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40 Jahre Ausbildungsförderung Das Bafög ist in der Midlife-Crisis

Millionen hat es in den vergangenen 40 Jahren das Studium ermöglicht: das Bafög. Reformbedarf gibt es aber immer noch.

01.09.2011 17:42
Torsten Harmsen
Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen soll das Studium ermöglicht werden. Foto: dpa

Heute vor vierzig Jahren, am 1. September 1971, trat in Deutschland das Bafög in Kraft, durch das Schüler und Studenten erstmals einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf eine Ausbildungsförderung erhielten. Aus der Abkürzung für das Bundesausbildungsförderungsgesetz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein eigenes Wort entwickelt, das auch in den Duden Einzug hielt. „Bafög“ steht längst nicht mehr nur für ein Gesetz, sondern für die Förderung selbst. Man „erhält Bafög“, wenn man es denn erhält. Denn um den Kreis der Geförderten, um die Anpassung der Fördersätze, den Anteil von Darlehen und Zuschuss gab es immer einen politischen Streit.

Vier Millionen Menschen bekamen in den vergangenen vier Jahrzehnten Bafög. Das klingt nach viel, doch der Kreis der Geförderten ist prozentual relativ gering. 79 Prozent aller Studenten werden noch immer von den Eltern finanziert. 65 Prozent arbeiten nebenher. Nicht einmal jeder dritte Student erhält Bafög – im Durchschnitt monatlich 443 Euro. Die Lebenshaltungskosten eines Studenten betragen dagegen durchschnittlich 700 Euro.

1971 war Bafög ein riesiger Fortschritt

Zu wenige junge Leute würden gefördert, monieren Kritiker seit Jahren. Das habe soziale Folgen. So schaffen es beim Nachwuchs aus Arbeiterfamilien nur 24 von 100 Kindern an die Hochschule. Aus Akademikerfamilien sind es 71 von 100. Dies hat nicht nur mit dem Bildungshintergrund der Familien zu tun, sondern auch mit ihrer sozialen und finanziellen Situation. Die Fördersätze des Bafög sollten endlich an die wirklichen Lebenskosten angepasst, rückzahlungspflichtige Darlehen abgebaut und Zuschüsse ausgebaut werden, so forderte am Mittwoch Andreas Keller, Vorstandsmitglied Gewerkschaft für Erziehungs und Wissenschaft (GEW).

Als das Bafög 1971 eingeführt wurde, war es ein riesiger Fortschritt. Zur gleichen Zeit wurden die höheren Bildungseinrichtungen der Bundesrepublik weit geöffnet. Möglichst viele Kinder aus Familien mit niedrigen Einkommen sollten gefördert werden. Hintergrund waren Warnungen vor einer „Bildungskatastrophe“, wie sie etwa der Autor Georg Picht aussprach. Deutschland fehlte es bereits damals an qualifiziertem Nachwuchs.

Die Vorläufer des Bafög waren die Reichsfürsorgepflichtverordnung von 1924 sowie das Honnefer und Rhöndorfer Modell aus den 50er-Jahren. Studenten wurden hier nach sozialer Bedürftigkeit und Leistungen gefördert. Erst das Bafög aber gewährte ihnen einen individuellen Rechtsanspruch und eine bundeseinheitliche Förderung für Studenten, später auch für Schüler und Auszubildende. Dafür musste das Grundgesetz geändert werden. Der Bund hatte bis dahin keine Kompetenzen für „die Regelung der Ausbildungsbeihilfen“.

Zunächst wurde das Darlehen als Vollzuschuss gewährt. Fast die Hälfte der Studenten kam in den Genuss der Förderung. Doch die Struktur des Bafög, vor allem der Anteil von Darlehen und Zuschuss, änderte sich in den Folgejahren immer wieder, ebenso die Anzahl der Geförderten.

Es gibt noch Reformbedarf

Insgesamt eine „Erfolgsgeschichte“ nannte gestern die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) das Bafög. Sie verwies in diesem Zusammenhang auch auf ihr Lieblingsprojekt, das Deutschland-Stipendium, über das besonders begabte und leistungsstarke Studenten mit 300 Euro monatlich gefördert werden sollen. Kritiker betonen aber, dass es darum gehe, die soziale Seite der Förderung, also das Bafög selbst auszubauen. Zu ihnen gehört der Berliner Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). „Mir erscheinen die Deutschland-Stipendien in ihrer Förderwirkung etwas unscharf, da sie womöglich Leute erreichen, denen es bestimmt nicht an Geld mangelt“, sagte er gestern. Auch gebe es keinen Rechtsanspruch.

Auch andere sehen weiter Reformbedarf beim Bafög. Die Perspektive sei ein „elternunabhängiges Studienhonorar“, sagte Andreas Keller vom GEW-Vorstand. Leistungen wie Kindergeld und Freibeträge sollten direkt an die Studenten gezahlt werden. Ähnliches fordern Vertreter des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (fzs) und der DGB-Jugend. Sie wollen unter anderem die Förderungs-Altersgrenze von 35 Jahren aufheben. Biografien verliefen heute kaum noch geradlinig, sagen sie.

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