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Amoklauf an der Columbine Highschool Ein Tag der tausend Tode

Noch heute leiden Angehörige der Opfer unter den Erinnerungen an jenes Schulmassaker, das Eric Harris und Dylan Klebold vor zehn Jahren anrichteten - für nachfolgende Täter wurden sie Vorbilder.

18.04.2009 00:04
TOM NOGA
Den Hinterbliebenen blieb nach Columbine nur die Trauer. Foto: rtr

Jedes Jahr, wenn der Kalender den 20. April anzeigt, dann ist für Crystal Woodman das Grauen wieder da. Dann kommt die Erinnerung an einen sonnigen, aber kühlen Frühjahrstag in den Rocky Mountains. Und an jene siebeneinhalb Minuten in der Bibliothek der Columbine High School in Littleton (Colorado), die ihr Leben für immer verändern sollten. Sie denkt an die panischen Warnrufe einer Lehrerin: "Das sind Jungs mit Pistolen!" Wie sie mit zwei Freunden unter einem Tisch kauerte, während um sie herum Bomben explodierten und die beiden Amokläufer Eric Harris und Dylan Klebold wahllos Mitschüler erschossen: ein Mädchen, weil sie an Gott glaubte, einen afroamerikanischen Jungen wegen dessen Hautfarbe, einen anderen, weil er eine Brille trug. Zwölf Mitschüler und ein Lehrer starben im Kugelhagel, 23 Personen wurden verletzt. Am Ende richteten Harris und Klebold ihre Waffen gegen sich selbst.

"In diesen siebeneinhalb Minuten", sagt Crystal Woodman, "bin ich innerlich tausend Tode gestorben." Sie sitzt in der Küche ihres Hauses in der Nähe von Oklahoma City. Eine junge Frau von 26 Jahren mit einem gewinnenden Lächeln. Dass sie überhaupt hier sitzt, hat sie einem Zufall zu verdanken: Den Amokläufern war die Munition ausgegangen, während sie nachluden, konnte sie sich in Sicherheit bringen.

Crystal Woodman war fünf Jahre in Therapie, hat gegen Alpträume, Angstzustände, Panikattacken und Aggressionsschübe angekämpft und zu ihrem Glauben zurückgefunden. Heute kann sie von früher erzählen, mit fester, unbeteiligt klingender Stimme. Doch sobald die Wirklichkeit in ihr Leben hereinbricht, wie jüngst mit dem Amoklauf von Winnenden, fällt die Maske.

Wie Crystal Woodmann geht es den meisten Überlebenden und Angehörigen von Columbine. Auch zehn Jahre danach lässt die Erinnerung kaum einen los. Crystal Woodman hat ein Buch über ihren persönlichen Heilungsprozess geschrieben, Misty Bernall über den Tod ihrer Tochter Cassie, die in der Bibliothek erschossen wurde. Es heißt "She said yes" - sie hat ja gesagt, als die Mörder sie fragten, ob sie an Gott glaube. Zwei von einem Dutzend Bücher zwischen Selbsttherapie und dem verzweifelten Versuch, dem Unerklärlichen nachträglich so etwas wie Sinn zu verleihen. Gemeinsam ist allen das Unverständnis, wie das Grauen ausgerechnet in dieser Oase des Glücks wie Columbine zuschlagen konnte, in einer Stadt mit schmucken Mittelklasse-Siedlungen und breiten und sauberen Parks mit Spiel- und Sportplätzen.

"Das Massaker hat alles zerstört, woran wir geglaubt haben", konstatiert Randy Brown. Er ist groß und kräftig und Makler von Beruf. Sein Sohn Brooks war mit Dylan Klebold befreundet und wurde nach dem Amoklauf als Mitwisser verdächtigt. Die Anschuldigungen erwiesen sich rasch als haltlos, doch Browns Wut ist bis heute nicht verraucht. Ein Jahr vor der Tat hatte er Anzeige erstattet, weil Eric Harris im Internet Morddrohungen gegen Brooks ausgestoßen hatte. "Columbine hätte verhindert werden können", sagt Brown, "wenn die Polizei etwas unternommen hätte."

Was genau damals geschehen ist, lässt sich nicht mehr recherchieren: Die Akten sind verschwunden. Brown wittert ein Komplott: "Sonst hätten die Eltern der Opfer die Gemeinde verklagen können." Auch das ist ein Teil der Geschichte. Ebenso wie das Versagen der Polizei am Tatort. Erst nach mehr als drei Stunden - die Täter waren längst tot - betrat ein Spezialkommando den Schulbau zwischen der geschützten Wohnsiedlung The Fairways at Racoon Creek und dem Foothills-Park. Zumindest der Lehrer David Sanders hätte bei früherem Eingreifen gerettet werden können. Wer ist dafür verantwortlich? Brown verlangt Antworten. Er kämpft um die Freigabe der Ermittlungsakten. Und darum, dass der Mann zur Verantwortung gezogen wird, dem er eine Mitschuld am Geschehen gibt: Rektor Frank de Angelis. Frank de Angelis schüttelt traurig den Kopf. Er ist klein und dicklich, das Haar an den Schläfen ist grau. An den Wänden in einem Büro hängen Bilder der Schulmannschaften, in zwei Vitrinen im Eingang sind die Pokale ausgestellt, die sie gewonnen haben. De Angelis war Trainer der Football-Mannschaft von 1991.

Er deutet den breiten Mittelgang zwischen den Klassenräumen hinunter: Von dort kamen ihm die Attentäter Harris und Klebold entgegen und legten auf ihn an. Doch plötzlich wandten sie sich um und feuerten in den Mittelgang, auf den Lehrer David Sanders, wie de Angelis später erfuhr. Jahrelang habe er deswegen Schuldgefühle gehabt.

Natürlich hat er nach Erklärungen gesucht, hat mit Kollegen, Eltern und Schülern gesprochen. Ja, in Columbine wurden Schüler getriezt. Aber nicht mehr als anderswo. Gewalttätige Computerspiele mögen eine Rolle gespielt haben. Und natürlich hat es Warnzeichen gegeben. Browns Anzeige, einen Schulaufsatz, in dem Eric Harris Gewaltfantasien äußerte, die Böller, die beide Mörder in der Nachbarschaft zündeten. Aber weil Polizei, Schule und Nachbarn ihre Erkenntnisse nicht austauschten, erkannte niemand die Brisanz.

Heute könnte das nicht mehr passieren, versichert de Angelis. An der Schule gilt eine Politik der Null-Toleranz": Wer Gewalt ausübt oder sich dahingehend äußert, der fliegt. Ein Verbindungslehrer wurde in Gewaltprävention fortgebildet und fungiert als Ansprechpartner. In einem anonymen Briefkasten können Schüler Auffälligkeiten direkt melden.

"Wir haben alles Menschenmögliche getan", sagt der Rektor, "aber ein Restrisiko bleibt." Wer es ausschließen will, muss die Schule abriegeln, mit Metalldetektoren ausstatten und Sicherheitspersonal einstellen. Aber de Angelis fragt: "Wollen wir unsere Kinder so aufwachsen lassen?" Auch Tom Mauser will das nicht. Er sitzt in seinem Büro im Verkehrsamt der Stadt Denver, ein Mann mit schütterem Haar und traurigem Blick. An den Wänden Bilder seines Sohns. Daniel Mauser war der Junge, der erschossen wurde, weil er eine Brille trug. Einige Tage nach dem Massaker hat er eine Gedenkseite ins Internet gestellt: "Alle sprachen über die Täter und ihr Leben, kaum jemand aber über die Opfer."

Andere Eltern haben es ihm nachgemacht. "Dass wir uns aktiv erinnert haben, hat uns das Weiterleben erleichtert", sagt Mauser. Vielleicht hat es die Familie auch zusammengehalten. Viele Ehen sind nach der Tragödie zerbrochen. Die Mutter eines Opfers, das seit dem Amoklauf im Rollstuhl sitzt, hat unter der Last der Schuldgefühle Selbstmord verübt.

Tom Mauser kämpft für eine Verschärfung der Waffengesetze. Er will Eltern dafür haftbar machen, wenn Minderjährige Waffen besitzen. Dass der Weg lang sein wird, weiß er: "Aber diesen Kampf bin ich meinem Sohn schuldig."

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