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Wohlfahrtsindex Eine andere Sicht auf den Wohlstand

Wenn die Wirtschaft wächst, muss es der Gesellschaft nicht automatisch auch besser gehen - im Gegenteil. Das zeigt ein neuer "Wohlstandsindex".

Ein Segelboot ist für viele Ausdruck von Wohlstand. Foto: REUTERS/JASON REED

Hohes Wachstum bedeutet nicht unbedingt, dass es der Gesellschaft gut geht. Der Wohlstand in Deutschland hat seit 2000 tatsächlich sogar abgenommen, obwohl die Wirtschaft in der gleichen Zeit gewachsen ist. Das zeigt der jetzt im Auftrag des Bundesumweltministeriums erarbeitete „Nationale Wohlfahrtsindex“ (NWI). Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahrzehnt 2000 bis 2010 preisbereinigt um rund fünf Prozent anstieg, sank der NWI um vier Prozent. Der neue Index ergänzt die bisher übliche Messung des Wohlstands, bei der allein das BIP zugrunde gelegt wird. Er zeigt, dass Wirtschaft, Politiker und Bürger schief liegen, wenn sie alleine auf das Wirtschaftswachstum als „Wohlstandsmaschine“ vertrauen.

Der neue Index basiert zwar wie das Bruttoinlandsprodukt auf dem privaten Verbrauch, also dem Wert aller konsumierten Güter und Dienstleistungen. Er ergänzt diesen aber um drei wichtige Bereiche. So die unbezahlte Arbeit, zum Beispiel die Hausarbeit. Außerdem fließt ein Faktor ein, der die Veränderung in der Einkommensverteilung berücksichtigt, und schließlich Umweltschäden und Ressourcenverbrauch. „Die NWI-Entwicklung belegt, dass ökonomische Entwicklung und Wohlfahrt zunehmend auseinander laufen“, sagt der Heidelberger Ökonomieprofessor Hans Diefenbacher, der Miterfinder des neuen Index ist.

Einkommen und Umwelt

Das NWI-Konzept ist 2009 erstmals vorgestellt worden – als Quintessenz eines vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebenen Berichts über die „nationale Wohlstandsmessung“. Hauptautoren dieser Studie waren Diefenbacher, der an der Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft arbeitet, und der Politologe Roland Zieschank von der Freien Universität Berlin. Für die aktuelle Fortschreibung wurde die Entwicklung von BIP und NWI in den letzten beiden Jahrzehnten genauer analysiert.

Dabei fällt auf, dass die beiden Indizes zwischen 1990 und 2000 einen ähnlichen Verlauf nahmen, die Kurven seit 2000 aber deutlich auseinander klaffen. Als Gründe benennt Diefenbacher vor allem die negative Entwicklung der Einkommensverteilung, eine noch erhebliche Umweltbelastung und den hohen Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen. 2007 zum Beispiel stiegt das BIP um 3,3 Prozent, der NWI aber sank um 0,4 Prozent.

Entwicklung nach Finanzkrise

Interessant ist auch die Entwicklung nach Beginn der Finanzkrise 2008. Im Jahr 2009 brach das BIP wegen zurückgehender Warenproduktion und Dienstleistungen ein, während der NWI anstieg. Hauptgrund dafür waren die geringeren Umweltschäden durch den gesunkenen Energie- und Rohstoffverbrauch, während die Beschäftigung durch Maßnahmen wie Kurzarbeit stabilisiert werden konnte. Daraus abzuleiten, eine schrumpfende Wirtschaft sei generell positiv, wäre aber ein falscher Schluss: „Der NWI steigt auch an, wenn die Waren und Dienstleistungen deutlich ressourceneffizienter produziert werden, was technologisch durchaus möglich ist“, sagt Diefenbacher. In den Jahren vor dem Ausbruch der Finanzkrise war das BIP noch gewachsen, während der neue Index sank.

Der Ökonom folgert daraus, dass die traditionelle Messung der ökonomischen Entwicklung eines Landes über das Bruttoinlandsprodukt „einen illusionären Wohlstand vorspiegeln kann“. „Wir brauchen neue Orientierungsgrößen“, fordert er. Ziel sei es dabei nicht, alle Lebenswelten zu monetarisieren. Es gelte zu erkennen, „dass wir wesentlichen Bereichen unseres Lebens und unserer Umwelt mehr Wertschätzung entgegenbringen müssen.“

Statistikamt noch überfordert

Der neue Index eigne sich dafür, weil er die Entwicklung wie das BIP in einer Zahl zusammenfasst, sagt Diefenbacher. Um den NWI allerdings ähnlich aktuell wie die traditionellen Wachstumszahlen vorlegen zu können, fehlt noch die Datenbasis. Während das Statistische Bundesamt die BIP-Zahlen vierteljährlich veröffentlicht, kommen wesentliche Daten für den NWI aus dessen „umweltökonomischer Gesamtrechnung“ – sie fasst Daten etwa zu Energie-, Ressourcen- und Flächenverbrauch zusammen – zum Teil erst nach zwei Jahren. „Das müsste viel schneller gehen, um einen NWI für aktuellere Analysen praktikabel zu machen“, so Diefenbacher. Dazu brauche es auch zusätzliche Manpower in der Wiesbadener Behörde.

Diefenbacher begrüßt die Arbeit der Bundestags-Enquêtekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die jüngst ebenfalls eine Ergänzung des BIP gefordert hat. Sie schlägt ein System von zehn Indikatoren aus Bereichen wie Umwelt, Klima, Soziales, Qualität der Arbeit, Rechtsstaatlichkeit und Bildung vor, die in einen „Jahreswohlstandsbericht“ einfließen sollen. Der Ökonom sagt allerdings, es gebe bereits ein besser geeignetes Indikatorensystem, das regelmäßig erhoben wird. Es fließt in den „Nachhaltigkeitsbericht“ ein, der von der Bundesregierung alle zwei Jahre herausgebracht wird – freilich mit wenig Resonanz in der Öffentlichkeit.

Ein anderes System ist das für den von der Frankfurter Förderbank KfW jährlich ermittelten „Nachhaltigkeitsindikator“, der die Entwicklung der Bereiche Wirtschaft, Umwelt und gesellschaftliche Teilhabe bewertet. Der KfW-Indikator hatte zuletzt für das Jahr 2011 in allen drei Sektoren Fortschritte angezeigt.

Diefenbacher hält solche Indikatorensysteme für sinnvoll, um direkt einzelne politische Maßnahmen zu begründen. Es bedürfe jedoch eines Index wie des NWI, um „auf Augenhöhe mit dem BIP“ eine andere Sichtweise von Wachstum und Wohlfahrt gegenüberzustellen.

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