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WWF „Die anfängliche Euphorie ist weg“

WWF-Deutschland-Chef Eberhard Brandes über die Klimapolitik, die grassierende Wilderei und umstrittene Kooperationen mit Unternehmen.

Eberhard Brandes
Eberhard Brandes. Foto: Markus Wächter

Eberhard Brandes ist kein verschrobener Umweltfreak mit Alpaka-Pullover und Sandalen, sondern fühlt sich im weißen Hemd und Sakko wohl. Er empfängt zum Interview in der WWF-Zentrale in Berlin, die strategisch perfekt liegt. Der WWF, der damit wirbt, die einflussreichste Umweltorganisation Deutschlands zu sein, sitzt in der Berliner Reinhardtstraße und damit in Laufweite zum Bundestag, zum Kanzleramt und zu wichtigen Ministerien.

Herr Brandes, vor fünf Jahren war der WWF in den Schlagzeilen, weil der Organisation in einem Buch vorgeworfen wurde, sie verhelfe Konzernen zu einem grünen Image, die für schwere Umweltzerstörungen verantwortlich sind. Sie haben zwar juristisch auf ganzer Linie gewonnen, aber hat Ihnen die Auseinandersetzung nicht doch geschadet?
Wir haben aus der Sache einiges gelernt, aber wollen wir wirklich mit dieser alten Geschichte anfangen?

Ja, denn es gibt einen nach wie vor wichtigen Punkt: Wie viel Kooperation mit Unternehmen ist notwendig und welche Kompromisse sind zulässig, um den Umweltschutz voranzubringen?
Um auf Ihre erste Frage zu antworten: Unser Spendenaufkommen ist nicht zurückgegangen, ebenso wenig haben wir Mitglieder verloren. Zum Glück zeigten Umfragen, dass auch unser Image nicht gelitten hat. Im Gegenteil. Damals haben Unterstützer sogar Geld gesammelt, damit wir uns gegen die falschen Behauptungen – mit Erfolg – juristisch wehren konnten. Wir hatten und haben uns nichts vorzuwerfen.

Haben Sie gar keine Konsequenzen gezogen?
Wir haben gelernt, dass wir noch umfangreicher und transparenter über unsere Arbeit aufklären müssen. Aber die Kooperationen mit Unternehmen, sofern sie unsere Ziele unterstützen, haben wir nicht in Frage gestellt.

Aber damit macht man sich als Umweltschutzorganisation auch immer angreifbar.
Wir können als Nichtregierungsorganisation eine Welt, in der nicht mehr Ressourcen verbraucht werden als natürlich nachwachsen und in der die Artenvielfalt erhalten bleibt, nicht im Alleingang erreichen. Entscheidend sind die richtigen Rahmenbedingungen durch die Politik und ein konsequentes Umsteuern in der Wirtschaft. Glücklicherweise gibt es bei immer mehr Unternehmen eine neue Generation von Entscheidungsträgern, die sehr offen für diese Transformation ist. Die Kooperation mit Edeka ist so ein Beispiel.

Dort findet sich auf vielen Produkten mit Biosiegeln nun zusätzlich auch Ihr Panda-Logo. Worin besteht überhaupt der Mehrwert für die Umwelt?
Zum einen machen wir so auf die ökologisch besseren Produkte im Markt aufmerksam. Und zum anderen zeigen wir, wie es noch besser geht: Bei Bio-Produkten prüft der WWF zusätzlich die regionale Wasser- und länderspezifische Sozialsituation. Nur wenn unsere eigenen Ansprüche erfüllt werden, darf das Panda-Logo drauf.

Sehr bekannt ist Ihre Zusammenarbeit mit dem Bierbrauer Krombacher, der den Kauf seiner Produkte mit einer Spende für ein Regenwaldprojekt verbunden hat. Krombacher ist aber wieder massiv in die Produktion von umweltschädlichen Bierbüchsen eingestiegen. Helfen Sie also doch dabei, dass sich Unternehmen ein grünes Mäntelchen umhängen können?
Das Regenwaldprojekt ist äußerst erfolgreich. Mit den Spenden konnte eines der drei wichtigsten Wald- und Wildtierschutzgebiete in Zentral-Afrika geschützt werden, abgesichert durch eine eigene Regenwaldstiftung, die ein langfristiges Engagement garantiert. In den vergangenen Jahren hat die Kooperation mit Krombacher weitere Naturschutzprojekte auf Borneo und in Deutschland befördert. Aber in der Tat, über die Bierbüchsen müssen wir nochmal reden.

Gerade erst hat die OECD ein Verfahren gegen den WWF eröffnet: Die Menschenrechtsorganisation Survival beklagt, dass in Kamerun die vom WWF mitfinanzierten Wildhüter die indigene Bevölkerung drangsalieren. Wie halten Sie es mit der Vereinbarkeit von Naturschutz und Menschenrechten?
Naturschutz funktioniert immer nur mit den Menschen vor Ort, nicht gegen sie. Das ist eine der großen Lehren aus den Anfängen der internationalen Naturschutzbewegung in den 60er- und 70er-Jahren. Der WWF sorgt weltweit dafür, dass in Schutzgebieten auch Sondernutzungszonen eingerichtet werden, in der die indigene Bevölkerung zum Beispiel jagen kann. Im Fall der Baka in Kamerun sind wir eine der wenigen Organisationen überhaupt, die sich um deren Belange kümmern. Wir nehmen aber alle Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen sehr ernst und wollen dabei helfen, diese aufzuklären. Daher begrüßen wir ausdrücklich den OECD-Mediationsprozess.

Bleiben wir in Afrika: Entwicklungsminister Müller will mit einem „Marshallplan“ den Kontinent wirtschaftlich fördern. Was halten Sie von dem Vorhaben?
Vieles können wir unterstützen. Doch die Bedeutung von gesunder Natur als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage der Bevölkerung wird nicht ausreichend berücksichtigt. Richtig ist, über die Bekämpfung von Hunger zu sprechen. Aber der Minister fokussiert nur auf die Produktion von Nahrungsmitteln.

Was meinen Sie damit?
1,3 Milliarden Tonnen der weltweit produzierten Lebensmittel landen nicht auf dem Teller, sondern werden weggeworfen oder gehen auf dem Weg vom Acker bis zum Verbraucher verloren. Allein in Deutschland werden jährlich fast 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Das ist rund ein Drittel unseres Gesamtbedarfs. Aber das ist nur ein Teil des Problems. In Afrika oder Asien vergammeln große Teile der Ernten, weil die Transportwege oder Lagerung nicht funktionieren. Hier muss man zuerst ansetzen, statt größere Agrarflächen zu schaffen oder die Industrialisierung der Landwirtschaft voranzutreiben.

Welche Umweltprobleme treiben Sie derzeit am meisten um?
Neben dem Klimawandel erleben wir derzeit die schlimmste Wildereikrise seit langem. Ich war in Selous, Tansania. Das ist eines der größten Wildschutzgebiete Afrikas. Es war unendlich traurig. Wir haben in drei Tagen nur einen Elefanten gesehen. Dabei gilt die Region als eines der Gebiete mit der höchsten Elefantendichte des Kontinents. Die Wilderei hat ungeahnte Ausmaße angenommen. Da sind international operierende, hoch professionelle Banden am Werk.

Woher kommt dieser krasse Rückfall?
Es sind die wachsenden Mittelschichten nicht nur in China und Thailand, sondern insbesondere auch in Vietnam oder Laos, die die Nachfrage befeuern. Elfenbein-Schnitzereien sind als Statussymbol begehrt, Tigerknochen oder Nashornpulver sind als Potenz- und Heilmittel gefragt. Da werden aberwitzige Geldsummen eingesetzt.

Was kann man tun?
Die betroffenen Staaten müssen gegen Wilderer hart durchgreifen. Wir können dabei helfen, die Ranger besser auszustatten, etwa mit Drohnen. Und auch hier gilt, dass die Bevölkerung vor Ort einbezogen werden muss. Das ist oft einfacher als man denkt: Massai in der Mara-Region in Kenia waren bereit, sich gegen die Wilderei einzusetzen und sie zu unterbinden, wenn als neue Einkommensquelle eine Lodge für Touristen gebaut wird. Nun hilft der WWF bei der Organisation.

Was treibt Sie noch um?
Über den Plastikmüll im Meer wird noch viel zu wenig gesprochen. Das interessante ist, dass der Großteil dieser Abfälle in den Ozeanen aus Südostasien stammt. Sie gelangen über die großen Flüsse wie dem Mekong ins Meer. Das zeigt auch, wo wir ansetzen müssen.

Was wollen Sie tun?
Zunächst einmal halte ich nichts davon, Plastik generell zu verteufeln. Schauen Sie beispielsweise auf den Medizinbereich, wo etwa Einwegspritzen alternativlos sind. Es geht aber generell um eine schadstoffarme Produktion und ein sauberes Recycling. Wir werden uns hier stärker engagieren. Eine Herausforderung ist zum Beispiel, dass Kunststoffe aus der Kleidung abgerieben werden und dieser Abrieb ungefiltert ins Abwasser geht. Dies macht deutlich, wie groß das Problem ist.

In Deutschland steht die Bundestagswahl bevor. Was ist Ihre wichtigste Forderung an die Parteien?
Wir brauchen endlich ein Gesamtkonzept für eine glaubwürdige Energiewende. Dazu gehört zwingend ein beschleunigter Einstieg in den Ausstieg aus der Kohle. Bis 2025 muss die Hälfte der Kohlekraftwerke vom Netz und bis spätestens 2035 die Kohleverstromung endgültig beendet sein. Ansonsten werden wir die Klimaziele nie und nimmer erfüllen.

Macht sich eine gewisse Klimamüdigkeit bei uns in Deutschland breit?
Tatsächlich beobachten wir, dass das Engagement erlahmt ist. Die anfängliche Euphorie ist weg, die sehen wir jetzt in anderen Ländern. Offenbar treiben die Menschen hierzulande andere Themen stärker um, etwa die Flüchtlingskrise oder Sicherheitsfragen. Der WWF reagiert mit seinen Kampagnen darauf. Wir haben festgestellt, dass immer mehr Menschen es satt haben, ständig mit Katastrophen konfrontiert zu werden. Sie wollen positiv denken, Teil einer sinnvollen Lösung sein. Ich sehe das auch so: Umweltschutz soll auch Freude machen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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