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Sonde Rosetta „Das Entstehen des Lebens war kein langer Prozess“

Paolo Ferri, Leiter des Esa-Missionsbetriebs, spricht im Interview über Erkenntnisse von Rosettas Reise zum Kometen, schöne Momente und Abschiedsschmerz.

Philae
Mehr als zehn Jahre lang war die Esa-Sonde Rosetta mit Landegerät Philae im Gepäck zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko unterwegs. Foto: esa

Menschen auf aller Welt fieberten mit, als die Sonde Rosetta im November 2014 nach mehr als zehnjähriger Reise ihr Landegerät Philae auf die Oberfläche von Komet „Tschuri“ schickte. Sie jubelten über die Nachricht der geglückten Ankunft, bangten, als der kleine Roboter auf dem unwirtlichen Grund keinen festen Halt fand, freuten sich, als er dann doch etwas schief zum Stehen kam, waren fasziniert von den Bildern des knollenförmigen Himmelskörpers – und ein bisschen wehmütig, als Rosetta im September 2016 über „Tschuri“ zum sanften Absturz gebracht und die Mission beendet wurde. Eine Sonderausstellung im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt lässt die große Reise nun noch einmal Revue passieren. Ein Mann hat vor und während der Mission alle Gemütszustände in besonderem Maße durchlebt: Paolo Ferri, Leiter des Missionsbetriebs bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa, war seit 1996 bei Rosetta dabei, viele Jahre davon in verantwortlicher Position.

Rosetta war die bisher ambitionierteste Mission der Esa und mit 1,4 Milliarden Euro Kosten auch eine der teuersten. Hat sich der Aufwand gelohnt?
Die Mission war einzigartig und bedeutete für uns alle Pionierarbeit. Denn wir mussten vieles machen, was noch kein Mensch je zuvor getan hatte. Verglichen mit anderen Weltraumprojekten sind die Kosten gar nicht so hoch, man muss sie schließlich über den Zeitraum von 20 Jahren rechnen. Der Aufwand hat sich in jedem Fall gelohnt, in vielerlei Hinsicht und vor allem für die Wissenschaft, um die es ja in erster Linie ging. Rosetta hat eine enorme Menge an Daten geliefert, die jetzt aufgearbeitet werden müssen. Das wird Jahre in Anspruch nehmen, aber man kann jetzt schon von einem großen Erfolg sprechen. Auch technisch gesehen war die Mission sehr wichtig. Wir haben gezeigt, dass man an einen kleinen Himmelskörper  herankommen, um ihn navigieren und sogar darauf landen kann. Es war das erste Mal in der Geschichte der Raumfahrt, dass so etwas gemacht wurde. Das war bahnbrechend. Außerdem hat die Mission noch in  anderer Hinsicht große Bedeutung: Rosetta hat in der Bevölkerung Faszination für die Raumfahrt geweckt, ich bin überzeugt, dass sie die jungen Leute so inspirieren konnte wie einst die Mondlandung meine Generation.

Ein Hauptziel war es, neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Kometen und die Entstehung unseres Sonnensystems zu gewinnen. Welche Ergebnisse gibt es dazu bereits?
Rosetta hat gezeigt, dass Kometen sehr wichtig sind, um die Anfänge unseres Sonnensystems zu entschlüsseln, unsere Wissenschaftler sind begeistert. Eine große Überraschung gab es bei der chemischen Zusammensetzung von Tschuri. Denn die Materie, aus der er – und vermutlich alle Kometen dieser Art – besteht, ist älter ist als man dachte.

Was bedeutet das?
Die Grundkomponenten stammen aus dem frühen interstellaren Staub, der unser Sonnensystem vor viereinhalb bis fünfeinhalb Milliarden Jahren geformt hat, also der ganz ursprünglichen Materie. Außerdem hat man Bestandteile gefunden, die man nicht erwartet hatte, zum Beispiel molekularen Sauerstoff und Stickstoff, viele Edelgase. Und: Grundkomponenten des Kometen beinhalten auch komplexe organische Moleküle, sogar Bausteine von Proteinen. Das bedeutet: Die präbiologischen Komponenten waren bereits seit den Anfängen unseres Sonnensystems vorhanden. Das wiederum zeigt, dass das Entstehen des Lebens kein langer Prozess war. Wenn diese Komponenten schon so früh da waren, bedeutet es für viele Wissenschaftler, dass Leben nicht so außergewöhnlich ist. Das finde ich auch philosophisch sehr interessant.

Wenn man Bausteine des Lebens bereits auf einem Kometen findet, kann man dann daraus schließen, dass es sie auch auf anderen Planeten geben muss?
Ich war immer davon überzeugt, dass Leben nicht nur auf der Erde entstanden ist, dazu gibt es im Universum viel zu viele Sterne und Planeten.

Und wie sieht es in unserem Sonnensystem aus, ist zu vermuten, dass es organische Moleküle auf anderen Planeten gibt?
Die Bausteine sind da. Damit Leben daraus entsteht, müssen allerdings die Bedingungen stimmen – also etwa die Entfernung zur Sonne, die Temperatur, die Zusammensetzung oder die Druckverhältnisse. Auf den anderen Planeten unseres Sonnensystems sind diese Voraussetzungen nicht gegeben. Aber auf dem Jupitermond Europa zum Beispiel vermutet man Ozeane unter der Eisoberfläche. Wir kennen auf der Erde Lebensformen, die in solchen Bedingungen überleben konnten. Leben ist stärker, als wir denken.

Eine wichtige Frage, die geklärt werden sollte, war auch jene, ob das Wasser von Kometen auf die Erde gekommen ist.
Man hatte durch Rosetta eine Bestätigung dieser These erwartet. Aber bereits die ersten Messungen haben gezeigt, dass die isotopische Komposition des Wassers auf dem Kometen Tschuri völlig anders ist als auf der Erde. Das heißt nicht unbedingt, dass das Wasser auf Kometen und auf der Erde nichts miteinander zu tun haben, aber das Verhältnis ist zumindest komplizierter als angenommen. Die Wissenschaftler haben jetzt sehr viel zu tun, um das zu erklären.

Gab es noch weitere Überraschungen?
Praktisch alles, was auf und unter der Oberfläche gemessen und beobachtet wurde, war überraschend – vor allem auch die Veränderungen, die sich abgespielt haben, bevor und nachdem der Komet den geringsten Abstand zur Sonne hatte, dieser Punkt wird als Perihelium bezeichnet. Deshalb war es auch so wichtig, zwei Jahre lang bei einem Kometen zu bleiben. Denn so wird nicht nur ein Bild gezeigt, sondern die ganze Dynamik des Kometenkerns wurde beobachtet. Fast täglich gibt es neue wissenschaftliche Publikationen zur morphologischen und geologischen Struktur des Kometen. Stand April waren es bereits 780. Fest steht schon jetzt: Nach Rosetta wird die Kometenwissenschaft neu geboren.

Wie ist eigentlich die Idee entstanden, zu einem Kometen zu reisen?
Das geht bereits zurück auf die 1980er Jahre. Damals war die Esa-Sonde Giotto unterwegs und flog 1986 als erste nah an einem Kometen vorbei, am Halley’schen Kometen. Die selben Wissenschaftler, die diese Mission entwickelt hatten, dachten damals schon darüber nach, was der nächste Schritt sein müsste: nicht mehr nur der Vorbeiflug, sondern ein Rendezvous mit einem Kometen.

Waren Sie damals schon dabei?
Ich bin 1996 eingestiegen, als Arbeit im Satellitenkontrollzentrum Esoc losgegangen ist. Wir waren eine kleine Gruppe, die die Operation planen und die Bodensysteme entwickeln sollte. Wir hatten damals keine Ahnung, wie man im tiefen Weltraum fliegt, wir hatten keine Software und keine Infrastruktur, nichts. Wir sind dann zur Nasa gefahren, um zu lernen, was es bedeutet, im interplanerischen Raum unterwegs zu sein. Aber das hat nicht gereicht: Wir mussten ja auch noch auf einem kleinen Körper landen! Das hatte sogar die Nasa noch nie getan. Da mussten wir unsere eigene Ideen entwickeln. Doch innerhalb von weniger als acht Jahren haben wir es geschafft. Wir wussten zwar 2004 noch nicht genau, wie wir es machen, wenn wir am Ende am Kometen ankommen – aber starten konnten wir die Reise.

Was war in all diesen Jahren die größte Schwierigkeit?
Die Herausforderung bestand vor allem darin, dass man sich jeden Tag in eine Art Zeitmaschine setzen musste. Denn wir mussten uns ja 15, 20 Jahre in die Zukunft denken, um durchzuspielen, was passiert, wenn wir beim Kometen sind: Die Welt wird anders sein, wir werden anders sein, andere Leute werden damit beschäftigt sein. Das war ganz neu. Normalerweise arbeitet man ein paar Jahre an einer Mission, dann wird gestartet – und das immer mit dem gleichen Team. Deshalb hatten wir auch von Anfang an entschieden, sehr junge Leute einzustellen. Im Laufe der Jahren haben in den verschiedenen Institutionen tausende Menschen an dem Projekt gearbeitet. Allein in unserer Gruppe beim Esoc war jede Position vom Anfang bis zum Ende der Mission mit drei verschiedenen Personen, drei Generationen von Ingenieuren, Technikern und Wissenschaftlern, besetzt. Das gilt auch für mich: Ich hatte zwar das Glück, die ganze Zeit, 20 Jahre lang, dabei zu sein, aber am Ende auf einer anderen Stelle als zu Beginn.

Wie muss man sich diese Planung in die Zukunft vorstellen? Haben Sie einfach darauf vertraut, dass alles schon irgendwie klappen wird, wenn die Zeit fortschreitet?
Das war die besondere Schwierigkeit. Wir mussten in der Tat planen, ohne die richtigen Instrumente zu haben. Ende der 1990er Jahre gab es noch keine Computer, keine Algorithmen, die in der Lage waren, uns die Operationen und die Navigation in der Nähe eines Kometen zu ermöglichen. Uns war klar: Es muss eben daran gearbeitet werden, dass wir die nötigen Instrumente zum richtigen Zeitpunkt haben werden.

Bei einer so großen und langen Mission läuft naturgemäß nicht immer alles glatt. Was war Ihr schlimmster Moment?
Der Augenblick, als der für 2003 vorgesehene Start wegen Schwierigkeiten mit der Trägerrakete gecancelt werden musste. Seit vier Wochen war bekannt gewesen, dass es Probleme mit der Ariane gab. Am 7. Januar 2003, eine Woche vor dem Starttermin, wurde uns dann mitgeteilt, dass es nicht klappt. Ich war mir damals nicht sicher, ob wir noch eine zweite Chance kriegen. Das gesamte Team war sehr deprimiert. Wir wussten, es ist die Mission unseres Lebens, und wir wollten sie nicht verlieren. Es war ja nicht nur der Starttermin, um den es ging: Wir mussten einen neuen Kometen als Ziel finden und eine neue komplizierte Bahn im Sonnensystem, um dahin zu kommen. Viel Zeit blieb uns dafür nicht.

Der Satellit war bereit zum Start, war vollgetankt und konnte nicht unbegrenzt so stehenbleiben. Würden wir binnen zwei Jahren keinen neuen Kometen finden, so wäre die Mission geplatzt. Bereits in den ersten drei Monaten mussten wir dann alle Kandidaten verwerfen – bis nur noch Tschuri übrigblieb, mit einem Starttermin nur 13 Monate später. Gottseidank! Aber Tschuri war größer, hatte mehr Schwerkraft als der ursprünglich vorgesehene Komet 46P/Wirtanen. Und dann haben wir auch erst nach ein paar Monaten festgestellt, dass Rosetta auf dem Weg zu Tschuri im Schatten von Mars fliegen würde. Das hatten wir anfangs übersehen und mussten nun die ganze Sonde neu programmieren. Ein ganzes Jahr dauerte es, diese 24 Minuten im Schatten von Mars zu planen. Außerdem hat die Reise zu Tschuri ein Jahr länger gedauert als beim Ursprungskometen der Fall gewesen wäre, so dass die Ankunft am Kometen insgesamt zwei Jahre Verspätung hatte. Aber dadurch hatten wir auch mehr Zeit, die Software an Bord zu verbessern, das war ein Vorteil. So ist Rosetta viel robuster geworden.

Als der Roboter Philae so holprig auf der Kometenoberfläche gelandet ist, war das sicher auch ein Schreckmoment, oder?
Sicher, aber es ging nur um die Landung, nicht um die gesamte Mission. Wir wussten, die Wahrscheinlichkeit, dass es funktionieren würde, war nicht sehr hoch. Philae wurde ja in den 1990er Jahren konstruiert, ohne zu wissen, wie ein Kometenkern aussieht. Sie müssen sich vorstellen: Man baut eine Maschine, die in einer Umgebung arbeiten soll, die völlig unbekannt ist. Als Philae zunächst gelandet war und n och gesund seine Daten zu Rosetta funkte, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Klar, als es 20 Minuten später so aussah, als würde er wieder wegfliegen, war das kein guter Moment. Und natürlich war auch die Anspannung da: War sagen wir jetzt der Welt, die da draußen auf unsere Nachrichten wartete? Aber den größten Teil der Mission musste Rosetta erledigen, und sie Sonde war noch da hatte noch zwei Jahre Arbeit vor sich.

Und woran erinnern Sie sich am liebsten?
Am schönsten war das Aufwachen von Rosetta nach zweieinhalb Jahren Winterschlaf. Es ist sehr selten, dass wir einen solchen Moment erleben, wo es um alles oder nichts geht. Nun wussten wir: Rosetta ist am Leben, die Systeme sind gesund und funktionieren. Das war pure Freude. Große Erleichterung habe ich zudem empfunden, als nach den 24 Minuten im Schatten von Mars das Signal wieder war. Und sehr gefreut habe ich mich auch im Juni 2015, als ich eines Samstagabends ins Bett gehen wollte und eine SMS bekam, dass Philae sich nach monatelanger Pause wieder gemeldet hatte. Fast alle hatten die Hoffnung aufgegeben, wieder von Philae zu hören.

Wenn man Ihnen zuhört, merkt man, wie sehr die Mission Sie noch berührt. Wie schwer ist Ihnen der Abschied von Rosetta gefallen?
Sehr schwer, nicht nur mir, sondern auch den anderen, die in den vergangenen Jahren daran gearbeitet haben. Wir leiden alle immer noch darunter. Ich habe den Vorteil, dass ich mit vielen neuen Missionen zu tun habe. Aber Rosetta fehlt mir. Natürlich werden noch interessante Missionen kommen. Aber es wird in meinem Arbeitsleben nie etwas Größeres, Wichtigeres als Rosetta gehen. Ich weiß das und ich fühle das, jeden Tag.

Im September wurde Rosetta über Tschuri gezielt zum Absturz gebracht. Ihre und Philaes Überreste reisen nun zusammen mit ihm durchs All. Denken Sie noch manchmal an die Sonde und ihren Lander und fragen sich, wo sie jetzt wohl gerade sind?
Täglich, vor allem an die Sonde. Der Lander war eher ein Passagier. Mit Rosetta haben wir jahrelang täglich gesprochen. Ich sehe sie nicht als eine Maschine an, sie war Teil unseres Lebens. Philae war eher ein Bekannter, Rosetta war unsere Liebe.

Interview: Pamela Dörhöfer