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Alter Die fitten Mitsiebsziger

Menschen in diesem Alter sind heute viel leistungsfähiger als noch vor 20 Jahren. Forscher mutmaßen, dass das gestiegene Bildungsniveau dabei eine große Rolle spielen könnte.

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Geistig wach und meist noch nicht auf Hilfe angewiesen: Den heute 75-Jährigen geht es besser als der Generation davor. Foto: Imago

Es ist tatsächlich mehr als nur ein Klischee: Die heute 75-Jährigen sind im Kopf wesentlich jünger und fühlen sich auch viel wohler als Gleichaltrige vor rund 20 Jahren: „Das ist ein Rieseneffekt, im Mittel sind sie geistig um fast 20 Jahre fitter als noch 1990“, sagt Denis Gerstorf, Professor für Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität Berlin. Er und sein Team haben gemeinsam mit Wissenschaftlern der Berliner Universitätsmedizin Charité, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Sozio-oekonomischen Panels die „Berliner Altersstudie II“ vorgelegt, eine Fortsetzung der „Berliner Altersstudie“ aus den Jahren 1990 bis 1993.

Dafür testeten die Wissenschaftler zunächst mehr als 700 Berliner, die jetzt über 60 Jahre alt sind, auf ihre geistige Leistungsfähigkeit und befragten sie nach ihrem Wohlbefinden – nach genau dem gleichen Schema wie in den 1990er Jahren. Zusätzlich wurden die Männer und Frauen zwei Tage lang medizinisch von Kopf bis Fuß untersucht. Im nächsten Schritt suchten die Forscher aus den Teilnehmern von heute und einst 161 „statistische Zwillingspaare“ aus, die einander in Alter und Bildung ähnelten und meist auch das gleiche Geschlecht hatten. Anschließend wurden die Ergebnisse beider „Geschwister“ verglichen.

„Die Zugewinne, die wir an kognitiver Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden in Berlin gemessen haben, sind beträchtlich und von großer Bedeutung für die Lebensqualität im Alter“, sagt Ulman Lindenberger, Direktor am Forschungsbereich „Entwicklungspsychologie“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Zwar kamen sämtliche Teilnehmer beider Studien aus Berlin, die Effekte könnten jedoch als repräsentativ für ganz Deutschland gelten, ergänzt Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, an dem das Sozio-oekonomische Panel beheimatet ist.

Wie erklären die Wissenschaftler es sich, dass die heute 75-Jährigen bei den Tests so viel „jünger“ abschnitten als Gleichaltrige in den 1990ern? Das gestiegene Bildungsniveau könnte eine große Rolle spielen, mutmaßen die Forscher. „Sie sind zudem unter besseren Lebensbedingungen aufgewachsen als diejenigen, die um 1915 herum geboren wurden“, erklärt Denis Gerstorf.

Generell zeichnen sich die heute 75-Jährigen nicht durch allein höhere kognitiven Fähigkeiten aus – Studien aus den USA zufolge ist auch ihre „funktionelle Gesundheit“ oftmals besser als die ihrer Vorgänger. Dieser Begriff beschreibt, wie gut ein Mensch noch selbstständig zurecht kommt, führt Entwicklungspsychologe Gerstorf aus, „also etwa, ob jemand noch selbst aus dem Bett aufstehen, sich waschen, das Essen zubereiten, das eigene Geld verwalten, noch Auto fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen kann“. Viele Menschen aus dieser Generation können das noch – und nehmen deshalb auch aktiv am gesellschaftlichen Leben teil.

Effekte sind nicht dauerhaft

Das alles wird sicherlich auch eine Rolle dabei spielen, dass diese älteren Menschen eine „insgesamt positivere Einstellung“ haben als es vor 20 Jahren der Fall war: „Die Generation davor hatte zum Teil noch den Ersten Weltkrieg und das Auf und Ab der Weimarer Republik erlebt und war eher überzeugt, dass vieles in ihrem Leben außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Das gibt es bei den heute 75-Jährigen in diesem Ausmaß nicht mehr“, sagt Denis Gerstorf: „Das hat auch Auswirkungen auf das Verhalten. Insgesamt gibt es starke Wechselwirkungen zwischen subjektivem Befinden und objektiv messbaren Leistungen.“

Wenn es den Mittsiebzigern so gut geht, wären sie dann theoretisch noch in der Lage zu arbeiten? „Grundsätzlich denke ich, dass wir das mit diesen Menschen verbundene Potenzial zu wenig ausschöpfen, das könnte von Nutzen für die gesamte Gesellschaft sein“, sagt Denis Gerstorf.

Allerdings, und das ist die weniger erfreuliche Aussicht: Egal, wie gut es den Menschen mit 75 geht, zum Lebensende hin nehmen die positiven Effekte deutlich ab, sagt der Berliner Wissenschaftler: „Etwa drei bis fünf Jahre vor dem Tod geht es rapide nach unten mit der funktionellen Gesundheit, der geistigen Leistung und dem Wohlbefinden.“ Meistens sei das so um das 80. bis 85. Lebensjahr der Fall. „Das Gesamtsystem lässt nach“, erklärt der Psychologe. Außerdem kämen immer mehr „Verlusterfahrungen“, etwa durch den Tod von Freunden oder Partnern, hinzu.

Diese aktuellen Erkenntnissen untermauern die von Gerontologen wie Paul Baltes beschriebene Differenzierung in vier statt drei Lebensalter, sagt Denis Gerstorf: „Das dritte ginge von der Rente bis zum 80, 85. Lebensjahr, das vierte wäre der letzte Abschnitt.“

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