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Bakterien Wir fürchten und wir brauchen sie

Bakterien produzieren herrliche Farben, gute und böse Gifte, Bakterien kommunizieren miteinander, töten sich aber auch gegenseitig. Sie haben Kriege entschieden, sogar ganze Völker ausgerottet. Von Franz Daschner

21.06.2008 00:06
FRANZ DASCHNER
Helicobacter pylori
Das Bakterium Helicobacter pylori bohrt sich durch die schützende Schleimschicht im Magen und verursacht Geschwüre. Foto: dpa

Ohne Bakterien kein menschliches Leben, ohne Darmbakterien keine Verdauung. Bakterien produzieren herrliche Farben, gute und böse Gifte, Bakterien kommunizieren miteinander, töten sich aber auch gegenseitig. Sie haben Kriege entschieden, sogar ganze Völker ausgerottet.

Bakterien sind seit mehr als drei Milliarden Jahren auf der Erde und somit die ersten Lebewesen überhaupt. Dabei entdeckte Anthony van Leeuwenhoek sie erst 1676 mit Hilfe eines selbst gebauten Mikroskops - im Wasser und im menschlichen Speichel. Ein Milliliter Speichel enthält etwa zehn Millionen Bakterien - aus bakteriologischer Sicht ist ein Kuss eine unhygienische und gefährliche Angelegenheit.

Pest, Cholera, Lepra und Tuberkulose rotteten im Mittelalter 30 Prozent der Bevölkerung aus. Im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg starben mehr Soldaten an bakteriell verursachtem Wundbrand als durch direkte Kriegseinwirkung. Der Abstieg Napoleons wurde durch Bakterien eingeleitet, im gescheiterten Russlandfeldzug starben mehr Soldaten an Fleckfieber als in den Kämpfen.

Bakterien haben auf unserer Erde überlebt, weil sie sich allen widrigen Umständen, die die Evolution oder der Mensch ihnen bot, angepasst haben. Viele Bakterien benötigen Sauerstoff, andere - die Anaerobier - dagegen überhaupt nicht. Die phototrophen Bakterien, die zur Photosynthese fähig sind, haben erst Leben auf der Erde ermöglicht, indem sie durch Photosynthese aus Kohlendioxid den für uns und die Pflanzen lebenswichtigen Sauerstoff erzeugt haben.

Wir Bakteriologen haben den Bakterien wunderbare Namen gegeben. Die Extremophilen haben sich extremen Umweltbedingungen angepasst, etwa die Tetanusbakterien. Man kann deren Sporen stundenlang kochen, aber sie wachsen nach der belebenden Thermalwasserkur wieder zum Tetanusbakterium aus. Die Acidophilen gedeihen in konzentrierter Säure, die Alkalophilen mögen starke Laugen, die Halophilen lieben hohe Salzkonzentrationen, die den Menschen in wenigen Stunden auflösen würden.

Die barophilen Bakterien suchen einen hohen hydrostatischen Druck, endolithe Bakterien leben im Inneren von Steinen. Es gibt sogar radiophile Bakterien, die im Kühlwasser von Kernreaktoren wimmeln. In der Tiefsee fand man vor kurzem sogar methanfressende Bakterien, die sich im Darmtrakt von Röhrenwürmern aufhalten und diesen die Energie zum Leben liefern.

95 Prozent aller auf unserem Planeten existierenden Bakterienarten sind noch gar nicht näher bekannt. Viele Bakterien, vor allem die krank machenden, vermehren sich mit rasender Geschwindigkeit, eine Zellteilung erfolgt alle 15 bis 20 Minuten, so dass innerhalb eines Tages aus einem Bakterium Millionen Nachkommen entstehen können. Bakterien sind unglaublich intelligent und einfallsreich, wenn sie sich vorgenommen haben, uns Menschen krank zu machen und dazu unsere körpereigenen Abwehrmechanismen überwinden müssen.

Ein Beispiel dafür ist Helicobacter pylori, der Erreger von Magengeschwüren. Er bohrt sich durch die Schleimschicht des Magens in die Zellen der Magenschleimhaut. Unter der Schleimschicht und in den Zellen ist er vor dem sauren Magensaft geschützt, der die meisten krank machenden Bakterien, die wir mit der Nahrung aufnehmen, abtötet. In den Zellen spaltet er nun mit einem Enzym den im Magen vorhandenen Harnstoff in Ammoniak und Hydrogencarbonat. Das hebt den pH-Wert in der Umgebung des Keims und schafft so ein neutrales Mikromilieu - der stärkste Abwehrmechanismus gegen Keime in Nahrungsmitteln, der saure Magensaft, ist wirkungslos.

Es gibt aus der Sicht von uns Menschen gute und böse Bakterien. Ohne Darmflora keine Verdauung und somit kein Leben, ohne Hautflora kein Schutz gegen Mikroorganismen von außen. In unserem Darm leben pro Gramm Stuhl 1014 Bakterien (das ist eine eins mit 14 Nullen). Auf unserer Haut leben rund eine Billion Bakterien, an den Armen sind es nur wenige Tausend, in Regionen wie der Stirn schon einige Millionen, und in feuchten Regionen wie unter den Achseln mehrere Milliarden pro Quadrat-Zentimeter.

99,99999 und noch mehr Prozent der Bakterien in uns, auf uns und um uns herum sind gute Bakterien. Die Hersteller von antibakteriellen Haushaltsprodukten, die immer wieder Bilder von Bakterienhaufen präsentieren, die sich auf dem Klodeckel oder im Kühlschrank befinden, verschweigen, dass die meisten dieser Bakterien für den Menschen völlig ungefährlich sind. Natürlich verstecken sich in der Darmflora und auf der Haut einige krank machende Bakterien, die aber von den anderen gut in Schach gehalten werden und die wir mit Stuhlgang und Händewaschen dahin bringen, wo sie hingehören, nämlich ins Klo und ins Waschbecken.

Sie dort mit antibakteriellen Toilettenreinigern oder Reinigungsmitteln zu verfolgen, ist pervers. 20 000 Tonnen Kloreiniger werden in deutschen Haushalten ins Klo geschüttet. Das deutsche Klo wird dadurch so rein, dass man es fast als Sektkühler benutzen könnte. Doch das ist nicht nur stark allergisierend für den Anwender, sondern auch noch schädlich für die Umwelt. Denn die vielen hundert Arten von Abwasserbakterien sind unsere Freunde.

Biologische Abwasserreinigung ist nichts anderes als die Leistung von vielen hundert Bakterienarten, die den Dreck abbauen, den wir hinterlassen. Hygieneweichspüler sind völlig überflüssig. Jede moderne Haushaltswaschmaschine macht die Wäsche schon bei 40 Grad hygienisch einwandfrei. Kurz: Sämtliche antibakteriellen Produkte sind überflüssig.

Umgekehrt gehören Krankenhausinfektionen zu den häufigsten Infektionen weltweit. Im Durchschnitt erkranken etwa fünf Prozent der Patienten auf Allgemeinstationen und 15 Prozent auf Intensivstationen an Krankenhausinfektionen. Jeder sechste Intensivpatient wird so noch kränker. Zu den häufigsten Krankenhausinfektionen gehören Harnweginfektionen, postoperative Wundinfektionen, Blutvergiftung und Lungenentzündung. Nur 30 Prozent wären vermeidbar, haben also etwas mit Versäumnissen des Krankenhauses zu tun. Der Rest ist gewissermaßen schicksalhaft - Ergebnis des Sieges von pathogenen Bakterien.

Lunge und untere Luftröhre sind normalerweise keimfrei. Flimmerhaare in der Luftröhre transportieren in ständiger Bewegung wie ein Kornfeld im Wind Bakterien und Schmutzpartikel wie auf einem Rollfeld nach außen.

Wenn ein Patient beatmet werden muss, stecken wir einen Tubus tief in die Luftröhre. Die Abwehrleistung durch die Flimmerhaare ist damit ausgeschaltet und die zahlreichen Bakterien der Mundhöhle fließen ungehemmt in die Lunge.

Bei Gesunden ist auch die Harnröhre keimfrei, die Öffnung nach außen aber ist massenweise von Darmbakterien besiedelt. Mit dem Blasenkatheter werden diese Bakterien ungehemmt in die Blase geschoben, und von dort ist die Niere leicht erreichbar.

Eine geradezu fantastische Eigenschaft hat ein Keim entwickelt, der zu Millionen auf gesunder Haut vorkommt und sich somit auch Staphylococcus epidermidis nennt. Er hilft der Haut, uns vor bakteriellen Angriffen von außen zu schützen. Aber wehe, der Mensch greift ein. Wenn ein Venenkatheter gelegt werden muss, werden in rund 30 Prozent der Fälle auch Staphylococcus-Keime mit in die Vene geschoben.

Staphylococcus epidermidis hat Oberflächenproteine entwickelt, mit denen er sich geradezu magnetisch an jeden Fremdkörper anheften kann. Er vermehrt sich auf den Fremdkörpern, bildet kleine Kolonien und gleichzeitig eine Hülle aus Biofilm, so dass ihm weder die weißen Blutkörperchen, die im Blutserum vorhandenen Antikörper noch die meisten Antibiotika etwas anhaben können. Die Fremdkörperinfektionen, verursacht durch Staphylococcus epidermidis, sind die häufigste Form der im Krankenhaus erworbenen Blutvergiftungen geworden. Im Schnitt sterben 25 Prozent der Patienten daran.

Alle Fremdkörper im menschlichen Körper - künstliche Hüften, künstliche Herzklappen, künstliche Venen, künstliche Herzkranzgefäße - sind ständig durch Staphylococcus-epidermidis-Infektionen gefährdet, auch dann, wenn kein großes Loch mit einem Venenkatheder in die Haut gebohrt wird.

Kleinste Hautverletzungen, die der Mensch in der Regel gar nicht merkt, sind seine Eintrittspforten. Er gelangt dabei häufig in die Blutbahn, wird von Gesunden aber spätestens innerhalb von 15 Minuten eliminiert. Findet er in dieser Zeit aber einen Fremdkörper, ist es um diesen geschehen, denn infizierte Fremdkörper müssen in der Regel operativ entfernt werden.

Die stärkste, aber immer schwächer werdende therapeutische Waffe des Menschen gegen Bakterien sind Antibiotika. Täglich sterben Tausende von Patienten an Infektionen mit Antibiotika-resistenten Keimen, weltweit wesentlich mehr als an Aids.

Wie soll es weitergehen? Vielleicht können wir von den Pflanzen lernen. Könnte es nicht sein, dass Pflanzen, die Hunderte Millionen Jahre länger auf der Erde sind und ebenso wie der Mensch von Anfang an dem Angriff von Bakterien ausgesetzt waren, antibakterielle Substanzen entwickelt haben, damit etwa ein Baum tausend Jahre alt werden kann? Warum haben unsere Vorfahren ausgerechnet Blöcke aus Buchenholz verwendet, um Fleisch zu zerhacken? Weil Buchen- und Fichtenkernholz hervorragende antibakterielle Eigenschaften haben. Vor einigen Jahren haben wir das Wachstum der wichtigsten Krankenhausinfektionserreger auf Frühstücksbrettchen aus Fichtenkernholz mit dem auf Kunststoffbrettchen verglichen. Auf Fichtenkernholz starben die Keime ab, auf Kunststoff überlebten sie, und das sogar tagelang.

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