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Arbeit Arbeiten bis zum Zusammenbruch

Männer werden durch ihren Job häufiger krank als Frauen, daran hat auch unsere moderne Gesellschaft nichts geändert. Das Risiko für Herzinfarkt und Depressionen steigt.

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Ständige Überstunden können zu chronischer Erschöpfung führen. Foto: imago/Westend61

Arbeit macht Männer deutlich häufiger krank als Frauen; auch unsere moderne Gesellschaft hat daran nichts geändert, im Gegenteil, sagt der Medizinsoziologe Johannes Siegrist. Der Seniorprofessor für Psychosoziale Arbeitsbelastungsforschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf hat über schädliche Belastungen im Beruf unter dem Titel „Anerkennung in der Arbeitswelt“ ein Buch geschrieben, das demnächst auf den Markt kommt.

Warum Männer an ihrem Job oft stärker leiden als Frauen, dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Einige davon sind naheliegend: „Sie arbeiten oft in Berufen, die den Körper belasten, etwa im Baugewerbe, im Transportwesen oder auch in der Chemie“, erklärt der Wissenschaftler: „Dreiviertel aller Berufskrankheiten und die Mehrzahl aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle betreffen Männer. Außerdem ist die Erwerbstätigkeit bei ihnen immer noch höher als bei Frauen, unter ihnen gibt es mehr Haupternährer“. Und auch heute noch nehme der Beruf bei Männern weiterhin einen höheren Stellenwert ein: „Er ist für sie im Hinblick auf ihren sozialen Status und den Vergleich mit anderen deutlich wichtiger“, sagt Johannes Siegrist: „Männer definieren sich sehr häufig über den Beruf, er hat deshalb eine höhere Wertigkeit für sie. Frauen verfügen über mehr Optionen, sich zu identifizieren, etwa über ihre Familie oder über Freundschaften.“

Auch würden Männer „Leistungsstreben und Konkurrenz“ viel stärker in den Vordergrund stellen, erklärt der Medizinsoziologe: „Bei vielen besteht eine übersteigerte berufliche Verausgabungsbereitschaft, ein überhöhter Leistungsanspruch an sich selbst – nach dem Motto: Wer nicht 150 Prozent gibt, ist nichts wert.“ Kurzfristig könne das durchaus positive Folgen haben, führt Professor Siegrist aus, „langfristig jedoch kann das zum psychisch-physischen Zusammenbruch führen“.

Diese ungesunde Einstellung zum Job paart sich überdies gerne noch mit anderem schädlichen Verhalten: Bekanntermaßen gehen Männer in der Regel seltener und später als Frauen zum Arzt – und nicht bereits dann, wenn es aufgrund der Symptome eigentlich angezeigt wäre. Und sie versuchen ihre Belastungen häufiger auszugleichen, indem sie abends beispielsweise zum Alkohol greifen, wie Siegrist erklärt.

Biologische Gründe für das stärkere männliche Leiden an der Arbeitswelt sieht der Medizinsoziologe indes nicht: Eine Studie aus Schweden hätte ergeben, dass berufstätige Frauen, die sich durch einen überzogenen Anspruch an sich selbst gleichermaßen unter Druck setzten, mit ähnlichen Auswirkungen zu kämpfen hätten.

Unsere moderne Arbeitswelt mit ihren Anforderungen befördere das alles noch, sagt Johannes Siegrist – und prognostiziert, dass sich diese Probleme durch die wirtschaftliche Globalisierung und einen noch intensiveren Wettbewerb in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren weiter verschärfen werden; insbesondere in den Hochlohnländern.

So ergab eine repräsentative Umfrage von 2012/2013, dass bereits jeder Vierte das Gefühl hat, unter chronischer Erschöpfung zu leiden, jeder Dritte glaubt sogar, nicht bis zur Rente durchhalten zu können. 13 Prozent der Vollbeschäftigen arbeiten demnach deutlich mehr als 48 Stunden pro Woche – mit fatalen Folgen: „Wer elf Stunden am Tag und mehr arbeitet, hat im Vergleich zu jemand mit einem Acht-Stunden-Tag ein um 70 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko“, erläutert Johannes Siegrist. Der Gesundheit wenig förderlich sei auch die Anforderung, „Multitasking-fähig“ zu sein, also mehrere Aufgaben gleichzeitig ausfüllen zu können.

Sorgen sind nicht grundlos

Zur hohen Belastung gesellt sich bei vielen Menschen überdies noch die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, 20 Prozent fürchten sich davor, wie der Düsseldorfer Wissenschaftler sagt. Oft sind diese Sorgen nicht grundlos: 42 Prozent der befragten Beschäftigten erlebten in ihrem Unternehmen schon eine „betriebliche Restrukturierung“ erlebt, ein Einschnitt, der nicht selten mit Entlassungen verbunden ist.

Verschiedene Forschergruppen haben in den vergangenen Jahren untersucht, welches „Arbeitsaufgabenprofil“ besonders geeignet ist, Menschen krank zu machen. Zwei Modelle stehen dabei international im Vordergrund. Das erste, ‚Anforderungs-Kontroll-Modell‘ genannt, zeigt, dass ein weit verbreitetes Vorurteil nicht zutrifft – jenes nämlich, wonach vor allem Geschäftsführer oder Manager mit viel Verantwortung von ungesundem Arbeitsstress betroffen seien. „Gefährdet sind vor allem Arbeitnehmer, die ständig unter Zeitdruck stehen, aber nicht selbst gestalten können. Das ist eine toxische Verbindung“, erklärt der Düsseldorfer Medizinsoziologe und führt als typisches Beispiel aus der Industrie den Fließbandarbeiter auf, der unter enormem Druck steht, dessen Gestaltungsmöglichkeit „aber gleich Null ist“.

Auch in öffentlichen Verwaltungen litten eher die Regierungsbeamten niedrigeren Ranges unter den Arbeitsbedingungen als jene in den oberen Etagen, auch wenn letztere vielleicht auch schwierige Entscheidungen zu fällen hätten.

Das zweite, von Siegrist und seiner Arbeitsgruppe entwickelte „Modell beruflicher Gratifikationskrisen“ erklärt Arbeitsstress als Folge eines Ungleichgewichts zwischen erbrachter Leistung und erhaltener Gegenleistung. Heißt: Wenn die Bezahlung als nicht angemessen empfunden werde, die Arbeit nicht genügend Wertschätzung erfahre und Aufstiegschancen fehlten, also „einer hohen Verausgabung eine niedrige Belohnung entgegen steht“, wie es der Wissenschaftler und Autor formuliert.

Eine Sonderstellung im Reigen der belastenden Jobs nehmen Johannes Siegrist zufolge „helfende Berufe“ in der Pflege oder in der Sozialarbeit ein: Hier seien nicht nur Arbeitnehmer mit eher geringerer Stellung und Entlohnung betroffen, sondern auch Ärzte; Ähnliches gelte für Lehrer.

In langjährigen Beobachtungsstudien in Schweden, Finnland, Großbritannien und England (in Deutschland sind sie wegen eines strengeren Datenschutzes nur schwer möglich) ließ sich herausfiltern, zu welchen Erkrankungen problematische Arbeitsbedingungen vor allem führen können. Zwei stehen ganz vorne in der Liste: Depressionen und koronare Herzerkrankungen, insbesondere der akute Herzinfarkt. Vor allem Männer sind gefährdet, ihn zu erleiden. Insgesamt erhöhe negativer Stress im Beruf das relative Risiko im Vergleich zu nicht gestressten Beschäftigten um 40  bis 60 Prozent, erklärt Johannes Siegrist. Begünstigende Faktoren wie Bluthochdruck, schlechte Blutfettwerte, Rauchen und Übergewicht seien dabei schon berücksichtigt – gleichzeitig aber selbst auch oft Folge von Leistungsdruck und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz.

Anders als beim Herzinfarkt ist das relative Risiko einer Depression bei Männern und Frauen gleich – so sie sich denn in ähnlich belastenden Situationen im Job befinden. Es steige um 80 bis 100 Prozent, führt der Wissenschaftler aus. Insgesamt sind Frauen jedoch wesentlich häufiger als Männer von einer Depression betroffen. Erschwerend kommt hinzu: Zwischen beiden Erkrankungen – Herzinfarkt und Depression – bestehen zudem Wechselwirkungen.

Was man tun kann, um negativen Stress am Arbeitsplatz abzubauen und seinen Folgen vorzubeugen? Bewegung als Ausgleich und eine gesunde Ernährung tun gut, erklärt Johannes Siegrist, „reichen aber nicht aus“. Vorgesetzte müssten zu „Führungstraining“ verpflichtet werden, um die „zwischenmenschliche Ebene“ zwischen Chefs und abhängig Beschäftigten in einem Betrieb zu verbessern, sagt der Soziologe. Wichtig sei es vor allem auch, dass sich in den Unternehmen „Strukturen“ änderten. Es müsse auf eine bessere Arbeitsteilung und auch auf eine leistungsgerechte Bezahlung geachtet werden. Angestellte bräuchten „Weiterbildungschancen“ – „damit sie die Möglichkeit haben, ihre Arbeit individuell zu gestalten“.

Ein erster wichtiger Schritt zur Vorbeugung gegen Arbeitsstress sei jetzt in Deutschland erfolgt, sagt Johannes Siegrist, „indem Unternehmen verpflichtet werden, die psychosozialen Arbeitsbelastungen zu erfassen und nach Wegen zu suchen, diese betriebsintern zu verringern“. 

Mit der seelischen Gesundheit von Männern und Jungen befasst sich auch der „Männerkongress“ am 19. und 20. September an der Universität Düsseldorf. Johannes Siegrist wird dort einen Vortrag zum Thema „Männliches Leiden an der Arbeitswelt“ halten. Weitere Infos: www.maennerkongress2014.de/

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