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Auf den Spuren der Opfer

Der Göttinger Germanist Frank Möbus forscht in der Unibibliothek nach NS-Raubgut

05.03.2010 00:03
Heidi Niemann

Hier wurde einfach ein Stück herausgeschnitten, vorher war da bestimmt ein Stempel oder ein Name." Frank Möbus zeigt auf die beschädigte Titelseite eines Romans von Max Brod, den er in der Fachbibliothek des Seminars für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen aufgestöbert hat.

Trotz der Bedeutung von Autor und Werk interessiert sich der Germanistik-Professor in diesem Fall weniger für den literarischen Inhalt als für das äußere Erscheinungsbild des Buches. Schon beim ersten Blättern entdeckt er einige Auffälligkeiten, die höchst verdächtig sind: "Einiges deutet darauf hin, dass dieser Band von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden sein könnte." Möbus kennt inzwischen diverse Merkmale, die einen solchen Verdacht nahelegen.

Mühselige Detektivarbeit

Der Germanist leitet die im vergangenen Jahr eingerichtete Arbeitsstelle zur Ermittlung von nationalsozialistischem Raub- und Beutegut in der Seminarbibliothek. Bei der systematischen Durchforstung der mehr als 130000 Bände sind die Forscher um Möbus bereits auf eine ganze Reihe von Büchern gestoßen, die wahrscheinlich als sogenanntes NS-Raubgut einzustufen sind.

Bei ihren Forschungen versuchen sie, nicht nur die Herkunft der Bücher zu klären, sondern auch die Erben der einstigen rechtmäßigen Eigentümer zu ermitteln. "Dabei kann man nie nach Schema F vorgehen, sondern muss bei jedem Buch ganz individuell recherchieren", sagt Möbus.

Wie mühselig und verzwickt diese Detektivarbeit ist, zeigt sich exemplarisch an der Brod-Ausgabe. Auf den ersten Blick erscheint der Band des jüdischen Autors unverdächtig, da die Seminarbibliothek ihn erst 1958 angeschafft hat, 13 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Tatsächlich handelt es sich jedoch bei dem von einem bekannten Münchner Buchhändler erworbenen Buch um eine antiquarische Kostbarkeit: Es ist ein nummeriertes und signiertes Exemplar der Erstausgabe des Romans "Reubeni. Fürst der Juden" aus dem Jahr 1925.

Nicht nur die beschädigte Titelseite ist ein Indiz dafür, dass gezielt Spuren getilgt wurden, die Aufschluss darüber geben könnten, wer sich das Buch zwischenzeitlich angeeignet hat. Auch ein Vorsatzblatt wurde komplett herausgerissen, und auf der Rückseite des vorderen Umschlages sind Spuren eines sorgsam entfernten Stempels zu erkennen. Lediglich der Stempel einer Berliner Leihbücherei auf der letzten Buchseite gibt einen Hinweis auf frühere reguläre Besitzer. Möglicherweise wurde dort das Buch von den Nazis beschlagnahmt, sagt Möbus. Sowohl von der Bücherei als auch von der damaligen Besitzerin Helene Lutz seien nach 1943 keine Spuren mehr aufzufinden. Auch in vielen anderen Fällen führen die Nachforschungen ins Leere, oft enden die Spuren in den Vernichtungslagern von Auschwitz und anderswo.

"Sind es den Besitzern schuldig"

Für Möbus ist es immer wieder schockierend, wenn er Exlibris, Namenszüge oder Stempel der früheren Eigentümer entdeckt und dann feststellt, dass hunderte Menschen dieses Namens auf den Opferlisten der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem stehen. Allein unter dem Namen Weinstock fand er 728 Shoah-Opfer - eine Zahl, die eine Vorstellung davon vermittelt, welch unglaubliche Dimension der Massenmord an den Juden hatte.

Bei den Recherchen zur Herkunft des Max-Brod-Bandes stieß Möbus allein auf sechs Menschen mit dem Nachnamen Lutz, die aus Berlin in die Vernichtungslager deportiert worden waren. Bei seinen Nachforschungen arbeitet der Germanist mit vielen Bibliotheken und Archiven zusammen.

Nicht selten hört er dort die erstaunte Frage, ob sich der große Rechercheaufwand für ein einziges Buch überhaupt lohne. Für Möbus stellt sich diese Frage nicht: "Die Bücher wurden Menschen weggenommen, von denen viele umgebracht worden sind. Wir sind es den einstigen Besitzern schuldig, diese Nachforschungen anzustellen."

Da sich die Recherchen auf viele Länder erstrecken, wäre dieses Projekt ohne moderne Kommunikationsmittel wie Email und Internet nicht machbar. Möbus nutzt aber auch ein so simples Hilfsmittel wie die Lupe, um nach ausradierten Namenszügen oder abgekratzten Signaturen zu suchen. Hat er entsprechende Spuren gefunden, kommt wieder moderne Technik zum Einsatz: Mit einem leistungsfähigen Scanner und einem guten Bildbearbeitungsprogramm lassen sich viele scheinbar getilgte Eintragungen wieder sichtbar machen.

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