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Wissenschaftler Mohssen Massarat "Welt finanziert US-Kriege mit"

Der Wissenschaftler Mohssen Massarat spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Öl- und Dollarpolitik der USA. Er kritisiert das Festhalten an alten Machtstrukturen und dem Einsatz von Kriegen als Mittel der Politik.

Ölplattform vor der Küste Brasiliens. Foto: rtr

Herr Massarrat, Sie behaupten, eine Welt ohne Ordnung sei im Interesse der Vereinigten Staaten. Warum sehen Sie das so?
Weil es von enormer Bedeutung für die Vereinigten Staaten ist, dass das Öl auch in Zukunft in Dollar gehandelt wird. Dieses System aufrecht zu erhalten, gelingt einfacher mit einer Welt im Chaos. Deshalb spielen die Konflikte im Mittleren Osten den Vereinigten Staaten in die Hände.

Warum haben die Vereinigten Staaten ein Interesse daran, dass der Ölhandel weiterhin in Dollar abgewickelt wird?
Je mehr Öl die Welt verbraucht und je höher der Preis steigt, desto mehr Dollar kann die US-Regierung in Umlauf bringen, ohne dass der Wert der Währung zerfällt. Dadurch generieren die USA Einnahmen, die sie zur Finanzierung ihrer Staatsausgaben nutzen können. Sie profitieren davon, dass der Goldstandard in den vergangenen Jahren durch den Ölstandard abgelöst wurde. Öl ist wie Gold ein homogenes und knappes Gut, das immer stärker nachgefragt und teurer wird. Seit 1970 ist der Anteil des Ölhandels am Welthandel von 1,7 Prozent auf zwölf Prozent in 2011 gestiegen – mit einer drastisch steigenden Dollar-Nachfrage als Folge.

Wie funktioniert das technisch?
Um die laufenden Staatsausgaben zu tätigen, tauscht das US-Finanzministerium Staatsanleihen bei der Zentralbank Fed in frisch gedruckte Dollar ein. Die Fed wiederum vermarktet die Staatsanleihen auf dem Weltmarkt und lenkt so ständig neues Kapital in die US-Ökonomie. In 2012 machte die in die USA geflossene Kapitalmasse 7,9 Prozent des BIP aus.

Sehr praktisch!
Ja, sehr praktisch. Sehen Sie, trotz chronischer Handelsbilanzdefizite seit über 17 Jahren fließt das überschüssige Kapital aus der ganzen Welt in die Vereinigten Staaten, in den letzten Jahren an die tausend Milliarden Dollar jährlich. Damit finanziert die Welt den USA einen erheblichen Teil ihrer Staatsausgaben und damit die Kosten ihrer Hegemonial-Politik und ihrer Kriege mit.

Welche Konsequenzen hat das?
Die Leitwährung bedeutet für das Herkunftsland immer ein monopolistisches Privileg. Zu Zeiten des Goldstandards ging die US-Regierung aber noch die Verpflichtung ein, zu jedem Zeitpunkt Dollarreserven anderer Staaten gegen Gold einzutauschen. Dadurch waren gegen einen Missbrauch dieses Monopols im System Barrieren eingebaut. Das gibt es nun nicht mehr. Beim Ölstandard haben die USA keinerlei justiziable Verpflichtungen gegenüber den Dollar-Besitzern mehr. Schlimm ist dabei – was leider oft übersehen wird – dass dieses Monopol auch hier quasi-diktatorische Strukturen und Gewaltpotenziale nach sich zieht.

Können Sie das erläutern?
In diesem System muss dafür gesorgt werden, dass der Ölhandel in Dollar abgewickelt wird. Das setzt voraus, dass die Ölstaaten ihr Öl entweder freiwillig in Dollar verkaufen, oder aber dazu gezwungen werden. Regimewechsel im Irak, in Afghanistan, in Libyen, der Atomstreit mit Iran sowie ein kostspieliges, weltumspannendes Netz an Militärstützpunkten gehören zur amerikanischen Strategie, den Dollar zu verteidigen. Schwache Ölstaaten, wie der Irak oder Libyen, die sich jetzt im Bürgerkrieg befinden, können sich kaum weigern, ihr Öl in Dollar zu verkaufen. Man könnte sogar konstatieren, dass es zwischen den Rüstungsausgaben und Kriegen der USA, der US-Staatsverschuldung und der Refinanzierung dieser Schulden über den durch den Ölstandard gestützten Dollar eine direkte Verbindung gibt.

Sind wir da nicht im Bereich der Verschwörungstheorie?
Wieso Verschwörungstheorie? Solche Theorien leben von wilden Spekulationen. Meine Thesen stützen sich aber auf unbestreitbare Fakten und eine fundierte Analyse.

Wer ist der Hauptprofiteur dieses Systems?
Sämtliche Ewiggestrigen dieser Welt – also nicht nur die USA, die an alten Privilegien, an alten Machtstrukturen, an alten Technologien und dem Krieg als Mittel der Politik festhalten. Dazu gehört meines Erachtens vor allem auch der militärindustrielle Komplex, bei dem die Aktionäre ohne Risiko ihre Profite verdienen.

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen?
Dieses US-Monopol müsste in eine Vielfalt von Leitwährungen überführt und die Weltwirtschaft dadurch demokratisiert werden. Außerdem halte ich eine globale Energiewende und eine flächendeckende Nutzung erneuerbarer Energien für unabdingbar. Ich möchte die Prognose wagen, dass dadurch auch die Welt demokratischer, gerechter und friedlicher werden könnte. Die Gründung eines eigenen Weltwährungsfonds und einer eigenen Entwicklungsbank durch die BRICS-Staaten, bei der China und Russland eine wichtige Rolle spielen, könnte in diese Richtung gehen. Auch die EU müsste allmählich den Euro als eine weitere Weltwährung ins Spiel bringen. Darüber hinaus müsste auch Amerika endlich begreifen, dass seine eingeschlagene Politik, die Spaltung in Europa zu vertiefen, die EU an den Dollar zu binden und dazu noch Russland und China militärisch eindämmen zu wollen, in die Katastrophe führt.

Interview: Daniel Baumann

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