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Auslandserfahrung Die Fährte der Elche

Der Schüleraustausch mit Osteuropa wird intensiver - die USA rangieren aber weiter auf Platz 1 der Hitliste.

25.07.2008 00:07
GEMMA PÖRZGEN
Osteuropa zieht zunehmend mehr Jugendliche an. Foto: Foto: dpa

Eigentlich habe ich gar nicht daran gedacht, nach Osteuropa zu gehen", sagt Victoria Uhlich. Die Berliner Schülerin hatte sich eher vorgestellt, so wie die meisten anderen ein Jahr zum Schüleraustausch in die USA zu reisen. Da der Andrang für einen Amerika-Aufenthalt aber zu groß war und die freien Plätze knapp, mussten schnell Alternativen her. "Ich bin heilfroh, dass es dann doch Ungarn wurde", sagt die 17-Jährige heute. Doch damals wusste Victoria kaum etwas über das südosteuropäische Land.

Anderthalb Jahre später schwärmt sie von ihrer Gastfamilie und den Erlebnissen in der ungarischen Stadt Szeged, unmittelbar an der serbischen Grenze. "Das ist eine schöne kleine Stadt, ganz anders als Berlin, und ich konnte mich da gut zurechtfinden." Victoria besuchte in Szeged das zweitbeste Gymnasium Ungarns und war überrascht, dass Schüler und Lehrer längst daran gewöhnt waren, Gastschüler aus dem Ausland aufzunehmen.

"Eigentlich ist es egal, wohin man geht. Man kann überall wunderbare Menschen kennen lernen", sagt Victoria heute und weiß dennoch, dass der einjährige Aufenthalt im Süden Ungarns etwas ganz Besonderes war. "Super, dass ich eine Sprache gelernt habe, die fast niemand kann und wohl die schwerste Sprache der Welt ist."

Obwohl Europa eigentlich längst zusammen wächst, gehören Mutige wie Victoria immer noch zu den Ausnahmen. "Es ist sehr schwer, Jugendliche für Osteuropa zu interessieren", klagt Wiebke Bretting, Sprecherin des Deutschen "Youth for Understanding" Komitees (YFU). Schon gleich nach dem Fall der Mauer 1989 hatte das YFU damit begonnen, Partnerorganisationen in Ost-, Mittel- und Südosteuropa zu suchen und einjährige Aufenthalte anzubieten. Obwohl ein Jahr in Polen, der Slowakei oder der Ukraine sogar mit Stipendien gezielt gefördert wird, und deshalb für Schüler deutlich preisgünstiger ausfällt als anderswo, sind bei vielen Jugendlichen die Vorbehalte unverändert groß.

"Wenn jemand erzählt, er geht nach Rumänien, kommt immer gleich die Frage, ,was willst Du denn da?'", erzählt Bretting. Lehrer müssten heute stärker vermitteln, dass Polen, die Slowakei, Estland, Lettland oder Litauen ebenso europäische Länder sind wie Frankreich oder Großbritannien, und keineswegs rückständig und uninteressant, fordert sie.

Das völlig veraltete Bild sei schuld daran, dass viele junge Leute lieber nach Australien, Neuseeland oder in die Vereinigten Staaten gingen. Die USA sind mit 1631 Austauschschülern im Schuljahr 2007/2008 unangefochten auf Platz eins der Hitliste der beliebtesten Ziele, berichtet Rita Stegen, Sprecherin des Dachverbandes von fünf gemeinnützigen Jugendaustausch-Organisationen in Deutschland (AJA). Das hänge einmal damit zusammen, dass alle Anbieter die USA im Programm haben, aber auch damit, dass Amerika jedes Jahr die meisten Gastschüler aufnehme. Diese Tradition wurde nach dem Zweiten Weltkrieg begründet, als junge Deutsche 1948 nach dem Ende des Nazi-Regimes vor allem zur demokratischen Umerziehung in die USA geschickt wurden.

Um den Vorurteilen besser begegnen zu können, hat das YFU die Informationsbroschüre "Go East" verfasst, in der positive Erfahrungsberichte ein buntes Bild der Vielfalt Osteuropas zeichnen. Da erzählt Rebekka Knoll, die ein Jahr lang in Estland war, wie sie morgens einem Elch begegnete. Ganz überrascht war Rebekka über die gute technische Ausstattung ihrer Schule. In jeder Klasse gab es einen Computer und Beamer sowie einen kostenlosen Internet-Zugang, staunte die Schülerin. Kein Wunder, dass Estland bei der Pisastudie 2006 den sechsten Platz erreichte.

Magdalena Sperl war Austauschschülerin in Bulgarien und beschreibt sehr amüsant, wie verwirrend es war, dass ein "Ja" in Bulgarien mit Kopfschütteln begleitet wird und bei "Nein" genickt wird.

Fast alle Austauschschüler kämen mit positiven Erfahrungen zurück nach Hause, erzählen die Organisatoren. Die Schulen seien häufig anspruchsvoller als in der Heimat und viele Schüler müssten deutlich mehr lernen. Die Jugendlichen würden zudem sehr positiv aufgenommen und erlebten eine große Gastfreundlichkeit in den Familien, sodass sie in der Fremde sehr schnell ins Alltagsleben integriert würden.

"Wir müssen uns in Deutschland bemühen, mehr Schüler für unsere Nachbarländer zu interessieren", sagt auch Stegen, die eine langsame Zunahme des Interesses an Osteuropa registriert. Das sei vor allem der gezielten Förderung durch zahlreiche Stipendien zu verdanken.

Sorge bereitet ihr, dass es in Deutschland in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden sei, ausreichend Gastfamilien zu finden, die Jugendliche aus Osteuropa für ein Jahr aufnehmen. Sie hat die gestiegenen Lebenshaltungskosten als Ursache ausgemacht. Dabei sei die Bundesrepublik bei Osteuropäern besonders beliebt - viele Anfragen könnten deshalb nicht befriedigt werden. "Das Interesse am Austausch ist in Osteuropa sehr viel stärker", so Stegen, was auch damit zusammenhänge, dass dort der Deutsch-Unterricht traditionell sehr verbreitet ist. AJA plädiere deshalb dafür, deutschen Gastfamilien steuerliche Vergünstigungen einzuräumen.

Aber auch mehr politische Unterstützung für die Programme wäre hilfreich, sagt Stegen. Während der Bundestag USA-Aufenthalte mit einem Patenschaftsprogramm fördere, fehle etwas Vergleichbares für Osteuropa. Die Förderung langfristiger Schüleraustauschprogramme müsse zudem noch stärker als bisher als Teil der Kulturpolitik betrachtet werden, meint Stegen: "Ein Schüler, der ein tolles Gastjahr in Deutschland verbracht hat, ist der beste Botschafter für uns in seinem Land."

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