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Akademisierung der Gesundheitsberufe Hebamme mit Bachelor

Früher war Physiotherapie ein reiner Ausbildungsberuf. 20 Jahre später wandelt sich das. Die Fragen rund um die Gesundheit und Versorgung werden immer komplexer. Physiotherapeuten, Krankenpfleger oder Hebammen sind nun neue Kunden für die Hochschulen.

19.10.2010 22:19
Michael Billig
Hebammen können sich berufsbegleitend an verschiedenen Hochschulen akademisch fortbilden. Ein höheres Gehalt ist damit aber leider noch nicht garantiert. Foto: dpa

Christian Grüneberg zieht ein Skelett zu sich heran und legt ihm den Arm um die Hüfte. Für einen Moment sieht es so aus, als würde der Professor mit dem Gerippe tanzen wollen. Um das Paar hat sich eine Gruppe Studierender versammelt. „Was ist das Hüftgelenk für ein Gelenk?“, fragt Grüneberg. Die Zuhörer sind gut informiert: „Ein Kugelgelenk“.

Die jungen Männer und Frauen haben erst vor ein paar Wochen mit ihrem Studium an der Hochschule für Gesundheit (HSG) in Bochum begonnen. Physiotherapeuten wollen sie werden. Ihr Professor hatte, um diesen Beruf wie sie an einer Hochschule erlernen zu können, noch im Ausland, im niederländischen Utrecht studieren müssen. Damals war Physiotherapie in Deutschland noch ein reiner Ausbildungsberuf. 20 Jahre später wandelt sich das langsam. Physiotherapeuten, Krankenpfleger oder Hebammen sind neue Kunden für die Hochschulen.

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Grüneberg leitet heute an der HSG den Studiengang Physiotherapie. Wie das Fach selbst so ist auch die junge Hochschule ein Modellversuch. Sie hat zum Wintersemester den Lehrbetrieb aufgenommen und bietet fünf sogenannte grundständige Studiengänge an: neben Physiotherapie noch Logopädie, Ergotherapie, Hebammenkunde und Pflege. Das Besondere und Neue: Das Studium führt wie eine klassische Ausbildung zur Berufszulassung und sattelt einen Bachelor-Abschluss noch oben drauf.

„Wir wollen die Qualität der professionellen Arbeit und damit die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung verbessern“, sagt Anne Friedrichs, Präsidentin der Fachhochschule. Sie ist überzeugt, dass die Ausbildung, wie wir sie bisher kennen, den künftigen Anforderungen an die Gesundheitsberufe meistens nicht mehr gerecht wird.

Fragen rund um die Gesundheit und die Patientenversorgung würden komplexer. Mit Schlaganfallpatienten etwa arbeiteten nicht nur Ärzte, sondern auch Pfleger, Logopäden und Physiotherapeuten. Und zu den häufigsten Ursachen von Behandlungsfehlern gehörten nun einmal Kommunikationsprobleme zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen, sagt Friedrichs. „Die Kommunikationsfähigkeit muss trainiert werden. Deshalb gestalten wir das Studium interprofessionell“, wirbt die Präsidentin für ihr Modell.

2000 Bewerber für 200 Plätze

Das Interesse an den akademisierten Gesundheitsberufen in Bochum ist groß, für die insgesamt 200 Studienplätze gab es rund 2000 Bewerber. Das Konzept der HSG sieht wie an einer Hochschule üblich einen verhältnismäßig hohen Theorieanteil vor. Theorie und Praxis in Einklang zu bringen, stellte die Bochumer bei der Entwicklung ihrer Studiengänge vor erhebliche Probleme. „In der praktischen Ausbildung dürfen wir nicht abweichen von dem, was die Berufsgesetze vorsehen“, sagt Friedrichs.

Das heißt: Die Studierenden müssen wie Schüler an einer Fachschule zwischen 1600 und 3000 Praxisstunden absolvieren. „Das ist mit einem wissenschaftlichen Studiengang nur mit großer Mühe zu vereinbaren“, weiß Friedrichs – und sieht Handlungsbedarf. Die Berufsgesetze seien in Teilen antiquiert, argumentiert sie. Im Bereich der Logopädie etwa stammten die Paragraphen aus dem Jahr 1973. „Langfristig hoffen wir, dass wir mehr Freiheit bekommen“, so Friedrichs.

Sogenannte Modellklauseln in den Berufsgesetzen gestatten es den Bundesländern zwar, die Gesundheitsberufe auf die akademische Ebene zu befördern und Modelle zu entwickeln. Doch wegen der hohen Anzahl der eingeforderten Praxisstunden sind die Grenzen eng gesteckt.

Die meisten Hochschulen umgehen das Problem, indem sie eine abgeschlossene Ausbildung in einem Gesundheitsberuf für ein Studium in den Pflegewissenschaften oder verwandten Fächern zur Bedingung machen. Zudem bilden sie weniger für die Arbeit mit Patienten, sondern eher für die Verwaltung und das Management aus. „Ich denke, dass man eine gute Ausbildung auch mit weniger Praxis machen kann“, sagt Friedrichs. Das zeigten Staaten wie die Niederlande, Schweiz, Österreich und die USA, wo die Gesundheitsberufe längst an den Hochschulen zu Hause sind.

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In Bochum hat man sich mit der Situation arrangiert. Gemeinsam mit mehr als 100 Kooperationspartnern, von kleinen Praxen bis zu großen Kliniken, wurden Lösungen gefunden. Beispiel Pflege: Da hat man die Ausbildung einfach ins Studium integriert. Wer zur HSG zugelassen wird, erhält gleichzeitig einen Ausbildungsvertrag. So erhalten Studierende nach einem Theoriesemester im Hörsaal praktische Übungen vor Ort und sogar eine monatliche Vergütung.

Für die Zukunft kann sich Friedrichs vorstellen, auch Weiterbildungsangebote zur klassischen Ausbildung aufzulegen. Sie sagt: „Wer lange Zeit als Krankenschwester gearbeitet hat, möchte sich irgendwann mal weiter qualifizieren.“ Fest geplant ist: Die Hochschule soll wachsen und das Herzstück des Gesundheitscampuses NRW werden. Der soll spätestens 2013 fertig sein. In dem Jahr werden die ersten Studierenden auf ihren Abschluss zusteuern und mit den doppelten Abiturjahrgängen viele neue Bewerber vor der Tür stehen.

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