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ADHS-Gymnasium Die letzte Chance

Im Standard-Schulsystem sind sie gescheitert: Eine Krankheit behindert manche Kinder am Lernen. In Deutschlands erstem privaten ADHS-Gymnasium in Esslingen stranden Schüler, die in der Regelschule gescheitert sind

29.03.2011 22:45
Katja Irle
Bloß keine Ablenkung heißt das Motto in Esslingen. Foto: dpa

Der Wecker klingelt früh. Bis zu 80 Kilometer Anfahrt jeden Tag nehmen sie in Kauf. Eine Stunde hin, am späten Nachmittag wieder zurück. Dazwischen liegen acht Stunden Unterricht mit Mittagessen und Pausen. Kein Zuckerschlecken. Aber süß hat die Schule für diese Kinder noch nie geschmeckt.

„Max ist eher der Träumer-Typ“, sagt sein Vater. Wenn andere rumhampeln, Hände und Füße nicht still halten können, dann versinkt der 14-Jährige in seiner eigenen Welt. Doch genau wie seine hyperaktiven Schulfreunde kommt ihm dabei die Aufmerksamkeit für seine Umgebung abhanden. Und genau damit fingen die Probleme an.

Wenn Max’ Vater an die Grundschulzeit seines jüngsten Sohnes zurückdenkt, dann fallen Wörter wie „Angst“ und „Zwangsneurose“. „Max wollte immer alles richtig machen, aber dadurch wurde es nur schlimmer“. Panikattacken kamen hinzu und am Ende stand eine Grundschulempfehlung, die Max’ Eltern nicht akzeptieren wollten: Hauptschule.

Seit der fünften Klasse besucht Max nun gemeinsam mit 85 anderen Schülern Deutschlands einziges privates Gymnasium, das ausschließlich Kinder und Jugendliche mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) aufnimmt. Vielen Eltern erscheint die Schule am Rande von Esslingen bei Stuttgart als einziger Ausweg, als letzte Chance auf einen passablen Schulabschluss. Für die Hoffnung auf das Abitur zahlen sie einige hundert Euro im Monat.

In Deutschland sitzt statistisch betrachtet in jeder Schulklasse mindestens ein Kind mit ADHS – Tendenz steigend. Ob die Diagnose immer zutrifft, darüber streiten Experten seit Jahren. Fakt ist jedoch, dass mit dem Stigma ADHS die Hürden für einen guten Schulabschluss immer höher werden. Untersuchungen zeigen, dass Kinder mit ADHS bei gleicher Intelligenz schlechtere Ergebnisse erzielen als ihre Altersgenossen. Viele landen auf der Förderschule, wo die Chancen auf einen Schulabschluss weiter sinken.

„Kinder mit ADHS schaffen es selten bis zum Abitur, auch wenn sie kognitiv dazu in der Läge wären“, weiß die Psychologin Caterina Gawrilow vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt. Die Psychologin testet am Esslinger Privatgymnasium neue Möglichkeiten der Verhaltenstherapie im schulischen Umfeld.

Im Mittelpunkt steht dabei ein Training zur Selbstregulation. Dabei arbeiten die Wissenschaftlerin und ihr Team mit sogenannten Wenn-Dann-Plänen: ein hyperaktives Kind soll etwa lernen, nicht laut in die Klasse zu rufen, wenn ihm etwas einfällt, sondern sich zu bremsen und zu kontrollieren. Diese Art von Konditionierung lässt ADHS und seine Symptome nicht verschwinden, aber erhöht die Chance, dass das Kind im Unterricht besser „funktioniert“, mit seinem Verhalten weniger aneckt.

Gawrilow betrachtet die Privatschule als Modellversuch, dessen Ergebnisse im Idealfall auch den Regelschulen den Umgang mit ADHS-Kindern erleichtern könnten – nicht als Beginn einer neuen Sonderschulform für ADHS-Kinder. Denn während überall in Deutschland darüber nachgedacht wird, auf Basis derBehindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen die Förderschulen aufzulösen und Kinder unterschiedlicher Begabung gemeinsam zu unterrichten, setzt die Privatschule auf Segregation. Sie sammelt jene Kinder ein, die das staatliche Schulsystem allzu oft ausspuckt als wären sie Giftbrocken in einem ansonsten gut verdaulichem Brei. Und genauso fühlen sich die meisten hier, wenn sie ankommen: ausgekotzt.

„In meiner alten Schule habe ich mich immer anders gefühlt, bin ständig angeeckt. Hier sind wir irgendwie alle auf einer Wellenlänge. Ich bin entspannter“, sagt ein 14-Jähriger. Eine Erfolgsprognose lässt sich aus dieser Befindlichkeit jedoch nicht ableiten. Die Eltern ahnen das. Wenn ihr Kind auch hier scheitert, dann wissen sie nicht weiter. Schulleiter Thomas Dahm versucht alles, damit genau das nicht passiert. Doch auch er gibt keine Garantien. „Das hier ist ein Experiment“, sagt er und lässt durchblicken, dass die Eltern selbst die größten Stolpersteine sind. Er betrachtet das Gymnasium als „Erziehungsschule“. Das Spektrum reicht vom vernachlässigten Kind aus der Hartz-IV-Familie bis zum Wohlstandverwahrlosten. Der Anteil der Schüler aus schwierigen familiären Verhältnissen ist mit fast 40 Prozent überproportional hoch.

Erzogen werden in Esslingen deshalb nicht nur die Kinder, sondern wenn nötig auch die Eltern. Dahm nennt das den „kritischen Dialog“: „Ich kann nicht akzeptieren, wenn ein Junge jede Nacht im Internet unterwegs ist – und die Eltern nichts merken, weil sie in der Welt herumjetten“. Deshalb verpflichtet sich jeder zu einem Elterntraining, wenn er sein Kind hier anmeldet. Wenn es ganz schwierig wird, schaltet Dahm auch das Jugendamt ein.

Der selbstbewusste und gut organisierte Schulleiter scheint alles zu verkörpern, was seinen Schülern fehlt: Struktur, Ordnung, Ausdauer, Disziplin, Verbindlichkeit. „Appell“ nennt er das morgendliche Begrüßungsritual in der Eingangshalle, zu dem sich Schüler und Lehrer versammeln. Solche Rituale sollen helfen, den Tag zu strukturieren.

Wenn der Schulleiter in der Englischstunde die Klasse betritt, stehen alle auf und sagen „Good Morning, Mister Dahm“. Er übernimmt die Stunde, weil es zwischen der Klasse und ihrer Englischlehrerin Probleme gab. Es läuft nicht alles reibungslos an einer Schule, deren Kinder und Jugendliche zum Teil monatelang „notbeschult“ wurden, bis man eine Lösung für sie fand.

Für eine Klasse mit einer hohen Quote an Hyperaktiven ist es gespenstisch ruhig. Rund 70 Prozent der Schüler nehmen Ritalin oder Ähnliches. Die Psychopharmaka sollen dafür sorgen, dass die Schüler sich besser konzentrieren können. Dahm erklärt gerade das englische Passiv: „Fritz wird von Udo geschlagen. Das ist die Leideform.“ Auch die unregelmäßigen Verbformen sitzen nicht. Der Schulleiter ist verärgert.

Alles hat hier seine äußerliche Ordnung, während in den Köpfen vieler Kinder Chaos herrscht. Dagegen setzt die Schule ein Ambiente, das man positiv gewendet als nüchtern bezeichnen kann ? oder abwertend als lieblos. Dahm, der seine Schulzeit im Internat verbracht hat, spricht von einer „reizarmen Umgebung“: maximal 15 Kinder pro Klasse. Die Wände bleiben weiß und kahl, jeder Schüler sitzt an einem Einzeltisch. Frontalunterricht ist die Regel. „Manchmal kommt man sich vor wie ein Dompteur“, sagt Dahm. Wie sich die Schüler vorkommen, sagt er nicht.

In manchen Räumen schirmt eine spanische Wand einzelne Plätze ab, damit der Schüler, der dort sitzt, nur den Tunnelblick auf den Lehrer hat. Eine Strafe? Dahm lächelt: Nein, eine Notwendigkeit, damit der Schüler nicht abgelenkt werde. Mehr noch: „Ein Stück Geborgenheit.“ Die Einzeltische seien manchmal nötig, findet auch der Vater von Max, dem Träumer. Abschottung könne für diese Kinder „sehr nützlich“ sein. Als Beleg für die angeblich positive Wirkung dient ihm, dass „die Kinder sich nicht groß beklagen“.

Das stimmt. Sie sagen überhaupt wenig an diesem Tag, während sie nach dem Mittagessen auf den beiden Sofas im Flur eine Pause einlegen. „Ich sitze gern allein“, sagt ein 15-Jähriger, der von der Realschule geflogen ist. Er kommt hier besser klar als früher, weil die Schüler hier alle „irgendwie ähnlich ticken“. Eine Klassenkameradin ist froh, dass sie „endlich mal was in Mathe blickt“. Sie lobt die Lehrer.

Auch Max habe große Fortschritte gemacht, sagt sein Vater. Der Regelschule hat er genau das nicht mehr zugetraut. Esslingen ist sein Rettungsanker. In der 10.Klasse muss Max sich entscheiden, ob er bleibt bis zum Abitur oder lieber eine Lehre macht. Er muss zurück ins normale Leben – früher oder später.

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