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Wirtschaftstheorie Lehrbeispiel Mindestlohn

Stellenkahlschlag? Firmensterben? Nichts davon ist wegen des Mindestlohns eingetreten. Daraus sollten die Ökonomen lernen.

Putzjob
Die Beschäftigten, die vom Mindestlohn profitierten, steckten ihr Einkommensplus zum allergrößten Teil in den Konsum. Foto: dpa

Das Thema gehört von nun an auf den Lehrplan der Wirtschaftswissenschaften. Dort gilt es eine Lücke zu füllen: Denn die Wirkung, die der gesetzliche Mindestlohn auf das Wachstum und die Beschäftigung hat, widersprechen der klassischen Wirtschaftstheorie eklatant. Derzufolge stellte der Anfang 2015 eingeführte Mindestlohn von seinerzeit 8,50 Euro pro Stunde einen staatlich verordneten Personalkostenanstieg dar. Damit werde sich für Firmen die Beschäftigung hunderttausender Niedriglohnempfänger nicht länger lohnen, die erzwungenen Lohnerhöhungen zögen Entlassungen nach sich, warnten Ökonomen.

Das Münchener Ifo-Institut etwa sagte den Verlust von bis zu 900 000 Jobs voraus. Insbesondere für Ostdeutschland rechneten die allermeisten Volkswirte mit Verwerfungen, weil gut ein Fünftel der Beschäftigten im Jahr 2014 noch weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdient hatte. Arbeitsmarkt, Binnennachfrage, Wirtschaftswachstum – all das werde durch den staatlichen Eingriff in den freien (Arbeits-)Markt in Mitleidenschaft gezogen.

Fakt ist, dass von der Einführung des Mindestlohns rund vier Millionen Beschäftigte profitierten. Im Schnitt stiegen deren Arbeitsentgelte nach Angaben des Statistischen Bundesamts zum Jahreswechsel 2014/2015 um 18 Prozent. Allerdings trat anschließend nicht ein, was den scheinbar ehernen Gesetzen der klassischen Ökonomie zufolge hätte eintreten müssen. Nicht die Arbeitslosigkeit stieg, sondern die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, und zwar um bemerkenswerte 1,6 Millionen zwischen 2015 und 2017. Weder verödeten ostdeutsche Landstriche, noch starben massenhaft Kleinbetriebe. Selbst im Gastgewerbe mit seinen relativ vielen Geringverdienern entstanden seit 2015 mehr als 70 000 zusätzliche Stellen. Verheerende Auswirkungen? Keine Spur.

Gleiches gilt für das Wirtschaftswachstum. 2015 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 Prozent, im Jahr darauf waren es 1,9 Prozent. 2017 verzeichneten die Statistiker mit einem Plus von 2,2 Prozent gar ein Achtjahreshoch, und dies, obwohl der Mindestlohn zum 1. Januar von 8,50 auf 8,84 Euro gestiegen war. Oder eben deswegen? Eine aktuelle Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) legt nahe, dass der Mindestlohn die Konjunktur nicht gebremst, sondern vielmehr beflügelt hat.

Denn die Beschäftigten, die vom Mindestlohn profitierten, steckten ihr Einkommensplus zum allergrößten Teil in den Konsum: mehr Nachfrage, mehr Umsatz, mehr Wachstum. Hinzu kam, dass infolge des Mindestlohns auch Arbeitseinkommen angehoben wurden, die bis dahin geringfügig über 8,50 Euro gelegen hatten. In vielen Branchen und Unternehmen wurde und wird Wert darauf gelegt, dass man mehr zahlt, als es die gesetzliche Untergrenze vorschreibt. Nach Berechnungen des IMK erhöhten diese Effekte die Lohnsumme im gleichen Umfang wie die Mindestlohneinführung selbst. Insgesamt legte das jährliche BIP infolge des Mindestlohns zusätzlich um etwa ein Viertel Prozentpunkt zu. Klingt wenig, ist aber angesichts einer Gesamtwirtschaftsleistung von zuletzt 3263 Milliarden Euro doch ein schöner Batzen von mehr als neun Milliarden Euro.

Auf den Lehrplan damit.

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