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Zinsmanipulation Anwälte nehmen Deutsche Bank ins Visier

Die Deutsche Bank soll zusammen mit anderen Geldhäusern Marktzinsen manipuliert haben. Kunden fordern einen gigantischen Schadenersatz. Aber noch sei offen, wer dafür aufkommen müsste.

05.07.2012 07:00
Grit Beecken
Deutsche Bank. Foto: dapd

Die Deutsche Bank soll zusammen mit anderen Geldhäusern Marktzinsen manipuliert haben. Kunden fordern einen gigantischen Schadenersatz. Aber noch sei offen, wer dafür aufkommen müsste.

Steven Fineman hat einen Haufen Papier auf den Tisch gelegt: Eine 101-seitige Klageschrift wegen Manipulation von Marktzinsen. Damit will der US-Anwalt unter anderem die Deutsche Bank vor Gericht zerren und Schadenersatz erstreiten. Seiner Ansicht nach haben die Banken jahrelang absichtlich falsche Angaben bei der Berechnung des wichtigen Marktzinssatzes Libor gemacht und so einen enormen Schaden verursacht. Denn an der Höhe des Libor orientieren sich unter anderem Kreditraten und Wertpapierzinsen auf der ganzen Welt.

Fineman vertritt den US-amerikanischen Finanzdienstleister Charles Schwab, der allein von 2007 bis 2010 für 466 Millionen Dollar Papiere gekauft hat, die am Libor hängen. Ein zu niedriger Libor bedeutete für Charles Schwab geringere Erträge.

Die Deutsche Bank ist eins von 18 Instituten, gegen die Behörden in vier Ländern wegen Zinsmanipulation ermitteln, die ehemalige WestLB ein weiteres. Schwab verklagt sie in amerikanischer Manier gleich alle.

Die Deutsche Bank äußert sich nicht zu den Vorwürfen, sie weist in einem Bericht aber darauf hin, dass ihr noch weitere Sammelklagen sowie verschiedene förmliche Auskunftsersuchen von mehreren Behörden vorliegen.

Neben Charles Schwab klagt auch Baltimore gegen die Deutsche Bank. Die Stadt hat Libor-abhängige Papiere im Volumen von 300 Millionen Dollar gekauft.

Brisante Angelegenheit

Die Angelegenheit könnte für den neuen Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain brisant werden. Schließlich hat er zuvor das Investmentgeschäft der Bank in London geleitet. Es gibt bislang aber keinen Ansatzpunkt für eine Mitwisserschaft.

Einem Bericht der US-amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg vom 14. Februar zufolge hat die Deutsche Bank einen Händler entlassen, der an der Manipulation beteiligt gewesen sein soll. Die Frage ist nun, ob ein einzelner Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum ohne Mitwisser gehandelt hat.

Denn bei anderen Banken sind mehrere Händler bis hin zu Vorstandsmitgliedern in den Skandal verwickelt, am Dienstag ist deswegen Ex-Barclays-Chef Bob Diamond zurückgetreten. „Es ist unwahrscheinlich, dass nur ein Händler falsche Sätze gemeldet hat“, sagt Falko Fecht, Professor an der Frankfurt School of Finance. „Warum sollte er das tun? Eine Falschmeldung macht nur dann Sinn, wenn die Handels- und Kreditpositionen der Bank bekannt sind, die von falschen Zahlen profitieren. Es müssen also ganze Bereiche Bescheid gewusst haben.“

Anwalt Fineman behauptet, dass die Deutsche Bank getrickst hat. Unterlagen, die in einem kanadischen Verfahren als Beweismittel dienen, zeigten das. Eine Bank (Medien berichten, es handele sich um die UBS), hat gegen Straffreiheit Material eines Händlers eingereicht, der in den Schriftstücken „Trader A“ heißt: „Trader A kommunizierte seine Handelspositionen, seinen Wunsch nach einer bestimmten Bewegung des Yen-Libor und bat einen Zinsderivatehändler der Deutschen Bank, seine Libor-Meldung entsprechend zu gestalten.“

Gewinnträchtiges Geschäft

Richtig eingesetzt konnten die Manipulationen den Gewinn einzelner Geschäfte steigern. Zum Beispiel von Zinsswaps: Bei diesen Geschäften tauschen die Kontrahenten die Zinszahlungen. So zahlt einer für 100 Millionen Euro 0,6 Prozent Zinsen und erhält im Gegenzug den Drei-Monats-Libor. Der Satz liegt bei 0,553 Prozent. Der Libor-Zahler gewinnt in diesem Fall, schließlich bekommt er von seinem Partner 0,6 Prozent und streicht 47.000 Dollar ein. Läge der Libor bei 0,551 wäre der Gewinn um 2000 Euro höher. Der Verlust des Partners ebenso.

„Die Schadenersatzansprüche sind gigantisch“, sagt Fecht. Es sei aber noch zu früh, eine Zahl zu nennen. Zudem sei offen, wer Schadenersatz leisten muss: „Es ist noch nicht klar, ob Schadenersatzansprüche gegen die Banken oder die British Bankers Association bestehen. Die BAA war schließlich für die Meldung eines richtigen Satzes zuständig.“

Denn der Libor wird seit den 1980er-Jahren jeden Tag um 11 Uhr von der BBA publiziert. Banken melden den Zinssatz, zu dem sie einander Geld leihen, die BAA berechnet daraus einen Gesamtwert. Am Libor orientieren sich unter anderem Zinsen für Gewerbekredite und Anleihen. Wenn Kreditinstitute nicht den Satz melden, zu dem sie Geld bekommen, sondern niedrigere Angaben machen, bringt ihnen das mehrere Vorteile: Ein niedriger Zins zeigt Investoren an, dass andere Banken dem jeweiligen Kreditinstitut vertrauen und sein Ausfallrisiko als gering einschätzen.

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