen, erst als er sich nützlich macht, akzeptieren ihn die Menschen und ehren ihn schließlich als Helden.

„Das Formwandeln wurde immer wichtiger. Wir sahen es mehr und mehr als Möglichkeit für Kinder, ihre Tagträume auszudrücken. Jede Situation kann man damit bewältigen“, erklärt Talus Taylor. So wurde „Barbapapa“ zu einem alternativen Superhelden – zu einer Zeit, als sich in der westlichen Welt ein alternatives Bewusstsein formte. 1972 warnte der Club of Rome vor den Folgen ungebremster Industrialisierung, vor dem Versiegen von Rohstoffen und der Zerstörung von Lebensraum.

Ein Jahr zuvor, 1971, war „Barbapapa rettet die Tiere“ erschienen. Das Buch variiert das biblische Motiv von der Arche Noah: Die „Barbapapas“ „bauen eine Arche in Form einer Rakete“, heißt es darin, und bringen die Tiere „zu einem schönen grünen Planeten“, weil sie auf der Erde vor Jägern und den Abgasen aus Fabrikschloten nicht sicher sind. „Die Barbapapas mögen Tiere. Sofort helfen sie ihnen“, steht im Buch. Diese Logik versteht jedes Kind.

1971 warben Talus Taylor und Annette Tison im Band „Barbapapa im Winter“ darum, exotische Tiere nicht in unseren Breiten zu halten. Die vierjährige Flora nickt und sagt verständnisvoll: „Ich mag, dass die Vögel von den „Barbapapas“ wieder nach Afrika zurückgebracht werden. Sie haben sich nicht wohlgefühlt.“

Kein Werbemotiv geworden

In einem späteren Band merken die „Barbapapas“ umgekehrt, wie falsch es ist, in ein bestehendes Ökosystem gestaltend einzugreifen. Taylor sagt heute: „Wir waren ein bisschen früh dran mit unserem Interesse an Naturschutz und Ökologie. Heute sorgen sich alle ums Klima, wir müssen das nicht mehr so thematisieren.“

Immer wieder, so Taylor weiter, seien er und Annette Tison in den vergangenen 40 Jahren von Stromkonzernen, Fast-Food-Ketten, Autoherstellern und Pharmafirmen gefragt worden, ob sie nicht mit den birnenförmigen Figuren werben dürften. Tison und Taylor, politisch korrekt, lehnten jedes Mal ab. Sie konnten aber nicht verhindern, dass sich Wirtschaftsmanager ihrer Sprache bedienten und in kniffligen Situationen nach einem „Barbatrick“ suchten, um sie zu lösen.

Dass die bonbonbunten Bücher um die „Barbapapas“ jetzt wieder in scheinbar jedes Kinderbiotop in Deutschland vordringen, hat nicht nur mit ihren aktuellen Themen zu tun. Die Bücher gibt es im regulären Buchhandel hierzulande erst wieder seit 2007 zu kaufen. Vorher waren die Rechte für den deutschsprachigen Markt 25 Jahre lang gesperrt, nachdem der Verlag, der sie besaß, in Konkurs gegangen war.

Die Kinder der frühen 1970er Jahre haben heute selbst Kinder. Wieder wächst eine neue Generation mit „Barbapapa“ und seiner Familie heran. Wahrscheinlich werden auch Flora und Perle ihren Kindern aus den Büchern einmal vorlesen.

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