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Autismus Der schwere Weg nach draußen

Die Uniklinik Frankfurt ist ein Zentrum für die Erforschung und Therapie von Autismus.

Zwischentöne und Gesten zu verstehen, fällt ihnen schwer. Emotionale Signale anderer Menschen können sie deshalb häufig nicht einordnen und reagieren entsprechend in einer Weise, die Außenstehenden unangemessen erscheint. Kinder mit Autismus haben oft Schwierigkeiten, das Sprechen zu lernen, und wenn es ihnen gelingt, so klingt ihre Tonlage oft sonderbar fremd. Auf Veränderungen reagieren sie leicht mit Verstörung, grundsätzlich neigen sie dazu, sich abzukapseln, niemanden an sich heranzulassen. Ihr Verhalten und ihre Interessen sind zudem von stereotypen, sich wiederholenden Mustern geprägt, ein typisches Beispiel ist etwa das Auswendiglernen von Fahrplänen. Das Klischee vom autistischen Genie stimmt allerdings nur in den seltensten Fällen. „50 Prozent der Betroffenen sind geistig behindert“, sagt Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kinder- und Jugendalters und des Frankfurter Autimustherapie- und Forschungszentrums am Universitätsklinikums Frankfurt.

„Autismus kommt weitaus häufiger vor, als man früher gedacht hat“, erklärt die Wissenschaftlerin. So leben nach aktuellen Zahlen in Deutschland rund 800 000 Menschen – also etwa ein Prozent aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen – mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Unter diesem Begriff sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen zusammengefasst, deren Symptome und Schweregrade unterschiedlich ausgeprägt sind. Gemein ist ihnen allen ein reduziertes Interesse an Kontakten mit anderen Menschen und ein stark eingeschränktes Verständnis sozialer Interaktionen. Experten unterscheiden zwischen frühkindlichem und atypischem Autismus sowie dem Asperger-Syndrom. Die genaue Abgrenzung ist in der Praxis allerdings häufig schwer zu treffen.

Um die Diagnostik bei Autismus-Spektrum-Störungen zu verbessern, sind unter Federführung von Frankfurter Wissenschaftler nun einheitliche Leitlinien erarbeitet und im September der Fachwelt vorgestellt worden. Sie haben unter anderem Fragebögen standardisiert und eine Methodik festgeschrieben, um die Krankheitsentwicklung zu beobachten und die Effekte von Therapien objektiver bewerten zu können.

„Autismus ist eine chronische Erkrankung“

Das Universitätsklinikum in Frankfurt ist eines der großen Zentren für die Erforschung und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen. Hier werden zum Einen Patienten behandelt, hier suchen Wissenschaftler aber gleichzeitig auch nach den genetischen und biologischen Ursachen, nach begünstigenden Umweltfaktoren und neuen Wegen der Therapie. Um die Wirkung von Medikamenten oder Psychotherapie auf die Hirnfunktion besser einschätzen zu können, wird zum Dezember dieses Jahres zudem eine Heisenbergprofessur eingerichtet. Besetzen wird sie Christine Ecker, die zurzeit noch am Londonder King’s College arbeitet, ihre Aufgabe soll es insbesondere sein, auf dem Gebiet der Bildgebung bei Autismus-Spektrum-Störungen mittels Magnetresonanztomographie zu forschen.

Bisherige Studien konnten bei Menschen mit Autismus bereits veränderte Funktionen und Strukturen in bestimmten Bereichen des Gehirns ausmachen, insbesondere in den Schläfenlappen und den Frontallappen des Großhirns. Die Wissenschaft geht außerdem davon aus, dass die Gehirnareale „nicht so vernetzt sind wie bei einer normalen Entwicklung“, wie Andreas Chiocchetti, Molekularbiologe am Universitätsklinikum Frankfurt, erklärt. Vermutet wird, dass die Grundlagen für diese Veränderungen bereits im Mutterleib gelegt werden.

Nach aktuellem Stand der Wissenschaft spielen genetische Risikofaktoren eine zentrale Rolle, derzeit erforschen die Frankfurter Wissenschaftler unter anderem, wie und welche Genvarianten die Ausprägung einer Autismus-Störung beeinflussen. Ihre Hoffnung ist es, dass auf Basis solchen Wissens später einmal neue, gezielte Medikamente zur Behandlung von Autismus entwickelt werden können. Bei diesen Erbgutstudien kooperiert das Universitätsklinikum Frankfurt mit mehreren internationalen Forschungseinrichtungen.

„Autismus ist eine chronische Erkrankung“, sagt Christine Freitag. Die damit verbundenen Beeinträchtigungen begleiten die Patienten meist ihr ganzes Lebens, und ebenso lange brauchen sie häufig Unterstützung, wie die Frankfurter Ärztin erläutert. Und wie bei den meisten Erkrankungen gilt: Je früher die Diagnose, desto besser ist die Prognose für die Patienten. Eine Autismus-Spektrum-Störung frühzeitig zu erkennen, sagt Christine Freitag, komme nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch ihrer in der Regel dadurch stark belasteten Familie, ihrem sozialen Umfeld und auch der gesamten Gesellschaft zugute.

Ursächlich behandelt werden können Autismus-Spektrum-Störungen bislang nicht, mit verschiedenen Therapien lassen sich die sozialen Fähigkeiten jedoch oft deutlich verbessern. Gegen die begleitenden psychische Störungen wie Hyperaktivität, aggressives oder zwanghaftes Verhalten setzen Ärzte oft Medikamente ein, etwa Neuroleptika, Antidepressiva oder Stimulanzien.

Bei der nicht-medikamentösen Therapie werden am Frankfurter Zentrum drei verschiedene Ansätze verfolgt: die Frühförderung von oftmals geistig beeinträchtigten Kindern im Vorschulalter, die Förderung von sozialen Kompetenzen durchschnittlich begabter Kinder und Jugendlicher – und als ebenso wichtige Säule schließlich das Elterntraining. Die Therapeuten geben Müttern und Vätern Ratschläge im Umgang mit autistischen Kindern, „denn diese müssen ganz anders erzogen werden“, erklärt Christine Freitag, „unter anderem brauchen sie viel mehr Motivierung als andere Gleichaltrige“.

Die junge Patienten selbst lernen in Gruppentherapien unter anderem, zu erkennen, wie andere sich fühlen, eigene Wut zu kontrollieren – oder auch ganz alltägliche Dinge: „zum Beispiel, dass man einen anderen Menschen ausreden lässt oder ihm bei der Begrüßung in die Augen schaut“, wie Christine Freitag erzählt.

Vollständig Heilen lässt sich die Störung damit in der Regel zwar nicht, wohl aber erheblich mildern. So führe die frühe Therapie dazu, dass mittlerweile fast alle Kinder mit Autismus sprechen lernen, erklärt die Frankfurter Ärztin. Und immerhin zehn Prozent schaffen es durch die Förderung, dass ihre die Symptome weitgehend verschwinden.

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