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Asteroiden Meteoriten NASA ESA Gefahr aus dem All

350 Asteroiden könnten der Erde in den nächsten 100 Jahren gefährlich werden. Weltraumwissenschaftler in Darmstadt fordern daher ein europäisches Überwachungsprogramm.

12.11.2012 11:05
Von Astrid Ludwig
Die Bedrohung der Erde durch Asteroiden ist real. Der Planet wird täglich mit kleineren Gesteinsstückchen bombardiert. Die meisten verglühen in der Atmosphäre. Alle paar hundert Jahre schlägt jedoch ein größerer Brocken ein. Mit oft verheerenden Auswirkungen.

In dem Katastrophen-Film Armageddon landet Bruce Willis mit einem Raumschiff auf dem Monster-Asteroiden, der Kurs auf die Erde genommen hat, und jagt ihn mit einer Ladung Nuklear-Sprengköpfe in die Luft. So retten Hollywood-Helden die Welt, Wissenschaftler der europäischen Raumfahrtbehörde Esa haben es da schwerer.

Die Bedrohung des Planeten durch Asteroiden ist durchaus keine Fiktion der Filmindustrie, sondern real, wie Forscher des Esa-Kontrollzentrums Darmstadt bei einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend klargestellt haben. Die derzeitig wahrscheinlichste Gefahr aus dem All trägt die schnöde klingende Zahlen- und Buchstabenkombination „2011 AG 5“. Der Asteroid hat einen Durchmesser von 130 bis 290 Meter, ist also ein gefährlich großer Brocken, und könnte nach aktuellen Berechnungen der Raumfahrtagentur am 5. Februar 2040 und erneut 2045 auf Kollisionskurs zur Erde gehen.

Zuvor war es schon „Apophis“, der Weltraumforschern weltweit Kopfschmerzen bereitete. Doch der Felsbrocken hat seinen Erdkurs geändert und rangiert jetzt „nur“ noch auf Platz sechs der Risikoliste. „Die Bahn von Asteroiden ist schwer berechenbar, aber wir müssen vorbereitet sein“, betont Gerhard Drolshagen, Experte für sogenannte erdnahe Objekte, in deren Kategorie auch Asteroiden fallen.

"Wir müssen vorbereitet sein"

Asteroiden sind eine Art Bauschutt aus der Entstehungszeit des Sonnensystems – fliegende Geröllhalden, wie Esa-Missionsanalytiker Michael Khan sie auch nennt. Die Erde wird täglich bombardiert mit kleinsten und kleinen Asteroiden aus dem All. Die meisten verglühen in der Atmosphäre und sind als Sternschnuppen zu sehen. Doch alle paar hundert Jahre gehen auch größere Brocken auf der Erde nieder, die erhebliche Schäden anrichten. 2007 riss ein drei Meter großer Meteorit einen 14 Meter tiefen Krater in Peru.

1908 war das Ausmaß der Verwüstung größer. Der Fall ist als Tunguska-Ereignis in die Geschichte eingegangen. Ein zwischen 30 und 80 Meter großer Asteroid explodierte mehrere Kilometer über dem Boden in Sibirien, knickte auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern rund sechs Millionen Bäume um wie Mikadostäbchen. Das Gebiet war dünn besiedelt. „Die Fläche entspricht jedoch ungefähr dem Großraum London“, verdeutlicht Drolshagen, dass ein solcher Einschlag auch ganz anders ausgehen kann.

Trifft „2011 AG 5“ auf die Erde, würde der Einschlag der Wucht von rund 500 Megatonnen TNT-Sprengstoff entsprechen. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von 0,015 Megatonnen. Die Auswirkungen wären also global – Riesenflutwellen könnten entstehen, Staubwolken das Klima beeinflussen.

„Wir müssen die Gefahr erkennen“, sagt Thomas Reiter, ehemaliger Astronaut, heutiger Esa-Direktor und Leiter des Kontrollzentrums in Darmstadt. Die europäische Raumfahrtagentur hat 2009 für 50 Millionen Euro ihr Space Situational Awareness Program aufgelegt, das Ende dieses Jahres ausläuft. Reiter sieht darin eine Art „Vorbereitung“. Das eigentliche Programm zur Abwehr von Asteroiden und Gefahren aus dem All kostet weitere 100 Millionen Euro und die muss die Esa-Ministerratskonferenz in zwei Wochen in Neapel erst noch absegnen.

Reiter plädiert dafür, ein eigenes europäisches Beobachtungssystem aufzubauen, das erdnahe Objekte – Asteroiden und auch Weltraumschrott – frühzeitig ortet. Nicht nur die Erde will der Ex-Astronaut schützen, auch die 16 Esa-Satelliten, die von Darmstadt aus gesteuert werden, sind durch Einschläge bedroht. „In den vergangenen Jahren gab es eine massive Zunahme an Ausweichmanövern“, sagt Reiter.

Bisher sei man zu 99 Prozent auf die Beobachtungsdaten der Amerikaner angewiesen. Nur das französische Militär besitzt bisher ähnliche Anlagen und es gibt das Weltraumbeobachtungsradar TIRA des Fraunhofer-Instituts für Hochfrequenzphysik und Radartechnik in Wachtberg. Für ein europäisches und internationales Datennetz reicht das nicht. Das soll sich ändern. Ein erstes hochmodernes Testradar hat die Esa in Spanien installiert, ein zweites soll nächstes Jahr in Frankreich errichtet werden. 24 Stunden rund um die Uhr sollen sie den Himmel nach bedrohlichen Objekten absuchen. Die Zeit ist der wichtigste Faktor. „Ziel ist es, einen größeren Asteroiden mindestens drei Wochen vorher zu entdecken, seinen Kurs berechnen und möglicherweise Warnungen herausgeben zu können“, sagt Drolshagen.

Ein globales Problem

Asteroiden machen jedoch nicht an Landesgrenzen halt. „Das ist ein globales Problem, das globale Antworten braucht“, sagt Esa-Sprecherin Jocelyne Landeau. Doch die politischen Mühlen mahlen langsam. Weltraumexperten fordern schon lange eine internationale Zusammenarbeit zwischen Amerikanern, Russen, Europäern und auch den künftigen Nationen im All wie China oder Indien.

2008 gab es die Forderung an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu entscheiden, wie einer möglichen Bedrohung aus dem All zu begegnen ist. Die Vereinten Nationen haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt: Action Team 14. Sie hat vorgeschlagen, ein solches internationales Beobachtungsnetzwerk aufzubauen. Zudem sollten die Weltraumagenturen Pläne zur Gefahren-Abwehr erarbeiten. „Das befindet sich alles noch im Aufbau“, sagt Drolshagen.

Auch technisch ist man noch nicht ausreichend weit. Die Esa erkundet derzeit mit ihrer Rosetta-Mission nicht nur den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko, sondern auch die Asteroiden Steins und Lutetia. „Wir hoffen dadurch, diese Objekte besser zu verstehen – auch wie sie sich ablenken lassen.“ Hinfliegen und den Asteroiden auf einen anderen Kurs bringen, geht heute noch nicht, sagt Drolshagen, „aber in ein paar Jahren ist das sicher möglich.“ Ideen gibt es: Etwa den Asteroiden mit Raumschiffen und deren Schwerkraft abzudrängen oder mit Laserstrahlen kontrolliert zu zerlegen. Die Erde bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Sekunde. „Man muss die Ankunft eines Asteroiden nur um einige Minuten verzögern“, sagt Analytiker Michael Khan. Der Bruce-Willis-Methode kann er nicht viel abgewinnen: „Zu gefährlich.“

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