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Zuwanderungspolitik in Kanada Herzlich willkommen, liebe Europäer!

Kanada will von der Euro-Krise profitieren und arbeitslose Europäer ins Land holen. Das Land macht es Einwanderern leicht und freut sich über hohe Zuwanderungswellen.

Mitglieder der Royal Canadian Mounted Police - die berühmten Mounties. Foto: dpa/dpaweb

Es kommt nicht häufig vor, dass hochrangige Politiker im Ausland betteln gehen. Brad Wall aber hat genau das getan. Anfang März setzte er sich in ein Flugzeug nach Dublin, um seine Gastgeber zu bitten, zu hofieren, und wenn nötig auch anzubetteln.

Brad Wall ist Premierminister der kanadischen Provinz Saskatchewan, einer Boom-Region mit allerlei Rohstoffen wie Öl, Gas oder Kali. Die Region sucht dringend Fachkräfte, und die europäischen Krisenländer mit ihren gut ausgebildeten Menschen bieten sich da geradezu an.

Wall ist nicht der erste kanadische Handlungsreisende in Sachen Jobs: Seit dem Beginn der Euro-Krise schwärmen immer mehr Regierungsdelegationen, Einwanderungsbeamte und Industrievertreter aus dem Ahornland nach Europa aus, um arbeitslose Fachkräfte nach Übersee zu locken. Sieben der zehn kanadischen Provinzen waren in den vergangenen Monaten bereits in Europa unterwegs. Auf der kürzlich stattgefundenen Jobbörse „Working abroad“ in Dublin stammte fast die Hälfte aller Anbieter aus Kanada. „Allein in unserer Provinz fehlen in der nächsten Dekade bis zu 90.000 Zuwanderer“, betonte Premier Wall.

Bedarf in allen Branchen

Wie in Saskatchewan sieht es in ganz Kanada aus. Abigail Fulton vom Arbeitgeberverband der Provinz British Columbia berichtet, dass in der Bauindustrie Kanadas in den nächsten fünf Jahren 100.000 zusätzliche Zuwanderer benötigt werden. Quer durch alle Branchen sind es nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer 1,8 Millionen. Europäische Zuwanderer sollen einen Teil der Lücke füllen, weil sie in der Regel gut ausgebildet sind und Englisch sprechen.

Kanada ist nicht zuletzt wegen seines Rohstoffreichtums und seines konservativen Finanzsystems vergleichsweise gut durch die jüngsten Wirtschaftskrisen gekommen. Der Westen des Landes boomt, die Arbeitslosigkeit ist gering und in vielen handwerklichen Branchen herrscht ein chronischer Arbeitskräftemangel. Zugleich sind die Geburtenraten in Kanada niedrig.

Die Euro-Krise kommt den Kanadiern daher gerade recht. Gezielt wirbt das Land um Fachkräfte aus Nationen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit wie Irland, Spanien oder Griechenland. „Wir laden griechische Fachkräfte herzlich nach Manitoba ein“, heißt es auf der Webseite der gleichnamigen kanadischen Provinz. Dann das Versprechen an die potenziellen Zuzügler: „Bei uns werden Sie sich sicher wohlfühlen.“

In den Exil-Gemeinden Kanadas mehren sich in den letzten Monaten die Anfragen auswanderungswilliger Europäer. „Bei uns stehen die Telefone nicht mehr still“, berichtet John Yannitsos, der Chef der Hellenischen Gesellschaft von Calgary. Vor der Krise bekam seine Organisation etwa ein Dutzend Job-Anfragen pro Tag, mittlerweile sind es mehr als 100. Viele Landsleute seien über die Perspektivlosigkeit daheim verzweifelt und erkundigten sich über die Jobchancen, das Sozialsystem oder auch das Klima in Kanada, erzählt Yannitsos.

Auch bei Gerd Damitz häufen sich die Anrufe. Der Einwanderungsberater aus Toronto zählt seit einem Jahr etwa 50 Prozent mehr Anfragen nach Arbeitsvisa oder Einwanderungspapieren. „Kanada ist bereit für den Andrang aus Europa“, berichtet Damitz. Besonders gefragt seien Fachkräfte wie Elektriker, Köche, Schweißer, Mechaniker oder Klempner. Die kanadische Regierung will das Zuwanderungssystem laut Damitz noch dieses Jahr erleichtern, um besonders diesen Berufsgruppen einen schnelleren Einstieg zu ermöglichen.

Bislang dominierten Asiaten

Auch in den offiziellen Statistiken macht sich das steigende Interesse aus Europa jetzt erstmals bemerkbar. Für Iren etwa stellte die kanadische Einwanderungsbehörde im Jahr 2010 ein Viertel mehr Arbeitsvisa aus als noch vor der Krise. Umfassendere Zahlen liegen noch nicht vor. Im zuständigen Ministerium in Ottawa heißt es aber, man stelle sich nach Jahren sinkender Zuzugszahlen aus der alten Welt auf eine „neue Zuwanderungswelle aus Europa“ ein.

Zuletzt war der Anteil der europäischen Zuwanderer stetig gesunken. Stammten in den 50er-Jahren noch rund 90 Prozent aller Neuankömmlinge aus Europa, machten diese zuletzt nur noch etwa 15 Prozent aus. An der Spitze lagen zuletzt asiatische Herkunftsländer wie China, die Philippinen und Indien. Während 2010 etwa 41.000 Europäer nach Kanada einwanderten, waren es aus Asien mehr als dreimal so viele.

Im Schnitt nimmt Kanada jedes Jahr etwa 250.000 Zuwanderer auf, gemessen an der Bevölkerungszahl ist das eine der höchsten Quoten weltweit.

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