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Antisoziale Persönlichkeitsstörung Der große Manipulator

Psychopathen nutzen ihre Mitmenschen gewissenlos und manipulativ aus - viele Banker, Manager oder auch Heiratsschwindler passen in das Raster. Von Frauke Haß

10.08.2009 00:08
Frauke Haß

Die Lämmer schweigen nicht. Und Hannibal, the Cannibal, ist für viele der erste Gedanke, wenn jemand von Psychopathen spricht. Das ist fatal, weil der von Thomas Harris erdachte, horrible Roman-Mörder Hannibal Lecter aus Sicht der Psychologen eine unglückliche Assoziation ist, wenn es um das Krankheitsbild Psychopathie geht. Denn Hannibal sei Dank, assoziieren die meisten den "Psychopathen" mit hautabziehenden Schlächtern, blutbadenden, kannibalistischen Serienmördern. Zu viele Krimis gelesen. Andersherum ist die Allgemeinheit bei jedem Verbrechen, das besonders schwer zu begreifen ist, bei dem es viele, zufällige Opfer gibt, wie bei den Attentaten von Winnenden oder Erfurt, furchtbar schnell mit dem selben, irreführenden Etikett bei der Hand. Dabei sind sich die Fachleute einig: Die Schulattentäter sind vermutlich alles andere als Psychopathen.

Der Begriff wird im Deutschen schablonenhaft mit "böse" oder "durchgeknallter Gewalttäter" gleichgesetzt. Die Kinderpsychiaterin Kathrin Sevecke von der Uni Köln verwendet deshalb nur den englischen Fachausdruck "Psychopathy". Offiziell gilt die Psychopathie als Unterart der "Antisozialen Persönlichkeitsstörung".

Aber was ist ein Psychopath? Und wie erkennt man ihn? Ist er das, was man gemeinhin als "böse" empfindet? Da widerspricht Professor Norbert Nedopil, Forensischer Psychiater an der Ludwig-Maximilians-Uni München: "Böse ist ein Werturteil, keine wissenschaftliche Kategorie." Psychopathische Züge, von denen der kanadische Psychopathie-Forscher Robert Hare 20 definiert hat, "haben auch viele Banker oder Manager. Wenn jemand 15 dieser Merkmale hat, nennen wir Wissenschaftler ihn einen Psychopathen. Hat er keins, ist er ein Langweiler."

Nedopil nennt drei wesentliche Komponenten, die den Psychopathen kennzeichnen: "Er - oder sie - nutzt seine Umwelt und Mitmenschen gewissenlos und manipulativ aus - Typ Heiratsschwindler; er ist emotional kalt, kennt keine Gefühle und kein Mitgefühl, wird leicht gewalttätig; er ist impulsiv, berücksichtigt die Folgen des eigenen Handelns nicht, braucht den Kick, um sich wohlzufühlen, bricht früh die Regeln, schüchtert andere ein (Bullying), hat einen Machttrieb; statt zur Arbeit zu gehen, läuft er aus einer plötzlichen Eingebung heraus einer schönen Frau nach oder fährt in den Urlaub; er lernt nichts aus Strafen, kennt keine Reue, kein Schuldgefühl."

Robert Hare hat zusammen mit Paul Babiak ein ganzes Buch über Manager und Abteilungsleiter in funktionierenden Unternehmen geschrieben, die als Psychopathen einzustufen sind: Psychopathisch sein heißt eben nicht, anderen immerzu die Eingeweide herausschneiden zu wollen. Manche Vertreter dieser Spezies sind überaus erfolgreiche, oft hochintelligente Selbstdarsteller und Manipulierer. Gute Chefs oder Teamplayer sind sie nicht. Eines der wichtigsten Kriterien für einen Psychopathen ist vermutlich die fehlende Empathie, die Unfähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Sie sind nicht in der Lage, Mitgefühl oder Schuld zu empfinden, überhaupt starke Gefühle, außer impulsiver Wut, und suchen gerade deshalb ständig neue Aufregungen und starke Erlebnisse.

Wie der 21-jährige Terry, den Robert Hare in seinem Buch "Gewissenlos" beschreibt. Ein Junge aus gutem Hause mit zwei erfolgreichen Brüdern. Nur er tanzt aus der Reihe, stellt seine Eltern während der wilden Teenagerjahre auf eine harte Probe. Er ist mit 20 bereits zweifacher Vater, gerät wegen zu schnellen Fahrens und Trunkenheit mit der Polizei in Konflikt, dann wegen Drogen und Glücksspiels, und, als seine Eltern ihn finanziell nicht mehr unterstützen, wird er zum Bankräuber.

Als er mit 21 im Gefängnis sitzt, zeigt er keinerlei Reue: "Wenn meine Eltern mir Geld gegeben hätten, als ich es brauchte, wäre ich nicht hier. Welche Eltern lassen ihren Sohn an einem Ort wie diesem verrotten?" Nach dem Befinden seiner eigenen Kinder gefragt, antwortet er achselzuckend: "Wie soll ich das wissen? Ich habe sie nie gesehen. Ich vermute, sie wurden zur Adoption freigegeben."

Hanna, die ehemalige KZ-Wärterin in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser", ist vielleicht keine Psychopathin in Reinkultur, doch beschreibt der Autor Szenen, in denen sich dem Leser die Nackenhaare aufstellen angesichts ihrer vollkommenen Fühllosigkeit: "Ja, was hätten Sie denn gemacht?", fragt Hanna den Richter, als sie erklären soll, warum sie die Türen der brennenden Kirche nicht aufgeschlossen habe, in der die von ihr bewachten Frauen und Mädchen auf dem Todesmarsch eingesperrt waren: "Wie hätten wir die vielen Frauen bewachen sollen? Wie hätten wir da noch mal Ordnung reinbringen sollen? Wir hätten sie doch nicht einfach fliehen lassen können. Wir waren doch verantwortlich. Das war doch der Sinn, dass wir sie bewachen." Also lässt sie sie verbrennen. Und versteht nicht einmal, was daran falsch sein soll.

Hanna zeigt in jenen Momenten, in denen sie sich wegen ihres nicht eingestandenen Analphabetismus gedemütigt fühlt, auch die bei Psychopathen beobachteten Ausbrüche impulsiven, mitleidlosen Zorns, doch vermutlich ist sie nicht intelligent genug, um das Vollbild des Psychopathen zu erfüllen. Des Psychopathen, der mittels der Darstellung von Gefühlen, mit Tricks und vielen schönen Worten das Leben anderer Menschen in seinem Sinne manipuliert und oft zerstört - oder zumindest beschädigt.

Können Kinder Psychopathen sein? Ist es möglich, dass die kriminelle Karriere, der manipulative, gefühlskalte Charakter schon in der Wiege zu besichtigen ist? "Eher nicht", sagt Nedopil, "aber genetische Muster spielen eine Rolle." So seien Impulsivität und emotionale Kälte genetisch angelegt. Doch nicht zwangsläufig werde aus einem Menschen mit solchen genetischen Voraussetzungen ein Psychopath. "Das ist die Folge der Verkettung von biologischen, psychologischen und soziologischen Besonderheiten", erläutert Nedopil.

Komme ein solches Kind zu fürsorglichen Eltern werde es besser beschützt, und die fatale Entwicklung vielleicht aufgehalten.

Begünstigend für einen negativen Ausgang sei eine körperliche Schädigung während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt, sowie ein dissoziales Milieu. Nedopil nennt als Beispiel ein Alkoholiker-Elternpaar. "Solche Eltern behandeln ihre Kinder häufiger nicht besonders pfleglich. Vernachlässigte Kinder sind meist nicht sehr freundlich. Zuweilen provozieren sie die erneute Zurückweisung geradezu: Sie reagieren mit Fußtritten auf ein Streicheln, erleben erneute Ablehnung und reagieren mit besonderer Grobheit oder Wagemut, um überhaupt etwas zu spüren. Wir nennen das sensation seeking."

Sie fallen auf, weil sie nicht ängstlich sind. Sie klettern riskant und lernen nicht daraus - selbst wenn sie abstürzen, nennt Professor Sabine Herpertz, Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Uni Rostock, weitere Alarmzeichen. Kinder, die vor dem elften Lebensjahr obendrein durch Mitleidlosigkeit, Tierquälerei und Bullying auffallen, "haben ein erhöhtes Risiko, sich zu einem Psychopathen zu entwickeln", so Herpertz. Ob es passiert oder nicht, da könne man nur spekulieren. "Letztlich bleibt die Frage, in wie weit die nächsten Beziehungspersonen solche Persönlichkeitsmerkmale auffangen können oder ob durch zusätzliche traumatische Beziehungserfahrungen in der frühen Kindheit das Problem weiter verschärft wird."

Die Kölner Kinderpsychiaterin Kathrin Sevecke, die sich mit Psychopathie (sie nennt es Psychopathy) im Jugendalter beschäftigt, empfiehlt, zwischen Mädchen und Jungen zu unterscheiden. "Wir finden bei Mädchen nicht das typische hartherzig-emotionslose Psychopathy-Profil wie bei Jungs. Ich habe deshalb Zweifel, ob sich das Konzept auf Mädchen ohne weiteres übertragen lässt. Bei Mädchen paart sich hohe Impulsivität als ein Teil des Psychopathy-Konzepts häufig mit heißer Aggression, also gerade nicht mit Gefühlskälte, welche für den klassischen Psychopathen typisch ist." Ein weiterer Hinweis seien heftige emotionale Schwankungen und immer wieder auch Selbstmordgedanken, die sich bei vielen hartherzigen Mädchen fänden. "Aber Suizidalität und Psychopathy schließen sich dem Psychopathy-Forscher Hervey Cleckley zufolge aus."

Einige Studien hätten den Zusammenhang von Missbrauchserfahrungen im Kindesalter und späterer Psychopathie belegen können. Bei Jungen seien es vor allem häusliche Gewalterfahrungen, bei Mädchen sexueller und körperlicher Missbrauch, sagt Sevecke.

Was tun, wenn man sicher ist, einen Psychopathen in seinem engeren Umfeld zu haben? Die Beine in die Hand nehmen und fliehen? Nedopil schüttelt den Kopf: "Bis vor wenigen Jahren dachte man noch, Psychopathie sei nicht therapierbar. Doch vor vier Jahren haben Untersuchungen gezeigt, dass diese Menschen durchaus veränderbar sind. Dass man sie erreichen kann, allerdings nur, wenn sie keine schwerkriminellen Gewalttäter sind." So hätten sich einige gut integriert, aber, warnt Nedopil: "Man muss das immer wieder überprüfen."

Der Professor aus München nennt das Beispiel eines Mannes mit eindeutig psychopathischen Persönlichkeitsmerkmalen. Unentdeckt hatte dieser mit 21 Jahren einen schrecklichen Mord begangen, später geheiratet, Kinder bekommen. Er engagierte sich über Jahrzehnte im Kindergarten- und Schulbeirat, bezahlte seine Schulden und Steuern (was Psychopathen Nedopil zufolge sonst eher nicht tun) und stellte nie mehr etwas an, obwohl er nicht einmal therapiert wurde. Jahrzehnte nach der Tat flog der Mörder durch eine DNA-Analyse auf. "Offenbar hat die Ehe und die Fürsorge für die vier Kinder der Familie seine Energie absorbiert."

Professor Sabine Herpertz ist skeptisch: "Die pathologische Angstfreiheit des Psychopathen macht Lernprozesse schwer." Wer nicht in der Lage sei, aus Strafe zu lernen, sei auch schwer zu therapieren. Gleichwohl plädiert die Psychiaterin für eine besondere Förderung von Kindern, bei denen sich schon früh antisoziales Verhalten zeigt. "Einer US-Studie zufolge verlieren solchermaßen geförderte Kinder diese antisozialen Auffälligkeiten und das Risiko, langfristig antisozial zu werden, wenn sie vom 3. Lebensjahr an besonders gefördert werden, emotionale Zuwendung und intensive Freizeitaktivitäten erfahren".

Dass auch Schwerstverbrecher mit Psychopathie-Merkmalen resozialisierbar sind, davon ist der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer fest überzeugt, seit er vor einiger Zeit eine Versuchsreihe mit zehn psychopathischen Häftlingen machte. Ein bestimmtes, für die Wahrnehmung der Gefühle zuständiges Hirnareal - die Insula - sei bei diesen Personen massiv defizitär bis inaktiv. "Die Idee war, wenn man die Insula wieder in Aktion setzt, wären die Betroffenen wieder in der Lage, Empathie zu empfinden."

Mit Hilfe eines Kernspintomographen trainierten die Häftlinge also, unter Anleitung Birbaumers ihre Insula zu aktivieren, das heißt, deren Durchblutung zu beeinflussen. "Sie können auf einem Bildschirm die Aktivität ihrer Insula verfolgen. Bei Angst steigt die Aktivität an. Das lernen die Probanden wie das Fahrradfahren - über Versuch und Irrtum."

Das Ergebnis: Alle zehn Versuchspersonen kriegten es hin. "Das heißt, zumindest unter Laborbedingungen, können Kriminelle ihr Hirn wieder in Gang bringen, und zwar so, dass sie nach dem Training etwa deutlich besser wahrnehmen konnten, wenn Frauen Angst haben." Der nächste Schritt müsse nun der Realitätstest sein. "Meine Voraussage ist, mit diesem Training könnte man die Rückfallquote noch einmal deutlich senken."

Wäre interessant zu wissen, wie Hannibal Lecter auf Professor Birbaumers Versuch angesprochen hätte. Vermutlich hätte er ihn einfach zum Abendbrot gegessen - denn Therapien gelingen im Thriller-Genre bekanntlich eher selten.

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