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ExoMars Darmstadt ruft Mars

Die ExoMars-Mission von Esa und Roskosmos läuft nur zum Teil nach Plan. Für manch einen Wissenschaftler mag die Ungewissenheit über das Schicksal der Sonde Schiaparelli auch eine Art Déjà-vu gewesen sein.

Ob Schiaparelli auf der Marsoberfläche zerschellt ist oder nur Kommunikationsprobleme hat, lässt sich bislang noch nicht feststellen. Foto: rtr

Jan Wörner, Generaldirektor der europäischen Weltraumorganisation Esa, klang entschlossen und fast trotzig, als er einem britischen Reporter auf die Frage antwortete, ob Schiaparelli, das Landegerät der ExoMars-Mission, beim Kontakt mit der Oberfläche des Roten Planeten am Mittwoch zerborsten sei. Die Muttersonde Trace Gas Orbiter (Spurengasorbiter) sei „sehr erfolgreich“, betonte Wörner stattdessen bei einer Pressekonferenz im Kontrollzentrum der Esa in Darmstadt: „Wir haben alle Bestätigungen, dass sie in die Umlaufbahn eingetreten und bereit für die wissenschaftliche Arbeit ist. Das ist der Grundstein dieser Mission.“

Schiaparelli indes sei ein Testgerät für die 2020 geplante Landung eines größeren Rovers gewesen. Und David Parker, Direktor des bemannten Raumflugs und der robotischen Erkundung bei der Esa, pflichtete bei: „Wir haben die Hauptziele erreicht. Yes, I am happy.“

Am Tag nach der Ankunft der ExoMars-Mission im Orbit des Roten Planeten ging es den Esa-Chefs vor allem darum, die Bedeutung des erfolgreichen Teils des gemeinsamen Großprojekts mit der russischen Weltraumorganisation Roskosmos herauszustellen: Die Muttersonde in die richtige Umlaufbahn gebracht zu haben, das sei der wichtigere Part, da sie im Orbit nach Methan suchen soll. Denn aus der Existenz, Konzentration und Herkunft des Spurengases lassen sich Rückschlüsse auf gegenwärtiges oder vergangenes Leben auf unserem Nachbarn ziehen – und eben diese Suche ist Ziel der ExoMars-Mission.

Wiederholt hieß es zudem, dass Schiaparelli „nur“ ein Test-Landegerät sei und sich deshalb auch aus Fehlern Nutzen ziehen lasse: „Egal wie die Mission ausgeht, sie ist ein Erfolg, weil wir daraus lernen können“, sagte bereits am Mittwoch Astronaut Alexander Gerst, als sich abzeichnete, dass der Sinkflug nicht so reibungslos verlaufen war wie erhofft.

Dennoch: Die Enttäuschung darüber, dass die Europäer weiter auf ihre erste Landung auf dem Mars warten müssen, konnten viele, die das Geschehen live im Kontrollraum verfolgten, nur schwer verbergen – selbst wenn die Mission damit keineswegs gescheitert ist. Für manch einen mag es auch eine Art Deja vu gewesen sein. Denn bereits 2003 ging der Kontakt zum britischen Landegerät „Beagle 2, das die Esa-Sonde Mars Express im Gepäck hatte, beim Anflug auf den Planeten verloren; sein Schicksal ist bis heute unbekannt.

Ganz so verhält es sich bei Schiaparelli nicht. Denn tatsächlich sendete das Landegerät während seines Abstiegs zur Oberfläche bis kurz vor dem geplanten Aufsetzen noch Daten, erklärte Andrea Accomazzo, Leiter der Planetenmissionen bei der Esa. Bis zur traurigen Stille war die Mission reibungslos verlaufen. Nach siebenmonatiger Reise hatte sich das Landgerät am Sonntag vom Trace Gas Orbiter abgekoppelt. Die Muttersonde selbst bremste am Mittwoch mit Hilfe einer Triebwerkzsündung zunächst stark ab und trat am Nachmittag mitteleuropäischer Zeit in die gewünschte elliptische Umlaufbahn ein. Auch der mit sechs Minuten kalkulierte Abstieg von Schiaparelli zum Mars schien zunächst gut zu klappen: Sowohl die seit 13 Jahren im Orbit kreisende Sonde Mars Express als auch das Radioteleskop im indischen Pune fingen Funksignale des Landegerätes auf. Die Esa-Experten schließen daraus, dass die meisten Schritte funktionierten, sich der Fallschirm entfaltet und das Hitzeschild abgetrennt hat. Doch etwa 50 Sekunden vor der erwarteten Landung brach der Kontakt ab, berichtete Accomazzo.

Ob Schiaparelli auf der Marsoberfläche zerschellt ist oder „nur“ Kommunikationsprobleme hat, ließ sich bislang noch nicht feststellen: „Wir wissen nicht, was passiert ist und warum, und können auch nicht sagen, ob der Lander den Boden berührt hat“, sagte Accomazzo. Es gebe allerdings Hinweise, dass Schiaparelli in der Schlussphase des Sinkflugs zu schnell geworden sei. Darauf deuteten Daten hin, die das Mutterschiff während eines Manövers in der Umlaufbahn aufgenommen habe. Auch habe es den Anschein, dass die Triebwerke, die den Lander abbremsen sollten, zwar zündeten, ihren Betrieb aber früher als erwartet einstellten. Er sei jedoch „überzeugt“, sagte der Esa-Wissenschaftler, dass sich diese Vorgänge nach Auswertung aller Daten noch aufklären ließen.

Die Ergebnisse werden dann in die Entwicklung des Rovers einfließen, der 2020 im zweiten Teil der Mission den Mars ansteuern soll. Dass es möglich ist, irdische Gefährte auf dem unwirtlichen Roten Planeten landen und dort arbeiten zu lassen, haben die Amerikaner bereits vor 40 Jahren mit ihren Viking-Missionen bewiesen; aktuell tummeln sich die beiden Nasa-Rover Opportunity und Curiosity auf der Marsoberfläche. Doch auch die große US-Weltraumorganisation hatte bei ihren zahlreichen Missionen seit den 1960er Jahren schon Misserfolge wegstecken müssen.

Für die Esa und Roskosmos indes könnte sich ein Rückschlag bei der Konzeption des zweiten Teils der ExoMars-Mission im Nachhinein ins Positive wenden: Ursprünglich war der Start des Forschungsrovers für das Jahr 2018 vorgesehen gewesen, wegen Verzögerungen bei den zuliefernden Firmen musste er auf 2020 verschoben werden. Ausgerechnet dieser ungeplante Aufschub gibt den Experten nun zwei Jahre Zeit, die Probleme von Schiaparelli aufzuarbeiten – und es im Ernstfall besser zu machen.

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