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Architektur, Lehrer, Klassenkameraden Was macht die Schule schön?

Fröhliche Farben schaffen den Trick nicht alleine: In der Bonner Grundschule Am Domhof geht´s vor allem um Zuwendung und Ermutigung. Von Stephan Lüke

13.11.2009 00:11
Stephan Lüke

Was macht die Schule schön? Das Gebäude? Der Schulhof? Die Lehrer? Der Unterricht? Die Klassenkameraden? Die Landschaft drumherum? Die Katholische Grundschule Am Domhof im Bonner Stadtteil Mehlem gilt als schöne Schule. Schön gelegen ist sie auf jeden Fall. Durch kleine, enge Gassen, flankiert von hübschen Fachwerkhäusern nähert sich der Besucher.

Bald leuchtet von einer Anhöhe ein farbenfrohes, in kleine Elemente unterteiltes Gebäude. Das Lächeln von Schulleiterin Annie Kawka-Wegmann strahlt doppelt vor den orangefarbenen Wänden. Licht fällt aus Kuppeln an der Decke in die mit Pflanzen und Kunstwerken gestalteten Räume.

Kawka-Wegmann bringt es auf den Punkt: "Diese Schule gibt unserer Schulphilosophie den richtigen Rahmen." Baukörper und Geist passen zusammen. So gut, dass die Schulleiterin zugibt: "Hier habe ich nicht mehr das Gefühl, ich wäre lieber zu Hause."

Nach den Plänen der Carl Montag-Stiftung finanzierte die Stadt Bonn den Neubau - architektonisch schön, vor allem aber auf die Bedürfnisse moderner Pädagogik zugeschnitten. "Es sollte eine Schule entstehen, die längeres gemeinsames Lernen in Kita und Grundschule ermöglicht", erläutert Karl-Heinz Imhäuser von der Montag-Stiftung. Mindestens ebenso wichtig aber ist ihm das Interkulturelle: "Hier steht eine Schule für den willkommen-heißenden Umgang."

Der städtische Kindergarten wurde ins Schulgelände integriert. Die Klassenräume haben alle ein Zimmer fürs selbstständige Lernen, Tische und Stühle sind zu Gruppenarbeitsplätzen zusammengestellt. Die Lehrerinnen und Lehrer tun das, was der Leiter des Instituts für Schulentwicklung, Otto Seydel, fordert: Die Persönlichkeitsstruktur der Lehrer "muss Schüler einladen, gern durch sie und mit ihnen zu arbeiten und zu lernen - für sich. Das ist nur möglich durch eine Pädagogik der Ermutigung."

Den Satz unterschreibt das Kollegium aus 18 Frauen und drei Männern. Es akzeptiert die 330 Kinder und ihre Eltern wie sie sind. 50 Prozent der Schüler haben Migrationshintergrund. 30 Nationen sind vertreten. Die Schule setzt auf Inklusion und Aufklärung.

Kulturen, Sprachen und Religionen werden nicht vermischt. Unterschiede werden respektiert und unterrichtet: Arabisch für deutsche Kinder, Deutsch für arabische Kinder und Mütter. "Christen und Moslems erfahren hier etwas vom anderen", sagt Kawka-Wegmann. Biblische und koranische Überlieferungen seien viel zu wenig bekannt. Wissen baue Ängste ab und ermögliche Dialog. Gebannt lauschen die Kinder, als Franziska und Katharina auf Russisch vom "Krokodil, das Geburtstag hat", erzählen.

Die beiden Siebenjährigen sprechen akzentfrei Deutsch, zuhause häufiger ihre Muttersprache. "Wir fühlen uns gut, dass wir hier auch die Sprache unserer Heimat nutzen dürfen", sagen sie. Fatima aus Marokko ergänzt: "Ich bin stolz, dass ich zwei Sprachen kann." Im guten Klima, im Dialog des Lebens lässt sich gut lernen, lautet das Credo der Schule. Leistung, Respekt, Ordnung und Disziplin stehen trotzdem hoch im Kurs. Doch hier ersetzt Zuwendung Druck. Das entspricht der Vorstellung von Otto Seydel, einem Mitbegründer der Initiative "Blick über den Zaun", in der sich seit 20 Jahren Schulerneuerer zusammengefunden haben.

Er ist überzeugt: "Wenn sich nach Pisa Vorschläge zur Veränderung von Schulen auf Leistungsstandards, Leistungsmessung und -vergleiche reduzieren, ist das eine groteske Beantwortung der Frage, was Schulen bei Schüler/innen schulen sollen." Kopfschüttelnd fügt er hinzu: "Wie kann man eine moderne, erfolgreiche Schule betreiben wollen, wenn nicht die Kinder aufgrund ihrer Erfahrung von sich aus gerne kommen?"

In Mehlem lernen die Kinder gerne und erfolgreich. Das belegt die Schulanalyse des Landes. Die Quote der Übergänge zum Gymnasium liegt um 70 Prozent über, die zur Hauptschule um 80 Prozent unter Landesdurchschnitt. Der Weg dorthin führt über Individualität. Entsprechend wird das "Kind des Monats" nicht wegen der besten Mathenote gekürt. Belohnt werden der Mut, erstmals am Barren zu turnen oder der Einsatz für einen Kameraden.

Die Ehrung findet in der geräumigen neuen Aula, dem Herzen der Schule und Zentrum des Miteinanders, statt. Wie wichtig derlei architektonische und ästhetische Elemente sind, betont Eckart Liebau: "Sie spiegeln Anerkennung, Wertschätzung und Achtung wider", sagt der Tübinger Professor mit dem Schwerpunkt Ästhetische Bildung. Er weiß, dass es Lehrer gibt, die auch "gegen schlechte Räume gute Schule machen. Doch es kostet viel mehr Kraft, sich gegen seine Umgebung durchsetzen zu müssen."

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