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Altertum Bier als Medizin

Schon vor 1600 Jahren waren in Nubien Antibiotika im Einsatz. Verblüffende Nachweise dafür fanden Wissenschaftler nun an Mumien. Ihre These: Die Nubier tranken heilendes Bier.

25.10.2010 20:26
Kerstin Viering
Die alten Nubier bauten Pyramiden und brauten Heilbier. Foto: F. Demartis

Uralte Mumien sind nicht unbedingt die Patienten, in deren Körper man Reste von Antibiotika vermuten würde. Schließlich gelten diese Wunderwaffen gegen Bakterien als Erfindung des 20. Jahrhunderts. In Menschen, die zwischen 350 und 550 nach Christus in Nubien im heutigen Sudan lebten, haben solche Wirkstoffe also eigentlich nichts zu suchen. Und doch stecken die Knochen der alten Nubier voller Tetracyclin. Über dieses erstaunliche Ergebnis ihrer chemischen Analysen berichten Wissenschaftler um George Armelagos von der Emory University in Atlanta in der Fachzeitschrift American Journal of Physical Anthropology.

Tetracyclin ist ein Breitband-Antibiotikum, das heutige Mediziner gegen die verschiedensten Krankheiten von Akne über Blasenentzündung bis hin zur Cholera verordnen. Entdeckt wurde der Wirkstoff 1955 von Lloyd Conover in der Forschungsabteilung des Pharmakonzerns Pfizer.

Als George Amelagos und seine Kollegen vor gut 20 Jahren Knochenstückchen aus dem alten Nubien unter ein UV-Mikroskop legten, staunten sie deshalb nicht schlecht. Denn im ultravioletten Licht des Gerätes begannen die Proben grünlich-gelb zu fluoreszieren. Genau diese Reaktion aber ist typisch für Tetracyclin. „Das war ungefähr so überraschend, als wenn die Mumie eine Designer-Sonnenbrille aufgehabt hätte“, erinnerte sich George Armelagos später.

Für ihn und seine Kollegen lag damit nahe, dass die Nubier schon die Grundzüge der Antibiotika-Therapie gekannt haben könnten. Der Bericht, den die Wissenschaftler 1980 im renommierten Fachjournal Science veröffentlichten, stieß allerdings auf Skepsis. Konnte das Tetracyclin nicht im Nachhinein in die Knochen gekommen sein?

Gemeinsam mit Mark Nelson von der Firma Paratek Pharmaceuticals in Boston sind die Forscher der Sache nun weiter auf den Grund gegangen. Der Antibiotika-Spezialist verfügte über genügend Erfahrung, um das Tetracyclin aus den Knochen zu isolieren. „Das ist ein unangenehmer und gefährlicher Prozess“, sagt der Forscher. Denn man muss dabei die Knochen in stark ätzender Fluss-Säure auflösen, die sich sogar durch Glas frisst.

Doch die Mühe hat sich gelohnt. Die Ergebnisse zeigen nämlich, dass der Wirkstoff in den Knochen eingebaut und in eine säurebeständige Form umgewandelt wurde. „Die Knochen dieser Leute stecken so voller Tetracyclin, dass sie es über lange Zeiträume zu sich genommen haben müssen“, meint Mark Nelson.

Nun ist es allerdings unwahrscheinlich, dass die Menschen damals Tabletten geschluckt haben. Doch George Armelagos hat eine andere Idee, wie das Antibiotikum in ihren Körper gekommen sein könnte. Das Volk am Nil beherrschte nämlich die Kunst des Bierbrauens. Das Getränk ähnelte zwar eher einem fermentierten Getreidebrei als den heute üblichen Gerstensäften. Doch dafür hatte es vielleicht ungeahnte Heilwirkungen. Denn das verwendete Getreide konnte bei der Lagerung leicht mit häufigen Bodenbakterien aus der Gattung Streptomyces verunreinigt werden. Und die sind für ein besonderes Talent bekannt: Streptomyces aureofaciens produziert Tetracyclin.

Zwar mögen die Nubier nichts über Bakterien und deren Bekämpfung gewusst haben. Irgendwie scheinen sie aber trotzdem einen Heil-Trank ausgetüftelt zu haben, nach dessen Genuss sich Kranke besser fühlten. „Ich bin davon überzeugt, dass die Brauer den Fermentationsprozess unter Kontrolle hatten und den Wirkstoff absichtlich hergestellt haben“, sagt Mark Nelson.

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