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Anders lernen Die „Pädagogik der Vielfalt“

Der Anspruch, jedes Kind nach seinen Fähigkeiten zu fördern, verlangt Lehrerinnen und Lehrern viel ab – aber es lohnt sich, sagen sie.

Schüler
Wenn die Bedingungen an Schulen stimmen, finden Kinder das, was sie brauchen: Kreativität, Wertschätzung und Geduld. Foto: Imago

Generationen von Schülern kennen den Frontalunterricht nur zu gut aus ihrer Schulzeit: Vorn an der Tafel steht der Lehrer und monologisiert – die Schüler hören zu. Diese Unterrichtsform ist noch immer sehr weit verbreitet, obwohl sich die Gesellschaft verändert. „Lehrer sind zunehmend mit der herausfordernden und belastenden Situation konfrontiert, eine heterogene Schülerschaft zu unterrichten. Dafür benötigen sie Handlungsalternativen neben dem Frontalunterricht“, sagt Constanze Fuchs, Förderschullehrerin und Geschäftsführerin der Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität.

Das Problem ist, dass lediglich eine geringe Zahl von Schülern das Lernziel beim klassischen Frontalunterricht erreicht - und gerade in heterogenen Schulklassen steigt das Risiko, „Kinder zu verlieren, wenn der Lehrer sie nicht da abholt, wo sie mit ihrer Leistungsfähigkeit gerade stehen“. Auch der Lehrer ist in dem Fall frustriert und gestresst, wenn er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird, weil die Schüler die Lernziele nicht erreichen.

Die Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung, eine Kooperation des hessischen Kultusministeriums und der Frankfurter Universität, bildet für Schulleiter und Lehrkräfte im Rhein-Main-Gebiet pro Jahr bis zu 80 Fortbildungen an, wie sie den Unterricht optimieren und vor allem individueller gestalten können. Bei der „Pädagogik der Vielfalt“ geht es darum, im Unterricht gezielt auf die Unterschiede bei der Herkunft, beim Entwicklungsstand und der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Schülers einzugehen.

„Das bedeutet nicht, das Niveau herunterzuschrauben“, betont Constanze Fuchs. Die Aufgabenstellung sei ausdifferenzierter und gehe stärker auf den einzelnen Schüler ein. „Mut und Vertrauen“, betont sie, „sind Voraussetzung für den kooperativen Unterricht, bei dem die Schüler viel voneinander lernen, beispielsweise durch Patenschaften zwischen starken und schwachen Lesern.“

Ein anderes Beispiel: Eine Schulklasse soll im Rahmen eines Projektunterrichts die Stadt Frankfurt erkunden. „Einige Schüler recherchieren selbstständig im Internet und erstellen ein Plakat oder eine Powerpoint-Präsentation“, sagt Fuchs. Bei anderen hilft der Lehrer beim Suchen der Texte, markiert Stellen und stellt Fragen dazu. „Wieder andere Kinder haben womöglich Schwierigkeiten, die Texte überhaupt zu verstehen. Da helfen etwa Angebote in einfacher Sprache.“ Und dann gibt es eine Gruppe, die weder Lesen noch Schreiben kann. „In dem Fall kann der Lehrer Wörter mit Bildern verknüpfen.“

Diese Art des ausdifferenzierten Lernens praktizieren Grund- und Gesamtschulen schon seit Jahrzehnten. Bei vielen Gymnasien hingegen stehe die Lernziel-ungleichheit in der Regel nicht im Fokus, „wobei auch hier die Unterschiede zunehmen, beispielsweise steigt die Zahl der Schüler mit psychischen Problemen“, so Fuchs. Im Übrigen sind hochbegabte Kinder, wie Studien belegen, genauso an Haupt-, Real- oder Gesamtschulen anzutreffen – die große Herausforderung besteht darin, dass jeder Schüler, so unterschiedlich die Fähigkeiten auch sein mögen, seine Potenziale im Unterricht tatsächlich ausbilden kann.

Doch wie kommt die zunehmende Durchmischung bei den Eltern an? „Kontrovers“, sagt Fuchs: „Während einige Eltern sich sorgen, dass ihr Kind im heterogenen Lernumfeld nicht gut gefördert wird, fordern andere von der Schule genau diesen gesellschaftlichen Auftrag ein, der letztlich über den reinen Bildungsbereich hinausgeht.“

Wer nicht auf dem Stuhl sitzen kann, darf liegend mitarbeiten

Pionierarbeit für eine Pädagogik der Vielfalt leistet seit Jahren die Grundschule Süd-West in Eschborn. „Wir haben die Hausaufgaben abgeschafft. Stattdessen arbeiten wir mit Lernplänen und Lernzeiten“, berichtet die Lehrerin Verena Rautenberg-Gaus, die an der Uni Frankfurt den Fachtag „Unterrichten in heterogenen Lerngruppen“ besucht. Im Sachunterricht für eine vierte Klasse habe sie beispielsweise verschiedene, auch spielerische Stationen sowie Arbeitsblätter zum Thema Römer entwickelt, die ihre Schüler über einen Zeitraum von ein paar Wochen bearbeiten. Starke Leser bekommen von ihr beispielsweise einen halbseitigen Text mit Fachausdrücken, schwache Leser dagegen weniger Text in einfacher Sprache. „Das ist zunächst ein größerer Aufwand an Vorbereitung für mich, dafür habe ich dann in der Stunde mehr Zeit, um auf die Schüler einzugehen. Und wenn Schüler nicht rechtzeitig fertig werden, bespreche ich mit ihnen, woran es gelegen hat“.

 

In ihrem Lehramtsstudium wurde Verena Rautenberg-Gaus nicht darauf vorbereitet, einmal in heterogenen Gruppen mit ein bis drei behinderten Kindern zu unterrichten. „Manche Kinder bei uns können nicht gut sehen oder hören, sind geistig behindert oder haben Unterstützungsbedarf im sozial-emotionalen Bereich, manche haben Lernschwierigkeiten oder ADHS.“ Mit verschiedenen Hilfsangeboten und teils einfachen Mitteln wird den Kindern die Teilnahme am Unterricht ermöglicht. Hyperaktive Kinder mit Konzentrationsproblemen beispielsweise werde ein Sitzball oder ein Stehpult angeboten oder „sie dürfen im Unterricht auf dem Boden liegend arbeiten“.

Außerdem verfügt die Schule über einen festen Stamm an Förderschullehrern: „Das ist ein großes Glück für uns, denn wir können dadurch viel besser und enger zusammenarbeiten.“ Verena Rautenberg-Gaus hat sich gezielt bei der Schule in Eschborn beworben: „Die Atmosphäre ist bei uns so wertschätzend. Kein Kind wird fertiggemacht, wenn es nicht richtig lesen kann, sondern das, was es kann, steht bei uns im Mittelpunkt. Und der Rest wird geübt.“ Wenn die Lehrer mal nicht mehr weiterwissen, gibt es an der Schule externe Fachkräfte, unter anderem eine Logopädin sowie eine Ergotherapeutin.

Mindeststandards einhalten, niemanden ausbremsen

„Für unsere Schüler sind Unterschiede normal“, betont Rautenberg-Gaus. „Daher ist es manchmal sehr schade, dass einige nach der Grundschule zur Förderschule wechseln müssen“– wie ein autistisches Mädchen, das gelernt habe ohne Worte mit ihren Klassenkameraden zu kommunizieren. „Die weiterführenden Schulen sind derzeit oft noch nicht in der Lage, solche Kinder aufzunehmen und zu fördern, obwohl das soziale Umfeld dafür geeignet wäre“, sagt die Lehrerin.

Einen neuen Ansatz erprobt seit rund einem Jahr die Integrierte Gesamtschule Süd in Frankfurt-Sachsenhausen. „Jeden Morgen können sich die Kinder aussuchen, ob sie in den Fachbüros Englisch, Mathe oder Deutsch belegen wollen“, berichtet der Lehrer Christoph Pilgrim. Die Bausteine haben ein unterschiedliches Niveau und können selbständig im eigenen Tempo bearbeitet werden – je nach Bedarf unterstützen Lehrer und Integrationshelfer die Kinder.

„Für diese Form des Unterrichts brauche ich einen sehr guten Überblick über das Fach“, sagt Pilgrim: „Zum einen sollen die Mindeststandards eingehalten werden, zum anderen darf niemand ausgebremst werden.“ Neben einem guten diagnostischen Blick sei auch Geduld gefragt, den Schülern Zeit zu geben. Doch die Mühe lohnt sich, ist sich der Grundschullehrer sicher: „Die Schule ist für den Schüler da. Er soll erkennen können, was er kann, damit er etwas aus sich machen kann.“

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