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Alter Wie Jung und Alt einander helfen

Wissenschaftler erforschen den Nutzen generationsübergreifender Begegnungen.

16.06.2014 15:29
Sebastian Scholl
Generationsübergreifende Projekte halten Forscher für sinnvoll: Hier sind es Senioren, die Schülern etwa bei Streitigkeiten helfen. Foto: dpa-tmn

Manchmal können ganz simple Dinge magisch sein: So etwa die „Zaubertür“. Jedes Mal, wenn die Kinder zu Besuch kamen, rannten sie alle los, um als erste dort zu sein – jubelnd, schreiend, lärmend. Die „Zaubertür“, das war nichts weiter als eine Tür eines Seniorenheims, die sich automatisch öffnete, sobald jemand vor ihr stand. „Die Eltern haben uns später gesagt, sie hätten sich nicht vorstellen können, dass jemand mal fröhlich in ein Altenheim geht. Aber bei den Kindern war das ganz selbstverständlich“, sagt Dörte Weltzien.

Sie forscht an der Evangelischen Hochschule Freiburg über die Pädagogik der frühen Kindheit und leitet ein Projekt der „intergenerativen Begegnungen“. Über einen Zeitraum von knapp drei Jahren besuchten Kinder von drei bis sechs Jahren einmal die Woche Menschen im Alter über 80 Jahre in deren Domizil: zu Kaffee und Kuchen, zum Spielen, manchmal auch zum Yoga. Beteiligt waren mehrere Kindertagesstätten sowie Seniorenwohnheime im Raum Freiburg. Die Forscher wollten herausfinden, ob die Kinder so in ihrer Entwicklung gefördert werden – und ob die Alten an Lebensqualität gewinnen.

Beides bejahen die Wissenschaftler: So bekommen ihnen zufolge etwa die Kinder im Umgang mit den Senioren sehr schnell ein ganz anderes Selbstbild. Sie lernen schnell, zu helfen, holen etwa den Senioren Getränke oder einen Stift: „Kinder fühlen sich schnell in der Unterstützerrolle und haben ein Kompetenz-Erleben. Das ist ein wichtiger Schutzfaktor im späteren Leben“, erläutert Weltzien.

Anderes Bild von alten Menschen

Zudem zeige sich, dass die Kinder sehr schnell ein anderes Bild von den alten Menschen bekommen. Viele von ihnen hätten in ihrem familiären Umfeld überhaupt keinen Kontakt zu Senioren – und deswegen stereotype Vorstellungen vom Alter. „Sie denken, alte Menschen können nichts mehr, so Weltzien. Nach einer Weile hätten die Kinder jedoch ein sehr viel differenzierteres Wissen über das Alter erlangt. „In Videointerviews haben sie uns gesagt: ‚Alte Menschen mögen Hunde oder Eis.‘ Oder: ‚Sie können zwar nicht mehr so gut laufen, aber mit einem Gehwagen schaffen sie es doch.‘“

Wo die Kinder lernen, dort profitieren auch die Senioren. „Die Gewissheit, mit Menschen der jüngeren Generation in Kontakt zu treten, löst das Gefühl von Bedeutsamkeit und In-der-Welt-Sein aus“, sagt Thomas Klie, der als Gerontologe die Auswirkungen der Begegnungen auf alte Menschen untersucht hat. Gerade für Menschen am Ende ihres Lebens sei es besonders bedeutsam, in Kontakt mit Jüngeren zu sein: „In der Regel ist das sogar noch wichtiger als die eigene Gesundheit oder Fragen von Leben und Tod.“

Die Wissenschaftler hoffen nun, dass sich intergenerative Begegnungen flächendeckend etablieren – nicht nur im Sinne der Kinder und Senioren, sondern auch als Kitt für eine ganze Gesellschaft: „Generationsübergreifendes Arbeiten sollte zum Alltag gehören. Es ist wichtig, dass wir in unseren Konzepten die Begegnung zwischen Jung und Alt aufnehmen. Sonst verlieren wir den Kontakt zwischen den Generationen“, sagt Klie.

Erste kleine Erfolge gibt es: So ist das Ende des Projekts noch lange nicht das Ende der initiierten Begegnungen: Viele der Einrichtungen machen einfach weiter. (epd)

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