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Antisemitismus-Affäre in Hildesheim Nahost-Seminar war „nicht tragbar“

Unwissenschaftlich und einseitig - so beurteilt ein Gutachten des Zentrums für Antisemitismusforschung das umstrittene Nahost-Seminar an der Hildesheimer Hochschule HAWK. Nicht nur dort wird über Antisemitismus und den Nahostkonflikt gestritten.

Blick auf die Bibliothek der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, HAWK, in Hildesheim. Foto: dpa

Das wegen Antisemitismus-Vorwürfen in die Diskussion geratene Nahost-Seminar an der Hildesheimer Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) war unwissenschaftlich, einseitig und nicht tragbar. Zu diesem Schluss kommt die Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Stefanie Schüler-Springorum. Am Montag stellte sie in Hannover ein Gutachten vor, das vom niedersächsische Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde.

Das Ergebnis ist eine Bestätigung der Kritiker des Seminars „Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina“, die im Sommer in die Öffentlichkeit gegangen waren: Schon der Seminarplan zeige, dass „eine einseitige Sicht“ auf den Nahost-Konflikt vermittelt werde, heißt es in dem Gutachten. Die Unterlagen seien eine Mischung aus „Agitprop-Material“, seriösen Texten und auch solchen, die „mit antisemitischen Klischees und Unterstellungen arbeiten“. In ihrem Gutachten hebt die Wissenschaftlerin den Artikel eines Journalisten hervor, der der israelischen Armee den Handel mit den Organen getöteter Palästinenser unterstelle. Dieser schließe „ganz eindeutig an mittelalterliche antijüdische Phantasien von Kindermord“ an. Zudem habe der Autor selbst einige Monate nach Erscheinen einen Teil seiner Anschuldigungen zurückgenommen – im Seminar sei der Text aber sechs Jahre lang weiter benutzt worden.

Schüler-Springorum bescheinigt der Veranstaltung einen „missionarischen Charakter“ und der Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit „eklatante Mängel in der Qualitätssicherung“, etwa im Umgang mit studentischen Rückmeldungen. Bereits das Konzept, zum Nahost-Konflikt zwei Veranstaltungen anzubieten, die einerseits die vermeintlich palästinensische und andererseits die vermeintlich israelisch/jüdische Perspektive beleuchten sollten, desavouiere sich von selbst, schreibt Schüler-Springorum. Es impliziere, dass es jeweils nur eine und zudem eine ethnisch begründete Position zum Konflikt gäbe. Das umstrittene Seminar wurde im Sommer abgesetzt. Eine Nachfolge-Veranstaltung wenig später allerdings auch: Der neue Dozent hatte auf Facebook antisemitische Inhalte gepostet, erfuhr die FR aus Hochschulkreisen.

Das niedersächsische Wissenschaftsministerium teilte am Montag mit, es werde „unverzüglich mit dem Präsidium der HAWK eine Zielvereinbarung auf den Weg bringen, um die mit dem Gutachten erforderlichen Konsequenzen umzusetzen“. Die HAWK bedaure zutiefst, „dass eine solche Lehrveranstaltung über mehr als zehn Jahre an der Hochschule stattfinden konnte“, teilte eine Sprecherin der Hochschule mit. „Dafür möchte sich die Hochschulleitung erneut ausdrücklich und aufrichtig entschuldigen“, auch weil „zu spät auf die berechtigte Kritik reagiert wurde“.

Bereits im September war die zuständige Dekanin zurückgetreten. Anfang November hatte der Senat der HAWK beschlossen, Präsidentin Christiane Dienel wegen ihres „Krisenmanagements“ nicht länger für eine zweite Amtszeit vorzuschlagen. Ihr Umgang mit den Vorwürfen stand immer wieder in der Kritik.

„Ich denke, dass es eine folgerichtige Entscheidung des Senats war und die notwendige Konsequenz“, sagte Rebecca Seidler der Frankfurter Rundschau. Die Dozentin sollte an der HAWK zu jüdischer Sozialarbeit unterrichten und war so auf die Inhalte des Palästina-Seminars aufmerksam geworden. Sie hatte zunächst hochschulintern ihre Kritik geäußert und diese mangels Konsequenzen später gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland öffentlich gemacht. In der Folge wurde international darüber berichtet. Damals hatte ein Kurzgutachten der Amadeu-Antonio-Stiftung bereits ergeben, dass die Seminarmaterialien ein „zutiefst israelfeindliches Geschichtsbild“ widerspiegelten, „das sich nicht scheut auf alte und neue antisemitische Ressentiments zu rekurrieren.“

„Viele wissen nicht, welche aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus existieren und haben deswegen Schwierigkeiten diese dann zu erkennen“, sagte Seidler der FR. Bestimmte Äußerungen über Juden seien in der deutschen Öffentlichkeit vermeintlich und auch tatsächlich nicht offen zu äußern, da diene Israel als Ventil, quasi als „Umwegkommunikation“. Aber auch hier gelte: „Es gibt schon klare Richtlinien, wo Antisemitismus beginnt“, auch wenn dieser als vermeintliche Kritik an Israel daherkommt. „Wir brauchen eine inhaltliche Auseinandersetzung – und weniger Emotionen, mehr Sachlichkeit.“

Umstrittene Ausstellung verschoben

Über Antisemitismus und den Nahostkonflikt wird derzeit auch an einer anderen niedersächsischen Hochschule öffentlich gestritten: Am Montag teilte die Universität Göttingen mit, eine von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Institution organisierte Ausstellung mit dem Titel „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ werde von der Universitätsleitung in Absprache mit dem Dekan der Philosophischen Fakultät um ein halbes Jahr verschoben. Man habe entschieden, eine „externe wissenschaftliche Analyse in Auftrag zu geben“, weil der Universitätsleitung „keine neutrale wissenschaftliche Expertise zu der Ausstellung“ vorliege. Die Wanderausstellung ist seit langem umstritten, immer wieder wird ihr Einseitigkeit und Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen.

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Universität Göttingen und der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften hatten Ende Oktober gefordert, die Ausstellung nicht an der Uni gastieren zu lassen. Diese bilde „den Auftakt einer ganzen Reihe einseitiger Vorträge und Veranstaltungen, die insgesamt die Diskreditierung Israels zum Ziel haben“. Auch das Berliner Büro des American Jewish Committee sprach in einer Mitteilung von einer „Propaganda-Veranstaltung“ und kritisierte zudem, dass die Stelle des renommierten Antisemitismus-Forschers Samuel Salzborn an der Universität nicht verlängert werde. Diese Entscheidung der Hochschule war vielfach Gegenstand von Kritik, als sie im Frühjahr bekannt wurde.

Das Gutachten zu dem HAWK-Seminar beendet Autorin Stefanie Schüler-Springorum mit einem Appell: Antisemitismus sei „intrinsischer Teil unserer Gesellschaft und damit auch unserer Hochschulen“, schreibt die Wissenschaftlerin. Das Problem betreffe also keineswegs nur die Hildesheimer Hochschule und das kritisierte Seminar. Dagegen vorzugehen, sei vielmehr „permanente Aufgabe aller Hochschulen diese Landes“.

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