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Wissenschaftsautor Daniel Gerritzen „Wir schreien unsere Existenz ins All hinaus“

Wissenschaftsautor Daniel Gerritzen spricht im Interview über sein Buch „Erstkontakt“, die möglichen Folgen eines außerirdischen Radiosignals für die Menschheit und fatales Nicht-Wissen.

Ein eher unwahrscheinliches Szenario: kleines grünes Männchen mit Untertasse im Anflug. Foto: istock

Sind wir allein im Universum? Auf diese ewige Frage der Menschheit bietet Daniel Gerritzen in „Erstkontakt“ keine Antwort an, und sie steht auch gar nicht im Mittelpunkt seines Buches. Weder geht es um Ufos, noch um eine mögliche Invasion von Außerirdischen: Das in sachlich-nüchternen Ton verfasste Buch widersetzt sich Erwartungen, die Titel und Umschlag nahelegen könnten, bestätigt keine Verschwörungstheoretiker und auch keine Fantasten. Der Wissenschaftsautor beschäftigt sich vielmehr vor allem mit den sozialpsychologischen Folgen, die der Empfang eines Radiosignals oder das Entdecken einer extraterrestrischen Sonde in Nähe der Erde für die Menschheit haben könnte. Und das sind seiner Ansicht nach keine guten. SETI, die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz, sei Forschung mit geringer Erfolgswahrscheinlichkeit, schreibt Gerritzen, aber im unwahrscheinlichen Erfolgsfall seien die Folgen „extrem dramatisch“. Trotz einer fast schon erschlagenden Fülle an Fachwissen bietet das Buch eine spannende Lektüre – die selbst jene bekommen zurücklassen dürfte, die eigentlich von unserem Alleinsein im Kosmos überzeugt sind.

In Ihrem Buch skizzieren Sie verschiedene Szenarien eines möglichen Erstkontakts mit außerirdischen Lebensformen und die damit verbundenen Probleme. Heißt das, Sie gehen davon aus, dass auf fremden Planeten intelligentes Leben existiert?
Wir wissen heute, dass es allein in unserer Galaxie mindestens rund eine Milliarde Exoplaneten gibt. Aber ich glaube nicht, dass Leben im Universum weit verbreitet ist. Ich kann mir vorstellen, dass im Laufe von vielen Millionen Jahren auf vielleicht 20 bis 50 Exoplaneten unserer Galaxie Leben entstanden ist. Auf einem Teil davon könnten auch Zivilisationen existieren, die Technologien nutzen. Diese wären dann freilich sehr weit von uns entfernt im Universum angesiedelt. Ein Hindernis für einen Kontakt würde das allerdings nicht bedeuten, er könnte zum Beispiel über Robotersonden zustande kommen, die von Außerirdischen vor langer Zeit ins All geschickt wurden. Mit ihren eigenen Aktivitäten würde die Menschheit aber vermutlich eine sehr lange Zeit brauchen, um etwas da draußen zu finden. Der Astrophysiker Sebastian von Hoerner, ein Pionier der SETI-Forschung, hat errechnet, dass wir einige 5000 Jahre suchen müssten, wenn wir jeweils nur einen Frequenzkanal von vielen hundert Millionen eines jeden Sterns in unserer Milchstraße für zehn Sekunden nach außerirdischen Radiosignalen überprüften.

Trotzdem halten Sie es ja offenbar für denkbar, dass es zu einem Kontakt mit extraterrestrischem Leben kommt – und das möglicherweise auch in allzu weit entfernter Zukunft.
Auch unwahrscheinliche Ereignisse können eintreten. Das kann auch plötzlich und sehr schnell der Fall sein, selbst wenn ich persönlich nicht glaube, dass es innerhalb der nächsten 20 Jahre geschieht. Aber wenn es passiert, dann sind wir sehr wahrscheinlich nicht darauf vorbereitet, und darin sehe ich ein großes Problem.

Wie könnte denn Ihrer Vorstellung nach so ein Erstkontakt aussehen?
Wir senden seit Beginn der Radiotechnologie ungewollt Signale ins All und zeugen damit von unserer Existenz. Wenn nun eine entfernte Zivilisation in der Vergangenheit – vielleicht vor Jahrhunderttausenden – Robotsonden auf der Suche nach anderen Planeten ins All gesandt hat, so ist es möglich, dass uns eine davon auf diese Weise entdeckt. Wir können aber auch durch unsere eigenen Weltraummissionen irgendwann auf solche Artefakte stoßen, beispielsweise, wenn eine außerirdische Sonde auf einem Jupitermond oder einem Asteroid abgestürzt wäre. Das wäre dann ein Artefakt-Szenario, eine Form des direkten Kontakts. Ein indirekter Kontakt könnte darin bestehen, dass wir bei unserer Suche nach außerirdischen Radiosignalen ein Schmalbandsignal entdecken. Schmalbandige Signale kommen in der Natur nicht vor und deuten deshalb auf eine Technologie hin. Das sogenannte „Wow!-Signal“, das im Rahmen der SETI-Programme 1977 am Radioteleskop in Ohio aufgezeichnet wurde, war ein solches schmalbandiges Signal. Seine Herkunft ist bis heute nicht geklärt.

Sie zeichnen in Ihrem Buch ein eher düsteres Bild von den Auswirkungen, die der Empfang eines Radiosignals hätte, das auf eine fremde Zivilisation hindeutet. Warum sind Sie so pessimistisch?
Das hängt einmal damit zusammen, dass unsere Medienlandschaft das Thema außerirdische Lebensformen sehr stiefmütterlich behandelt und dabei auch noch verzerrt darstellt. Die meisten Menschen denken beim Stichwort SETI an Ufos, aus denen irgendwelche Monster aussteigen. Die Vorstellung der Menschen ist durch das Kino geprägt, durch Filme wie „Alien“, „Independance Day“ oder „Die Körperfresser kommen“. Zudem haben wir seit Urzeiten Angst vor dem Fremden, Unbekannten. Käme die Meldung, dass ein Signal entdeckt wurde, welches extraterrestrischen Ursprungs sein könnte, so hätten die Menschen automatisch solche Hollywood-Aliens im Kopf. Die typische Medienberichterstattung, wie sie heute ist, würde zusätzlich zum Entstehen unberechenbarer Reaktionen beitragen. Hinzu kommt: Ich sehe es als sehr unwahrscheinlich an, dass wir den Inhalt eines bei uns ankommenden Signals verstehen würden, zumal uns die Informationen durch die großen Entfernungen ja vermutlich nur sehr verstümmelt erreichen würden. Genau das aber bietet viel Platz für Missverständnisse und wäre eine Projektionsfläche für Wünsche, Hoffnungen und vor allem Ängste. Als weiteren wichtigen Aspekt sehe ich fehlende Bildung an. Sehr viele Menschen wissen nicht, was ein Lichtjahr überhaupt bedeutet, dass 20 Lichtjahre einer Entfernung von fast 189 Billionen Kilometern entsprechen. Sie könnten dann gar nicht einschätzen, wie weit eine außerirdische Zivilisation, von der ein solches Radiosignal kommen könnte, tatsächlich von uns entfernt wäre.

Woran liegt das, wird das Thema Weltraum Ihrer Ansicht nach in der Schule vernachlässigt?
Das ist zweifellos so. Im Sachkunde- oder Erdkunde-Unterricht spielt der Weltraum leider kaum eine Rolle, wahrscheinlich, weil die Lehrer in ihrem Studium nichts davon mitbekommen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ginge die Gefahr beim Empfang eines fremden Radiosignals also vor allem von den Menschen selbst und ihrer Reaktion aus?
Ja, urzeitliche Ängste, fehlendes Wissen und die zu erwartende Medienberichterstattung, bei der Wissenslücken mit Spekulationen gefüllt werden, sehe ich als das größte Problem an.

Sie sehen aber auch direkte Bedrohungen, die durch einen wie auch immer gearteten Kontakt auf die Menschheit zukommen könnten…
Es gibt natürlich Gefahren. Sonden, die fremde Zivilisationen vielleicht einmal vor langer Zeit gestartet haben, könnten abstürzen und fremde Bakterien, Viren oder Pilze mitbringen. Das wäre allerdings nur eine Bedrohung, wenn diese Mikroorganismen von ihrer Struktur her die Möglichkeit hätten, an unserer DNA anzudocken. Auch außerirdische Technologien könnten Schlimmes anrichten, etwa, wenn eine Radiobotschaft ein trojanisches Pferd in Gestalt einer Anleitung zum Bau einer Waffe enthielte, durch die große Teile unserer technischen Errungenschaften auf der Erde zerstört werden könnten und wir schlimmstenfalls wieder im „Mittelalter“ landen. Nicht zuletzt könnten außerirdische Zivilisationen unsere Suche im All auch argwöhnisch betrachten, uns in die Schranken weisen oder stoppen wollen. Es sind verschiedene Szenarien denkbar.

Wenn wir nicht entdeckt werden sollten, dann dürften die Menschen auch nicht auf sich aufmerksam machen. Sind Sie der Ansicht, dass wir unsere Aktivitäten in diese Richtung einstellen sollten? Können wir uns überhaupt „unsichtbar“ machen mit unseren vielen Radio- und Fernsehsendern weltweit?
Fernsehen und Radio sind nicht das große Problem, sie verschmelzen mit dem allgemeinen Hintergrundrauschen. Anders verhält es sich mit dem Aussenden von Radiosignalen, die das konkrete Ziel haben, im All auf die Menschheit hinzuweisen. Damit schreien wir unsere Existenz ja ins All hinaus, das betrachte ich sehr kritisch. Wir sollten uns bewusst machen, zu was das führen kann. Das gilt auch für die Voyager- und Pioneer-Sonden, die mit Informationen über die Menschheit und sogar Wegbeschreibungen auf die Reise geschickt wurden.

Physiker Stephen Hawking hat die Idee, von Lasern angetriebene Mini-Raumschiffe mit 20 Prozent Lichtgeschwindigkeit in entfernte Sonnensysteme vordringen zu lassen. Mit Hilfe eines russischen Milliardärs soll dieses Vorhaben bereits in naher Zukunft verwirklicht werden. Ihrer Logik nach wäre das ein gefährlicher Plan.
Ich halte davon in der Tat wenig und finde auch noch andere Aspekte problematisch. Was ist zum Beispiel, wenn die Sonden in einem anderen Sonnensystem einen Planet erreichen, der Leben – gleich ob hoch entwickelt oder nicht – trägt? Die Sonden könnten ihn kontaminieren und dort zu einer Katastrophe führen. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass Hawking diese Idee wirklich ernst meint, eigentlich widerspricht er damit seinen eigenen früheren Aussagen. Ich halte es eher für einen Marketing-Gag.

Sie warnen davor, dass man insbesondere in Deutschland nicht auf den Fall der Fälle vorbereitet wäre. Vor einigen Wochen hat Comedian Mario Barth aber in seiner Sendung über Steuerverschwendung gerade die Ausgaben für eine „Ufo Akte“ der Bundesregierung aufgeführt.
Das bezieht sich vermutlich auf eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die sich mit der Suche nach außerirdischem Leben und den SETI-Programmen befasst. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Existenz anderer intelligenter Lebensformen im Universum unwahrscheinlich ist. Auch wird darin eine Resolution der Vereinten Nationen erwähnt, in der die Mitgliedsstaaten aufgefordert werden, die Möglichkeit eines Besuchs durch Außerirdische zu erforschen. Eine Verpflichtung gibt es aber nicht. Wir wissen nicht, in welchem Ausmaß sich die Bundesregierung damit beschäftigt hat, ob es Maßnahmen gibt, wie die Politik bei einem Erstkontakt reagieren soll. Die Regierungen anderer Länder, etwa Frankreichs, sind in dieser Beziehung aufgeschlossener.

Sie warnen in Ihrem Buch vor allem vor den Gefahren, die die Suche nach intelligentem Leben im All beinhaltet. Hand aufs Herz: Fänden Sie es nicht spannend, wenn die Menschheit ein Radiosignal von Außerirdischen empfinge?
Da bin ich zwiegespalten. Das Positive daran wäre sicher, dass ein Erstkontakt ein so gewaltiges Ereignis darstellen würde, dass vielleicht Kriege sinnlos erscheinen. Doch sonst sehe ich eher die Probleme im Vordergrund. Ich denke deshalb nicht, dass ich einen Erstkontakt erleben möchte.

Interview: Pamela Dörhöfer

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