Lade Inhalte...

"Mars One" Mars-Reise ohne Rückflug

Der Student Robert Schröder aus Darmstadt will mit Cyanobakterien Sauerstoff produzieren – und später selbst zum Roten Planeten fliegen.

Architektur mit Kapseln: die geplante Marskolonie. Foto: mars one

Der Rote Planet ist das Ziel seiner Träume. Hier möchte Robert Schröder später leben, hier möchte er alt werden und – ja – irgendwann auch sterben. Ein Witz? Spinnerei? Mitnichten. Tatsächlich unternimmt der Student aus Darmstadt viel, damit seine Pläne nicht Science Fiction bleiben: Er hat sich als Astronaut für die private Mission der niederländischen Stiftung „Mars One“ beworben, die ab 2024 Menschen zu unserem Nachbarplaneten bringen und dort eine Kolonie errichten will. Mit Blick auf diese geplant Besiedelung – und damit sozusagen im eigenen Interesse – will der 26-Jährige einen Beitrag leisten, den Mars lebenswert zu machen: Er möchte Cyanobakterien nutzen, um Sauerstoff zu produzieren.

Der Elektrotechnik-Student der Hochschule Darmstadt hat für diese Idee noch zehn weitere Kommilitonen aus anderen Bereichen wie Biotechnologie, Physik oder Biologie begeistert – und auch Dieter Pollet, Professor für Chemie und Biotechnologie, der die jungen Forscher berät und ihnen für ihre Versuche ein Hochschullabor zur Verfügung stellt. Ihr Projekt haben die Studenten „Cyano Knights“ getauft, und es fasziniert offenbar Menschen aus aller Welt: Bei dem internationalen Forschungswettbewerb „Mars One University Competition“ liegen Robert Schröder und sein Team seit Beginn an ganz vorne beim Voting im Internet und haben nun auch die Endrunde erreicht.

Dabei hängten die Studierenden nach Angaben ihrer Hochschule sogar renommierte Forschungsgruppen ab, die bereits Beiträge zu früheren Weltraummissionen geleistet hätten. Derzeit überprüft eine Fachjury die Realisierbarkeit der Projekte. Die endgültige Entscheidung fällt im Januar und wird weitreichende Folgen haben: Die Gewinner dürfen ihr Experiment als eines von acht im Jahr 2018 mit einer Forschungsrakete von „Mars One“ zum Roten Planeten schicken.

Derzeit suchen die Studenten im Zellkulturtechniklabor des Fachbereichs Chemie- und Biotechnologie der Hochschule Darmstadt nach der besten Aufzuchtmethode für die auch als Blaualgen bekannten Cyanobakterien und andere Mikroorganismen. Noch kommen die jungen Forscher mit einem selbst angeschafften Kühlschrank sowie Geräten und Bakterienkulturen aus, die ihnen die Hochschule stellt. Für die folgenden Belastungstests indes sind teure Spezialapparate erforderlich – und dafür brauchen die Nachwuchswissenschaftler Förderer. Robert Schröder ist zuversichtlich, genügend Unterstützer zu finden, die in sein ehrgeiziges Projekt investieren wollen.

Sollten es die Bakterien bis auf den Mars schaffen, so wird es dort ihre Aufgabe sein, in Bioreaktoren Kohlendioxid in Sauerstoff umzuwandeln. Auch zur Produktion von Nährstoffen könnten die Mikroorganismen taugen, stellt sich der Student vor, etwa die Gattung Spirulina, die zu den Cyanobakterien zählt und als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird.

Cyanobakterien sind auf der Erde weit verbreitet und kommen überall in Gewässern vor. „Man findet sich auch unter widrigen Bedingungen, in der Antarktis, der Arktis, Salzseen oder heißen Quellen“, erklärt Robert Schröder. Diese Widerstandsfähigkeit sei wichtig, weil die Bakterienstämme auf ihrem Flug zum Mars starke Temperaturschwankungen aushalten müssten. Bei Versuchen auf der Internationalen Raumstation ISS habe die Crew diese Mikroorganismen bereits direkt dem Weltall ausgesetzt: „Die Ergebnisse waren vielversprechend.“

Für den Prozess der Sauerstoffgewinnung benötigen die Cyanobakterien Sonnenlicht, weil sie das so lebenswichtige Element über Photosynthese generieren. Licht gibt es auf dem Mars, der einen ähnlichen Tag-Nacht-Rhythmus wie die Erde aufweist. Auch Kohlendioxid ist in Fülle vorhanden, denn die Atmosphäre des Roten Planeten besteht zu rund 95 Prozent daraus. Doch die Frage bleibt, ob die Mikroorganismen es schaffen, unter den auf dem Mars herrschenden Verhältnissen Sauerstoff zu produzieren. Denn das Klima unterscheidet sich von dem der Erde erheblich: Die Durchschnittstemperaturen liegen bei minus 55 Grad, am Äquator steigen sie tagsüber auf bis zu plus 20 und sinken nachts bis auf minus 100 Grad.

Wasser wurde zwar bei früheren und aktuellen Missionen der US-Weltraumbehörde NASA und der europäischen Raumfahrtorganisation ESA gefunden – aber nur in Eisform; da der Druck der Atmosphäre geringer ist als auf der Erde und das Klima meist sehr viel kälter, kann Wasser auf der Marsoberfläche in flüssiger Form nur schwer bestehen.

Und in dieser wenig anheimelnden Umgebung wollen Menschen überleben? Konstante Umweltbedingungen sollen Habitate schaffen, in denen die Marsbewohner sich aufhalten und ihre rein vegetarische Nahrung selbst züchten können, erläutert Robert Schröder. Im Computermodell existieren die kegelförmigen Kapseln bereits: „Dort hätte ich einen größeren Wohnraum als jetzt“, lautet Robert Schröders Kommentar.

Sein Forschungsprojekt mit den Cyanobakterien begeistert die Wissenschaftler an der Hochschule Darmstadt: „Ich finde diese Engagement super. Es ist eine tolle Idee und ich kann mir theoretisch vorstellen, dass es klappt“, sagt etwa Christina Dauscher, Laboringenieurin für den Bereich Zellbiologie. Mit dem Gedanken, dass der junge Mann sich in zehn Jahren auf dem Weg zum Mars machen will, kann sie sich indes weniger anfreunden. Denn es soll eine Reise ohne Wiederkehr werden – anders als es die NASA vorhat, ist kein Rückflug zur Erde vorgesehen. Die US-Weltraumorganisation liegt mit ihrem Zeitplan Mitte der 2030er Jahre hinter „Mars One“. Die Privatmission will zunächst Versorgungsschiffe mit Robotern und Rovern auf den Mars schicken, die für das lebende Personal quasi den Boden bereiten. 2024 sollen dann die ersten vier Menschen, zwei Männer und zwei Frauen, nach etwa siebenmonatiger Reise ihre neue Heimat erreichen. Im Abstand von zwei Jahren sollen dann jeweils vier weitere Astronauten dazukommen, bis die Zahl von 40 Bewohnern erreicht ist.

Etliche Konkurrenten abgehängt

Robert Schröder selbst möchte unbedingt bei der ersten Besatzung dabei sein. Bei seiner Bewerbung als Astronaut hat der 26-Jährige ebenso wie mit seinem Beitrag zum Forschungswettbewerb bereits etliche Konkurrenten abgehängt. 200 000 Kandidaten aus aller Welt hatten wollten den Rest ihrer Tage auf dem Mars verbringen, derzeit sind noch 663 übrig. Auswahlkriterien seien „Lernfähigkeit, Flexibilität, Kreativität, Standhaftigkeit und körperliche Eignung“, erklärt Robert Schröder. Sollte er es weiterschaffen, muss er Isolationsexperimente und eine Astronautenausbildung durchlaufen.

So gilt es zu lernen, mit der geringenen Schwerkraft zurechtzukommen, die ein Drittel unter dem Wert der Erde liegt. „Alles wird dadurch stärker. Ein kleiner Klaps gegen die Wange kann leicht zum Schlag werden“, erklärt der Student. Ebenso ist bekannt, dass Schwerelosigkeit zu Knochen- und Muskelschwund führen kann. Auch die erhöhte Radioaktivität ist ihm kein Hindernis: „Mit den Werten, denen man ausgesetzt ist, kann man noch 60 Jahre leben“, sagt der junge Mann. Und was ist, wenn jemand krank wird, zum Beispiel einen Herzinfarkt erleidet? „Jeder Astronaut erhält eine grundlegende medizinische Ausbildung“, erzählt Robert Schröder, außerdem würden wichtige Geräte mit auf den Roten Planeten transportiert. Ansonsten heißt es: auf eine robuste Gesundheit setzen ...

Die karge, lebensfeindliche Umgebung, die Ferne zur Heimat, die Isolation, die Strahlenbelastung, die vielen noch gar nicht abwägbaren Gefahren, die Endgültigkeit des Unternehmens – nichts kann Robert Schröder schrecken. „Ich wollte schon als Kind in den Weltraum“, erzählt er. Den 26-Jährige treiben Forscher- und Abenteuerdrang gleichermaßen an. Und er ist ein glühender Verfechter der bemannten Raumfahrt: „Der Mensch mit seinen Möglichkeiten, auf Situationen zu reagieren, ist durch künstliche Intelligenz nicht zu ersetzen“, sagt Robert Schröder. Was seine Eltern von seinen Plänen halten? „Sie haben mich immer sehr unterstützt und tun es auch jetzt bei meiner Forschungsarbeit.“ Von seiner Reise zum Mars sind sie naturgemäß weniger begeistert: „Ich glaube, sie setzen darauf, dass es nichts wird.“ Er selbst aber hofft fest, in zehn Jahren dorthin vorzudringen, wo kein Mensch je zuvor gewesen ist. Und wenn es ganz schlimm oben wird – vielleicht hält die NASA ja ein paar Plätze für den Rückflug frei.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen