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Antibiotika Babys erliegen Keimen

In Mainz, Kassel, Passau und Bremen verstarben Frühgeborene an Keimen, die gesunden Erwachsenen nichts ausmachen. Ein Klinikleiter vermutet, dass Antibiotika in der Geflügelmast schuld sind.

03.11.2011 18:49
Von Birgitta vom Lehn
Frühgeborene sind besonders anfällig. Sie brauchen intensive Zuwendung. Doch leider sind auch Frühgeborenenstationen chronisch unterbesetzt. Foto: dpa

Die Kette reißt nicht ab: Mainz, Kassel, Passau und jetzt auch Bremen. Frühgeborene verstarben an Keimen, die gesunden Erwachsenen nichts ausmachen. Die Leitung der Bremer Klinik betonte, dass Frühchen auf allen neonatologischen Stationen in Deutschland regelmäßig Infektionen durchmachten, von denen sie sich dann aber meist erholten. Das sei ganz normal. Schicksal also, nicht zu ändern? Ein Tribut an den medizinischen Fortschritt, der zwar Apparate hervorgebracht hat, die schon weniger als 1000 Gramm menschliches Leben am Leben erhalten können, aber gegen die Gefahr der Keime machtlos ist?

Dünne Personaldecke

„Wir wissen nicht allzu viel“, sagt Klaus-Dieter Zastrow. Der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene kann die Entscheidung des Klinikums in Bremen sogar verstehen, „nicht gleich beim ersten Todesfall im August den ganzen Laden verunsichert zu haben“. Allerdings deuteten die Infektion und der Tod weiterer Babys auf einen Systemfehler hin. Und den sieht der Mediziner auch in der „chronischen Unterbesetzung“ der Frühgeborenenstationen.

Nur ein, maximal zwei Kinder dürfte eine Pflegekraft eigentlich betreuen, meint er. Tatsächlich seien es aber meist drei bis vier Frühgeborene in Brutkästen, die eine einzige Schwester zu versorgen habe. Der offizielle Stellenschlüssel sehe zwar oft „ganz passabel“ aus, aber wenn man dann genauer hinsehe, etwa wenn man Urlaub, Krankheit und so weiter berücksichtige, dann sei das Personal „doch immer zu knapp“.

Die Versorgung von Frühgeborenen sei „Präzisionsarbeit“, die unter Zeitdruck schnell tödlich enden könne. Christoph Bührer, Leiter der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité, gibt dem hohen Antibiotika-Einsatz in der Geflügelmast die Schuld an der Keimproblematik in den Kliniken. „Die bei den Frühchen in Bremen diagnostizierten Keime tragen mittlerweile drei Prozent der Bevölkerung im Darm. Über die Scheide der Mutter wandern sie ins Fruchtwasser.“ Fruchtwasserinfektionen seien mittlerweile die Hauptursache für Frühgeburtlichkeit. Seit den 1980er Jahren steigt die Zahl der Frühgeburten kontinuierlich an. Unter Erstgebärenden ist bereits jede zehnte Schwangere betroffen.

An der Charité würden deshalb alle Mütter und Kinder bei Einlieferung auf diese Keime untersucht und bei einem positiven Befund isoliert, bis man nach ein bis zwei Tagen das Abstrichergebnis habe. Dann erfolge gegebenenfalls eine Antibiotika-Behandlung.

„Wir führen ein sehr strenges Management durch“, sagt Bührer. Das erfordere allerdings Ressourcen, die kleinere Kliniken oft nicht hätten. „Einen Einzelfall könnten wir auch nicht verhindern, aber 15 Infektionen wie in Bremen gäbe es hier garantiert nicht“, ist sich der Neonatologe sicher. Die dünne Personaldecke kleinerer Kliniken sei oft problematisch, zumal viele Klinikleitungen Frühgeborenenstationen, für die es von den Krankenkassen viel Geld gibt – im Schnitt rund 15.000 Euro je Frühchen –, dazu benutzten, um andere Bereiche querzufinanzieren. „Dagegen müssen sich die Kinderärzte wehren.“

Apropos Personal: Im Juli brachte die Bundesregierung das sogenannte Krankenhaushygienegesetz auf den Weg. Nach diesem sollen unter anderem Fachärzte für Krankenhaushygiene eingesetzt werden. Die Bundesärztekammer entwarf dazu ein Curriculum, das eine 200-Stunden-Schnellausbildung vorsieht. Zastrow spricht von einem „Abitur dritter Klasse“, das man da anbiete. Innerhalb der Facharztausbildung nehme die Krankenhaushygiene einen Anteil von 3500 Stunden ein. „Die Ausbildung zum Krankenhaushygieniker dauert eigentlich fünf Jahre Vollzeit“, sagt Zastrow.

Hygieniker-Schnellkurs

Im Uniklinikum Gießen und Marburg wird nun bereits ein 200-Stunden-Schnellkurs in fünf Modulen zum Krankenhaushygieniker angeboten. „Demnächst reicht die Fahrradprüfung, um einen Airbus zu fliegen“, empört sich Zastrow. Er findet das „skandalös, unethisch und patientenverachtend“.

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