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Youtube-Chefin Die "mächtigste Frau im Internet"

Youtube-Chefin Susan Wojcicki hat fünf Kinder und im Silicon Valley Karriere gemacht – sie ist noch immer eine Ausnahme. Als „mächtigste Frau im Internet“ wurde Wojcicki vom „Time Magazine“ bezeichnet.

21.12.2015 18:28
Jutta Maier
„Ich hatte früher keine Ahnung, womit ich mein Leben verbringen will.“ Youtube-Chefin Susan Wojcicki bei einem Auftritt in New York. Foto: S. Lovekin/Getty

Zwischen 18 und 21 Uhr ist Susan Wojcicki normalerweise für ihre Kollegen nicht zu erreichen. Dann verbringt die Chefin der weltgrößten Videoplattform Youtube Zeit mit ihrer Familie. Zum Beispiel beim Abendessen, zu dem sie immer versucht, zu Hause zu sein. Die Zeit für den Job und die Familie konsequent zu trennen, ist das Rezept der 47-Jährigen, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie fünf Kinder.

Als „mächtigste Frau im Internet“ wurde Wojcicki vom „Time Magazine“ im Oktober bezeichnet. Die Zeitschrift zählt sie auch zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt. Seit den Anfängen der Youtube-Mutter Google gehört sie zum engen Führungszirkel des Konzerns: 1998 hatte sie ihre Garage in Menlo Park an zwei Studenten vermietet, um mit dem Geld die Hypothek für ihr Haus abzubezahlen. Bei den Studenten handelte es sich um die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, die einen Platz brauchten, um an ihrer Suchmaschinen-Idee zu arbeiten.

Ein Jahr darauf wurde Wojcicki die erste Marketing-Managerin von Google, initiierte Projekte wie Google Books und Google Images und erfand die beliebten Doodles. Später verantwortete sie die Werbe-Abteilung und damit gut 90 Prozent der Umsätze der Internet-Firma. Die bescheiden auftretende Managerin gilt als Erfinderin von Adsense, womit hunderttausende Websites und Blogs Google-Anzeigen abspielen. Außerdem war es Wojcickis Idee, Youtube für 1,6 Milliarden Dollar zu kaufen, anstatt mit dem damaligen Start-up zu konkurrieren.

Als Managerin sei sie hochgeachtet bei Mitarbeitern und Führungskräften, sagen ehemalige Kollegen über die Wojcicki. Insbesondere Larry Page und Sergey Brin sollen große Stücke auf sie halten. Sie sei aber niemand, der gerne im Rampenlicht stehe, sondern versuche eher, andere Führungskräfte und Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern.

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Bei Youtube hat die 47-Jährige die knifflige Aufgabe, höhere Werbeerlöse zu generieren, ohne die Nutzer abzuschrecken. Denn trotz ihrer enormen Popularität und steigenden Erlösen erwirtschaftet die Videoplattform, die vor zehn Jahren gegründet worden ist, laut Analysten immer noch keinen Gewinn. Gleichzeitig wächst der Konkurrenzdruck von Wettbewerbern wie Twitch, Facebook und Snapchat, aber auch von Bezahldiensten wie Netflix oder Hulu. Als Reaktion darauf experimentiert Youtube seit einiger Zeit mit Abo-Modellen wie dem gerade gestarteten Bezahl-Service Youtube Red, über den User Videos und Musik ohne Werbung sehen können. Außerdem wird Youtube künftig exklusive Inhalte für zahlende User produzieren.

„Ich hatte früher keine Ahnung, womit ich mein Leben verbringen will“, sagte Wojcicki jüngst während einer Konferenz in San Francisco. Sie wuchs als älteste von drei Schwestern auf dem Campus der Universität Stanford auf – ihr Vater, Stanley Wojcicki, der als Kind aus Polen in die USA einwanderte, leitete dort den Lehrstuhl für Physik. Susan Wojcicki war beeindruckt von den Berufen seiner Kollegen und Nachbarn, war sich selbst über ihre beruflichen Ziele jedoch lange im Unklaren.

Als Kind wollte sie Künstlerin werden, in der Schule interessierte sie sich für Mathematik, später studierte sie in Harvard Geschichte und Literatur, danach Wirtschaftswissenschaften. Zwischendurch hatte sie die Idee, Fotografin zu werden, eine Zeitlang wollte sie sogar in die Fremdenlegion eintreten. Bis sie irgendwann eher zufällig das Thema Informationstechnologie für sich entdeckte. Die damals noch junge Computerindustrie erschien Wojcicki als neues, künstlerisches Medium. Sie war gerade zum ersten Mal schwanger, als sie ihren Marketing-Job beim Chiphersteller Intel verließ, um bei dem frisch gegründeten Start-up Google als 16. Mitarbeiterin anzufangen. Ihre Freunde bezeichneten sie damals als verrückt, doch es sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, so Wojcicki.

Ein Großteil von Wojcickis Familie ist mit Google verbandelt: Ihr Mann Dennis Troper arbeitet dort als Führungskraft, ihre jüngste Schwester Anne, Biologin und Gründerin der Gentest-Firma 23andme, war mit Google-Mitgründer Brin verheiratet. Ihre Mutter Esther Wojcicki, Journalistin und Lehrerin, berät Google in Bildungsfragen. Lediglich Schwester Janet Wojcicki, die als Anthropologin und Epidemiologin arbeitet, hat keine direkte Verbindung zu dem Unternehmen.

Susan Wojcicki war die erste Frau bei Google, die Mutterschutzurlaub nahm. Auch nach der Geburt ihres zweiten Kindes unterbrach sie ihre Karriere nicht, sondern kehrte in ihren Job zurück. Seither hat sie sich dafür eingesetzt, dass andere Frauen es ihr gleichtun können. „Ich sehe das Potenzial von Frauen. Und es gefällt mir, eine Mentorin zu sein und herauszufinden, wie sie am besten Arbeit und Familie vereinbaren können“, sagte sie dem Magazin „Variety“. Wojcicki glaubt, dass sie durchs Muttersein besser im Beruf geworden ist. Sie sei mitfühlender geworden, könne besser Prioritäten setzen und arbeite effizienter.

Während einer ihrer Schwangerschaften verfasste Wojcicki für das „Wall Street Journal“ ein Plädoyer für bezahlten Mutterschutzurlaub. Google gewährt Frauen seit 2007 nicht mehr nur zwölf, sondern 18 Wochen bezahlte Auszeit. Seither kehrten 50 Prozent mehr Googlerinnen nach der Geburt ihres Kindes in ihre Jobs zurück, so Wojcicki. In den USA gewährt die Mehrheit der privaten Unternehmen keine bezahlte Mutterzeit, jede vierte Frau geht bereits zehn Tage nach der Geburt wieder arbeiten. Für Wojcicki eine Horrorvorstellung. „Ich würde kündigen, weil ich dazu einfach nicht in der Lage wäre“, so die 47-Jährige.

Ein längerer Mutterschutz ist aus Wojcickis Sicht nur ein Teil des Rezepts, um mehr Frauen für Technologie-Berufe zu gewinnen. Die Tatsache, dass sich so wenige Frauen für Computer-Berufe entscheiden  liegt für die Managerin auch an der Reputation der Branche. „Ich glaube, Informatik hat einen Ruf, der nicht ganz korrekt ist und viele Frauen abschreckt“, sagt sie. Doch die Jobs seien sehr kreativ, man arbeite in Teams und könne Produkte entwerfen, die die Welt verändern. Um mehr junge Frauen für Informatik zu interessieren, plädiert Wojcicki dafür, Computerwissenschaften als reguläres Unterrichtsfach an Schulen einzuführen.

Ihre eigene Tochter für das Thema zu begeistern, war ebenfalls nicht einfach. Die damals Zehnjährige habe ihr eines Tages mitgeteilt, dass sie PCs nicht ausstehen könne, so Wojcicki. Daraufhin meldete sie ihre Tochter in einem Computer-Camp an, was deren Abneigung nur noch weiter verstärkte. „Sie kam zurück und sagte: Dort waren nur Jungs, niemand war so wie ich, und jetzt hasse ich Computer umso mehr“, so die Youtube-Chefin. Mittlerweile hat sich ihre Tochter mit den Geräten angefreundet: Nachdem die Managerin sie in ein Mädchen-Computercamp schickte, fing ihre Tochter schließlich Feuer: Sie entwarf unter anderem eine Uhr, die E-Mails und Nachrichten versenden kann – und nahm damit den aktuellen Smartwatch-Hype vorweg.

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