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ADHS „ADHS ist oft eine Fehldiagnose“

Der US-amerikanische Neurologe Richard Saul ist seit 30 Jahren auf Verhaltenspsychologie spezialisiert. In seinem Buch warnt er vor dem psychoaktiven Medikament Ritalin und dessen Verschreibungsflut.

Herr Saul, in Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass ADHS überhaupt nicht existiert. Was veranlasst Sie zu dieser provokanten Schlussfolgerung?

Als Kinder- und Nervenarzt bin ich seit 30 Jahren auf Verhaltenspsychologie spezialisiert. Von den rund 5000 Patienten, die ich in dieser Zeit wegen ADHS-Symptomen behandelt habe, litten aber nur fünf Prozent an dieser Störung. 95 Prozent hatten andere Krankheiten wie Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, bipolare Störungen, Gehör- oder Sehprobleme. Auch Schlaflosigkeit oder Eisenmangel kann Konzentrationsschwäche auslösen. Manche waren gar nicht krank, hatten nur Stress.

Sie warnen eindringlich vor den fatalen Folgen, wenn ADHS falsch diagnostiziert wird.

Wer kein ADHS hat und ein Stimulanzmittel wie Ritalin einnimmt, riskiert an schweren, gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen zu erkranken. Die Folgen können Depressionen, Verschlechterung der Gehirnfunktionen sowie Schlaf- und Appetitlosigkeit sein. Ritalin ist das richtige Medikament in fünf Prozent der Fälle, wenn ein Patient hyperaktiv ist, aber es ist grundfalsch und höchst gefährlich, die psychoaktive Substanz Patienten zu verschreiben, die beispielsweise an Depressionen leiden.

Trotzdem ist in den vergangenen Jahren in Deutschland die Zahl der ADHS-Diagnosen in die Höhe geschnellt. Knapp sieben Prozent aller zehn- bis zwölfjährigen Jungen bekommen hierzulande Präparate wie Ritalin verordnet. Was sagen Sie zu dieser Verschreibungsflut?

Das gleiche Phänomen lässt sich in den USA beobachten. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der entsprechenden Diagnosen in unserem Land explosionsartig um 40 Prozent angestiegen. Deshalb fordere ich die Ärzte auf, sich mehr Zeit für die Patienten zu nehmen, auch wenn sie in ihrem Berufsalltag mit enormen Zeitmangel und extremer Arbeitsbelastung zu kämpfen haben. Es reicht nicht aus, den Patienten lediglich im Schnellverfahren einen einseitigen Fragebogen ausfüllen zu lassen und ihm dann das Medikament Ritalin zu verordnen. Wenn sich aber Ärzte eine Stunde nehmen und die richtigen Fragen stellen, können sie feststellen, ob es sich bei den Symptomen wie Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität tatsächlich um ADHS oder eine andere Störung handelt.

Sie kritisieren also, dass viele Ärzte lediglich die Symptome behandeln, ohne dass ihnen die Ursachen für die Krankheit bekannt sind.

Die Ärzte in den USA arbeiten mit einer Checkliste. ADHS liegt vor, wenn 10 dieser 18 Kriterien erfüllt sind. Aber mir sind die Beschreibungen wie „Der Patient redet ununterbrochen“ oder „Der Patient ist unorganisiert“ zu ungenau. Daher lautet meine Botschaft an die Ärzte, stets alternative Diagnosen wie emotionale Probleme oder Schlaflosigkeit zu prüfen. Bei Kindern kann beispielsweise Schwerhörigkeit dazu führen, dass sie dem Lehrer in der Schule nicht richtig zuhören. Die US-amerikanische Vereinigung für Psychiatrie und Neurologie ist nach dem Erscheinen meines Buches dieser Empfehlung gefolgt und rät Ärzten nun zu überprüfen, ob andere Störungen als ADHS vorliegen.

Eine Studie besagt, dass ADHS in Deutschland häufiger bei jüngeren Erstklässlern diagnostiziert wird als bei Kindern, die später eingeschult wurden.

Das liegt daran, dass das Gehirn von Fünfjährigen noch nicht so weit entwickelt ist wie das von älteren Kindern. Es ist völlig normal, dass sie sich noch nicht so gut konzentrieren können, sich leichter ablenken lassen und mehr Zeit brauchen. Wenn sie diesen Kindern Ritalin geben, verlieren sie ihre Kreativität. Ein Beispiel: Sie sind dann so fokussiert, wenn sie ein Haus malen, dass sie lediglich eine Strichzeichnung von den Außenwänden und dem Dach anfertigen. Wenn sie die Kinder fragen, ob das Haus auch Türen und Fenster hat, zeichnen sie sie sofort ein. Andere Kinder würden von sich aus aber auch die Gardinen oder Bäume hinzufügen. Albert Einstein hätte mit Ritalin niemals die Relativitätstheorie aufstellen können. Auch er war in seiner schulischen Entwicklung verzögert. Die Grund dafür war aber, dass er so hochbegabt war und deshalb Probleme hatte, einfache Aufgaben zu lösen.

Die Modepille Ritalin lassen sich auch Gesunde verschreiben, um ihre Leistungsfähigkeit bei Prüfungen oder im Job zu steigern.

Das Phänomen ist bei uns sehr verbreitet, dass Patienten Symptome wie bei ADHS angeben, die sie gar nicht haben, um an das Medikament Ritalin zu kommen. Manche Schüler oder Studenten machen das sogar auf Druck ihrer Eltern. Aber ich warne eindringlich vor den Nebenwirkungen, die die Betroffenen sehr krank machen können.

Interview: Franziska Schubert

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