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Antibabypille Reine Haut und verstopfte Adern

Antibabypillen erhöhen das Thromboserisiko. In den Blick geraten ist insbesondere das Präparat Diane-35. Es lindert Akne und Haarausfall - doch mehrere Frauen, die die Pille einnahmen, sind an einer Lungenembolie gestorben.

07.02.2013 17:09
Anke Brodmerkel
Die Akne-Pille Diane-35 wurde in Frankreich verboten. Foto: Reuters

Antibabypillen erhöhen das Thromboserisiko. In den Blick geraten ist insbesondere das Präparat Diane-35. Es lindert Akne und Haarausfall - doch mehrere Frauen, die die Pille einnahmen, sind an einer Lungenembolie gestorben.

Es ist nicht das erste Mal, dass Diane in die Schlagzeilen gerät. Zwar galt das Hormonpräparat, das der Berliner Pharmahersteller Schering vor 35 Jahren unter dem Namen Diane-50 auf den Markt brachte, jahrzehntelang als eines der beliebtesten Verhütungsmittel Deutschlands. Die kleinen, gelben Pillen versprachen nicht nur sorgloseren Sex, sondern auch reinere Haut und volleres Haar. Zu verdanken waren diese Effekte weniger den 50 Mikrogramm künstlichen Östrogens, die jede Tablette enthielt, sondern vor allem dem zweiten Wirkstoff: Cyproteronacetat (CPA). Dieses Gestagen ist ein Gegenspieler der auch im weiblichen Körper stets vorhandenen männlichen Hormone, die bei manchen Frauen – vor allem wenn sie zu viele davon produzieren – zu Akne und Haarausfall führen.

Im Jahr 1994 folgte der erste Schock: Diane, jetzt wegen ihres inzwischen reduzierten Östrogenanteils Diane-35 genannt, stand im Verdacht, Leberkrebs auszulösen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schränkte daraufhin ein Jahr später die Anwendungsgebiete für das Präparat ein. Die Ärzte durften es nun nicht mehr als Antibabypille verordnen, sondern nur noch, um starke Akne, Haarausfall, Bartwuchs und andere Symptome einer Vermännlichung zu behandeln. Die Empfängnisverhütung war im Beipackzettel fortan als Nebenwirkung aufgelistet.

Zwar konnte der Verdacht des erhöhten Krebsrisikos bis heute nicht bewiesen werden – und vermutlich kommt dieser Effekt auch erst in höherer CPA-Dosierung zum Tragen. Dennoch wechselten viele Frauen, die bislang Diane genommen hatten, auf eine andere Pille. Gerade junge Mädchen aus eher konservativen Kreisen aber schluckten sie weiter – konnten sie mit Diane doch plötzlich verhüten, ohne dass es ihrem Umfeld sonderlich auffiel. Mitte der 90er-Jahre nahmen fast 400.000 Mädchen und Frauen in Deutschland Diane ein. Vergangenes Jahr verschrieben die hiesigen Ärzte nur noch 27.000 Packungen auf Kassenrezept.

Nach dem Verbot von Diane-35 und entsprechenden Nachahmerpräparaten im Nachbarland Frankreich sind die verbliebenen Anwenderinnen erneut besorgt. Diesmal geht es in der Debatte nicht um das Krebsrisiko, sondern um die ebenso tödliche Gefahr einer Thrombose – also einem Blutgerinnsel, das die Adern verstopft und sich im schlimmsten Fall in der Lunge festsetzt. Vier Frauen, die Diane-35 einnahmen, sind seit deren Zulassung in Frankreich an einer Lungenembolie gestorben.

Nutzen und Risiken

Dass es vergleichbare Todesfälle auch in Deutschland gegeben hat, will nicht einmal der heutige Hersteller Bayer, der Schering im Jahr 2006 übernahm, leugnen. Allerdings seien Todesfälle im Zusammenhang mit Diane-35 in der Vergangenheit nur äußerst selten gemeldet worden, sagt Bayer-Sprecher Michael Diehl. Genaue Zahlen will er nicht liefern. „Bayer meldet die entsprechenden Daten in Übereinstimmung mit den gesetzlichen Bestimmungen den zuständigen Behörden“, sagt er.

Das BfArM hat diese Zahlen am Dienstag auf Nachfrage bekanntgegeben. Demnach sind in Deutschland bislang 16 Frauen, die Diane-35 eingenommen hatten, an einer Thrombose gestorben. Bei zwei von ihnen gilt es als wahrscheinlich, dass die Pille das Blutgerinnsel ausgelöst hat. Bei den anderen 14 Todesfällen kann ein Zusammenhang nur vermutet werden. 13 Frauen sind zwischen 1989 und 2001 gestorben, die anderen drei in den Jahren 2004, 2009 und 2011.

Eine veränderte Datenlage gebe es zurzeit zwar nicht, sagt BfArM-Sprecherin Sabine Cibura. Dennoch hat die Behörde angekündigt, das Thromboserisiko des Bayer-Medikaments gemeinsam mit der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA (European Medicines Agency) nun noch einmal genau zu prüfen. Alle vorliegenden Daten zu Nutzen und Risiken von Diane-35 würden dafür ausgewertet, hatte die EMA bereits vergangene Woche in London erklärt. Anschließend wolle man entscheiden, ob die Marktzulassung verändert, ausgesetzt oder aufgehoben werde.

Dass Östrogen-Gestagen-Kombinationen wie bei Diane-35 und andere auf dem Markt befindliche Verhütungspillen das Risiko gefährlicher Blutgerinnsel erhöhen, ist bekannt. In sämtlichen Beipackzetteln wird darauf inzwischen explizit hingewiesen. Wie hoch das Risiko ist, lässt sich unter anderem in einer Ausgabe des Epidemiologischen Bulletins aus dem Jahr 2011 nachlesen, das gemeinsam vom BfArM und vom Paul-Ehrlich-Institut herausgegeben wird.

Demnach erleiden von 100.000 Frauen, die keine hormonellen Verhütungsmittel nutzen und die nicht schwanger sind, innerhalb eines Jahres fünf bis zehn eine Thrombose. Verhüten die Frauen mit einer Antibabypille der sogenannten zweiten Generation, die neben einem Östrogen das Gestagen Levonorgestrel enthält, entwickeln im selben Zeitraum etwa 20 ein Blutgerinnsel. Nehmen die Frauen eine Pille ein, die als Gestagen Desogestrel, Gestoden (dritte Generation) oder Drospirenon (vierte Generation) enthält, tritt bei 30 bis 40 von ihnen eine Thrombose auf. Bei schwangeren Frauen ist das Risiko noch höher: Von ihnen entwickeln etwa 60 eine Thrombose.

„Kleinere Studien haben gezeigt, dass das Risiko von Cyproteronacetat dem des Drospirenons vermutlich vergleichbar ist“, sagt Bernd Hinney, Professor an der Universitätsfrauenklinik Göttingen und außerordentliches Mitglied der pharmaunabhängigen Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Drospirenon-haltige Pillen wie beispielsweise die Bayer-Produkte Yasmin, Yaz und Yasminelle stehen wegen ihres hohen Thromboserisikos schon länger in der Kritik.

Spärliche Datenlage

Obwohl diese Präparate ebenfalls anti-androgen sind, also die Wirkung der männlichen Sexualhormone hemmen, sind sie daher keine Alternative für Frauen, die bisher Diane-35 genommen haben und jetzt auf ein anderes Präparat wechseln wollen. „Das wäre, als wollte man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“, sagt Hinney.

Für die beiden anderen auf dem Markt befindlichen Pillen mit anti-androgener Wirkung, Valette des Herstellers Jenapharm und Belara von Grünenthal, ist die Datenlage spärlich. Erstere enthält als Gestagen den Wirkstoff Dienogest, letztere Chlormadinonacetat. „Zu beiden Präparaten sind mir keine aussagekräftigen Studien bekannt, die sich mit dem Thromboserisiko befasst haben“, sagt Hinney.

Gänzlich verteufeln will der Gynäkologe die anti-androgenen Hormonpräparate trotzdem nicht – ebenso wenig wie Bettina Toth, Leitende Oberärztin an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).

„Diane-35 enthält mit Cyproteronacetat das am stärksten anti-androgen wirkende Gestagen“, sagt Toth. Ein Verbot des Präparats befürwortet Toth bei der jetzigen Datenlage daher nicht. „Akne und Haarausfall können bei jungen Frauen zu massiven Problemen und Einschränkungen der Lebensqualität führen“, sagt sie. Häufig gingen derartige Symptome auf eine Überproduktion männlicher Geschlechtshormone zurück. „Wird eine solche Hyperandrogenämie behandelt, kommt es zu einer deutlichen Verbesserung der Beschwerden“, sagt Toth.

Zwar lassen sich gerade Hautprobleme auch mit Hilfe von Antibiotika und Lokaltherapeutika behandeln. „Doch die Effekte dieser Präparate sind vielfach weniger zufriedenstellend als bei einer anti-androgen wirkenden Pille“, sagt Toth. Und so bleibt zumindest denjenigen Frauen, die auf Diane-35 oder vergleichbare Präparate nicht verzichten wollen, nur eines: das Thromboserisiko so gering wie möglich zu halten – also keinesfalls zu rauchen, regelmäßig Sport zu treiben und stets viel Wasser zu trinken.

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