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Austauschprogramm "Erasmus" Erkaltetes Fernweh

Das Austauschprogramm "Erasmus" stockt; mit dem Bologna-Prozess und seinen bürokratischen Hürden ist vielen Studenten die Lust aufs Ausland vergangen. Von Felix Helbig

03.04.2009 00:04
FELIX HELBIG
Wo sich sanft die florentinische Sonne senkt. Foto: Bilderberg

Nur ein paar Häuserblocks hinter der Kathedrale Santa Maria del Fiore wohnt Barbara Riedel in einem kleinen Zimmer ihrer Gastfamilie. Wenn sie das Fenster öffnet, schiebt sich Brunelleschis mächtige Kuppel über florentinischen Dächern leuchtend in den Blick. Riedel, 22, ist Halbitalienerin, schon zu Beginn ihres Romanistik-Studiums habe für sie festgestanden, dass sie ins Ausland gehen wollte, sagt sie. Nach Italien, wenigstens für einige Monate. Erasmus sei da einfach "die erste Instanz" gewesen.

Im Februar ist Riedel von Frankfurt nach Florenz gezogen. Etwas weniger als 200 Euro erhalte sie monatlich aus dem Erasmus-Programm, sagt Riedel. "Das reicht nicht annähernd." Ohne ihre Ersparnisse und die Unterstützung der Eltern müsste sie in Deutschland bleiben. Das Geld ist knapp und dennoch nur eines von vielen Problemen des größten und beliebtesten Bildungsprogramms der Europäischen Union (EU).

Nach einer 20-jährigen Erfolgsgeschichte, in der Erasmus leuchtete wie die Kuppel der florentinischen Kathedrale im Abendrot, musste die Europäische Kommission ausgerechnet in der Analyse des Jubiläumsjahrs 2007 einräumen, dass in einigen Ländern erstmals deutlich weniger Studenten den Schritt ins Ausland gewagt hatten. Zumindest weniger als erwartet. Die Zahl deutscher Erasmus-Studenten stagnierte. In Dänemark, Griechenland oder Spanien entschieden sich sogar weniger junge Akademiker als zuvor für den Besuch einer Hochschule im europäischen Ausland.

"Wir beobachten eine Verlangsamung des Wachstums", sagt der für Bildung zuständige Kommissionssprecher John MacDonald. Vom Bildungsprogramm in der Krise will die Kommission aber nichts wissen und verweist auf das noch vorhandene Wachstum von knapp drei Prozent. Das allerdings ist 2007 deutlich geringer ausgefallen - verglichen mit den 7,2 Prozent von 2006. Dass es überhaupt noch Wachstum gab, lag wesentlich an den Ländern in Mittel- und Osteuropa.

Zwar ist Deutschland mit 23 884 Erasmus-Studenten noch immer spitze unter den Entsendeländern und Spanien mit 27 464 Studierenden noch immer beliebtester Empfänger. Doch vor allem jene zwölf Mitgliedsstaaten, die der Union erst zwischen 2004 und 2007 beitraten, liegen mit einem Anstieg um zehn Prozent europaweit deutlich vorn, was die Mobilität der Studenten angeht. Das von der EU angepeilte Ziel, bis 2012 drei Millionen Erasmus-Studenten zu verzeichnen, aber rückt mittlerweile in weite Ferne.

In der Brüsseler Waterkrachtstraat, nur wenige Straßen entfernt von den Gebäuden der Europäischen Kommission, sitzt Matthias Fenner, der Präsident des Erasmus Student Network (ESN). Der Schweizer glaubt nicht an eine Krise des Programms, aber auch nicht daran, dass die Ziele der EU noch zu erreichen sind. Fenner sieht die Probleme in den Mitgliedsstaaten, bei der Umsetzung des 1999 gestarteten Bologna-Prozesses. "Es ist paradox", sagt Fenner. "Der Bologna-Prozess sollte die Mobilität der Studenten in der EU fördern, aber bewirkt hat er vielerorts genau das Gegenteil."

Bei der Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master, die das Studium europaweit vergleichbar machen und den Austausch erleichtern sollten, seien an Hochschulen in vielen Ländern "erhebliche Diskrepanzen" zu beobachten, weil in den kürzeren Studiengängen kaum Zeit bleibe für ein Auslandssemester. Und auch die finanzielle Unterstützung der Studenten reiche trotz zuletzt deutlicher Anhebung des Stipendiums von im Schnitt 192 Euro im Monat nicht aus. "Es gibt großes Potenzial für Verbesserungen", sagt der ESN-Präsident.

So sieht das auch Eva Lack. Für die Leiterin des Erasmus-Büros der Freien Universität (FU) in Berlin liegt das Problem "im System", das keine Erleichterung bedeute, sondern im Gegenteil das Auslandsstudium erschwere. "Die Studenten sind bestrebt, das Studium in sechs Semestern abzuschließen, und sie müssen es auch sein, das wird von ihnen verlangt", sagt Lack. In Deutschland hätten es viele Hochschulen schlicht versäumt, bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses in den neuen Studiengängen "Mobilitätsfenster" einzuplanen. "Da wurde schlecht geplant", sagt Lack.

An der FU Berlin sei die Zahl der Erasmus-Teilnehmer im vergangenen Jahr deshalb "nicht dramatisch, aber doch deutlich" von bislang meist 600 auf 500 Studenten gesunken. Neben der Zeit mangele es oft auch an Anerkennung der im Ausland erworbenen Leistungsnachweise, sagt Lack. Trotz Einführung des European Credit Transfer Systems (ECTS) sei es immer noch so, "dass die Informationen manchmal nicht stimmen und es bei der Anerkennung zu Schwierigkeiten kommt".

Barbara Riedel kennt dieses Problem. Die Frankfurterin in Florenz hat für ihren Auslandsaufenthalt extra den Studiengang gewechselt und ihr Archäologie-Studium als Hauptfach aufgegeben. "Der Studiengang war viel zu eng konzipiert, um im Ausland zu studieren", sagt Riedel. "Die Scheine wären mir nicht anerkannt worden." In Romanistik, noch ein alter Magister-Studiengang, sei das hingegen kein Problem. "Da kann ich jetzt machen, was ich will."

Von einem mangelnden "Auslandsfenster im Studium mit Bachelor- und Master-Abschlüssen spricht auch Martin Bickl. Der Leiter des International Office der Frankfurter Goethe-Universität sieht die Studenten in den neuen Studiengängen "zeitlich stark gebunden", ihre freie Zeit verbrächten viele zudem damit, arbeiten zu gehen. "Es ist nicht unvereinbar", sagt Bickl, "aber doch deutlich schwieriger zu planen." Zudem rückten die neuen Abschlüsse immer stärker die englische Sprache in den Vordergrund und damit "die Universitäten mit den großen Markennamen". Angesagt seien deshalb zunehmend Kaderschmieden wie Cambridge oder Oxford und immer weniger Lyon und Florenz.

Siegbert Wuttig beobachtet von der Bonner Kennedyallee aus, wie sich das Interesse der Studenten verlagert. Wuttig ist Leiter der Gruppe EU-Programme beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und sieht eine Veränderung "in der Philosophie der Auslandsmobilität". Für die Studenten würden ökonomische Aspekte und der Nutzen eines Auslandssemesters für den Lebenslauf immer bedeutender, weshalb Auslandsaufenthalte immer kürzer würden. Langfristig zu erwarten sei, dass der Bachelor zunehmend im Heimatland absolviert werde und der Master im Ausland. "Vertikale Mobilität" nennt Wuttig das.

Bei der Anerkennung von Leistungsnachweisen müssten die deutschen Hochschulen "noch kräftig was tun", sagt Wuttig. "Das ist immer noch ein heikles Thema." Und auch bei der finanziellen Unterstützung des Erasmus-Stipendiums sieht er noch erheblichen Verbesserungsbedarf. "Unter 200 Euro im Monat ist für viele Studenten ein klares Mobilitätshindernis."

In den kommenden Wochen wird Wuttig die Erasmus-Zahlen des gerade abgelaufenen Hochschuljahres veröffentlichen, es werden erstmals 300 Studenten weniger sein als im Vorjahr. Gleichzeitig gebe es aber einen "sprunghaften Anstieg" bei den neu eingeführten Erasmus-Praktika, die auf Anhieb von 2700 Studenten in Anspruch genommen worden seien. Für Wuttig ist das ein Beleg seiner These von der neuen Mobilität der Studierenden.

Mit ihr erscheint die europäische Idee des Austauschs zu erlahmen, jene vom Reifungsprozess der von Neugier getriebenen Jugend im Geiste der Union. Wenn alle nur noch mal eben kurz ins Ausland gehen, weil es sich im Lebenslauf gut macht, bleibt vom Erasmus-Gedanken der persönlichen Entwicklung junger Europäer wenig übrig.

Matthias Fenner hofft mehr als er weiß, dass das nicht so ist. Vom Bahnhof Petržalka in Bratislava ist vor ein paar Tagen der ESN-Zug gestartet und tingelt vier Wochen lang durch Europa, eine Mission zum 20. Geburtstag des Erasmus-Netzwerks. Der Zug rollt durch Zürich und Ljubljana, durch Mailand und Malmö. Und soll dabei die Jugend ermutigen, ihre Vision von Europa zu verwirklichen.

Barbara Riedel wird noch bis Oktober in Florenz studieren, dann ihre Eltern besuchen und weiterziehen - nach Salamanca. In Spanien will Riedel noch ein Erasmus-Praktikum dranhängen, in einer Sprachschule, "Unterricht vorbereiten, Telefondienst machen", sagt sie. Dafür bekomme sie 350 Euro und eine Unterkunft in der Stadt. Wirklich wichtig sei ihr die Erfahrung, sagt Riedel. "Die Entscheidung für ein Auslandssemester ist richtig, für jeden."

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