Lade Inhalte...

Artenvielfalt Die Verdränger

Die Zahl gebietsfremder Arten nimmt rasant zu. Der einheimischen Tierwelt können diese Einwanderer schwer zu schaffen machen.

Waschbär
Waschbären haben sich in Deutschland stark vermehrt – anderen Tieren schaden sie aber nicht. Foto: istock

Mit Sorge beobachten nicht nur Mediziner die Ausbreitung der Tigermücke. Die eigentlich in tropischen Gefilden heimischen Blutsauger haben es bis nach Europa geschafft, in diesem Sommer tauchten Tigermücken sogar im Frankfurter Stadtgebiet auf. Es sind gefürchtete Neuankömmlinge. Denn Tigermücken gehören zu den potenziellen Überträgerinnen gefährlicher Krankheitserreger, darunter das Zika-, Dengue- und das West-Nil-Virus.

Ebenfalls aus anderen Breiten stammend und nicht sonderlich beliebt ist der Asiatische Laubholzbockkäfer, ein exotischer Schädling, der Laubhölzer befallen kann und für Bäume das Todesurteil bedeutet, nicht nur für den direkt betroffenen: „Im Umkreis von hundert Metern müssen alle Bäume gefällt werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern“, sagt Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum Frankfurt. Der Ökologe beschäftigt sich mit dem von Menschen verursachten Wandel der biologischen Vielfalt auf der Erde. Und in dieser Beziehung ist eine Menge passiert in den vergangenen Jahrhunderten. Verantwortlich für diese Entwicklung ist in erster Linie der globale Handel, der – meist ungewollt und unbemerkt – Tiere und Pflanzen per Schiff, Flugzeug oder Bahn über die eigentlich von der Natur gesetzten Grenzen hinweg transportiert. Häufig gelangen sie zusammen mit der Fracht in die Container oder tummeln sich in den Tanks mit Ballastwasser, das Schiffen auf hoher See Stabilität verleiht, erläutert der Wissenschaftler.

Bereits die Römer (denen wir unter anderem den Fasan zu verdanken haben) brachten von ihren Feldzügen fremdes Getier ins Land. Einen großen Schub gab es dann vor etwa 500 Jahren, als der Warentransport über die Weltmeere immer größere Ausmaße annahm. Mit dem rasanten Ausbau des internationalen Handelsnetzes in den vergangenen Jahrzehnten habe die Verbreitung gebietsfremder Arten – sogenannter Neobiota – dann mit ebensolcher Geschwindigkeit zugenommen, sagt Seebens: „Die Kurve geht steil nach oben.“ Experten gehen von mindestens 800 nicht einheimischen Tier- und Pflanzenarten allein in Deutschland aus. Der Klimawandel erleichtere es ihnen, sich in der für sie ungewohnten Umwelt zu etablieren und stellte für heimische Arten einen zusätzlichen Stressfaktor dar, sagt Seebens, die eigentliche Ursache für die steigende Zahl der Einwanderer sei er jedoch nicht.

Nur ein Bruchteil – höchstens zehn Prozent – der eingeschleppten Tiere und Pflanzen zählt allerdings den zu den „invasiven Arten“, was bedeutet, dass sie Schaden in ihrer neuen Heimat anrichten: weil sie Teile der angestammten Fauna und Flora verdrängen oder eben auch zum gesundheitlichen Risiko für die Menschen werden. Ein Klassiker unter den invasiven Pflanzen ist die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Ambrosia, die schwere Allergien auslösen kann. Im Ranking der „big killers“ mit den größten negativen Einflüssen auf die Natur liegen invasive Arten an vierter Stelle hinter der Landnutzung, der Landwirtschaft und der Ausweitung von Siedlungsgebieten – wobei das Problem in den USA weitaus größer sei als in Europa; aus noch ungeklärten Gründen, wie Seebens sagt.

Verheerendster Einfluss - und trotzdem beliebt

Dass der Tigermücke und dem Asiatischen Laubholzbockkäfer die unschönen Eigenschaften von Invasoren zuzuschreiben sind, wird die meisten nicht wundern, beide zählen kaum zu den Sympathieträgern in der Tierwelt. Ganz im Gegenteil zu jener Art, die in den vergangenen Jahrhunderten weltweit den massivsten, wohl auch verheerendsten Einfluss ausgeübt hat: Denn das ist die Katze. „Seefahrer nahmen sie auf ihren Schiffen mit, um die Ratten und Mäuse an Bord zu bekämpfen“, erzählt Seebens. Auf diesem Weg gelangten alle drei Arten im Laufe der Jahrhunderte auf nahezu jede Insel der Erde.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen