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Wirtschaftskriminalist im Interview "Gelegenheit macht Diebe"

Uwe Dolata legt sich mit den Mächtigen in der Wirtschaft an. Im FR-Interview spricht der Wirtschaftskriminalist über verdächtige Visitenkarten, korrupte Ärzte und unternehmerische Selbstdisziplin.

30.07.2011 16:36
Uwe Dolata ist Wirtschaftskriminalist in Würzburg. Foto: Alex Kraus

Uwe Dolata legt sich mit den Mächtigen in der Wirtschaft an. Im FR-Interview spricht der Wirtschaftskriminalist über verdächtige Visitenkarten, korrupte Ärzte und unternehmerische Selbstdisziplin.

Herr Dolata, Sie sind seit 17 Jahren Wirtschaftskriminalist. Wie oft haben Sie in dieser Zeit wegen Korruption ermittelt?

Das kann ich nicht genau sagen. Die Korruptionsverfolgung ist mein täglich Brot – aber ich habe die Verfahren nie gezählt.

Ist die Arbeit denn wenigstens weniger geworden?

Das sicher nicht. Es wird noch viel geschmiert. In der Autozuliefererindustrie ist Korruption laut der Forschungsstelle Automobilwirtschaft weit verbreitet. Aber zumindest hat sich das öffentliche Bewusstsein verändert. Wir hatten in Deutschland ja lange Zeit das Gefühl, Korruption sei hier kein Thema. Schmiergelder konnten von den Steuern abgesetzt werden. Noch immer gilt Bestechlichkeit aber in weiten Teilen der Bevölkerung als Kavaliersdelikt. Und es fehlt weiter ein Gesetz gegen Abgeordnetenbestechung.

Warum ist Korruptionsbekämpfung so wichtig?

Korruption ist todbringend, das hat Transparency International mal gesagt. Ich arbeite zwar ungern mit diesen Drohgebärden – aber de facto stimmt es ja. Wir sehen es bei den Unruhen in der arabischen Welt oder wenn ungeeignete Arzneimittel verschrieben werden. Korruption ist ein Krebsgeschwür – und oft ahnt man gar nicht, welche dramatischen Folgen es hat.

Welches ist der korrupteste deutsche Wirtschaftszweig?

Die größte Baustelle im Bereich der Korruption ist das Gesundheitswesen. Hier gibt es die meisten Schmiergeldempfänger. Ob Ärzte, Hörgeräteakustiker, Physiotherapeuten, Kurzentren, Apotheken, Krankenhäuser oder eben die berüchtigten Pharmakonzerne, alle Bereiche sind von Korruption betroffen.

Wie viel Geld geht im Gesundheitswesen dadurch verloren?

Genau kann man es nicht sagen, weil die Dunkelziffer sehr hoch ist. Aber wir sprechen von vielen Milliarden. Die Schätzungen gehen von 13,5 bis 20 Milliarden Euro, die jährlich dem deutschen Gesundheitswesen dadurch entgehen. Aber ich warne immer davor, mit diesen Zahlen zu operieren, weil die Dunkelziffer in diesem Bereich bei 97 Prozent liegt. Dann sind diese Zahlen mehr oder minder ein Blick in die Glaskugel.

Warum weiß man nicht mehr darüber?

Weil die Ermittler sich nicht richtig an das Gesundheitswesen rantrauen. Das ist eine sehr komplizierte Materie. Es fehlt das Know-how und das notwendige Personal. Die Verfahren sind mit Gutachterstreitigkeiten versehen, mit einer oft schwammigen Gesetzeslage und mit einer Reihe von sehr guten Anwälten auf der Gegenseite, weil sich das Pharmakonzerne aber auch Ärzte leisten können.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die Geschäftsbeziehungen zwischen der Pharmaindustrie und den Ärzten. Die Konzerne können bei den Ärzten Studien in Auftrag geben, um Medikamente zu erforschen. Sind diese Studien wissenschaftlich nötig und sind sie angemessen bezahlt? Oder sind sie ein Mittel zur Verschleierung von Schmiergeldzahlungen? Selbst wenn auffliegt, dass ein Arzt Geld von einem Pharmakonzern entgegengenommen hat für die Verordnung bestimmter Medikamente, konnten wir bislang wenig dagegen tun.

Warum?

Weil Ärzte als Unternehmer gelten und sich nicht der Bestechlichkeit strafbar machen können. Das Strafgesetzbuch stellt nämlich nur Angestellte unter Strafe. Allerdings hat sich das Amtsgericht Ulm jüngst getraut, einen niedergelassenen Arzt wegen Bestechlichkeit zu verurteilen. Es vertritt die Auffassung, dass ein Arzt Vertragspartner der Krankenkassen ist. Damit steht er in einem Abhängigkeitsverhältnis und verliert seinen Unternehmerstatus. Nun muss der Bundesgerichtshof die Frage klären. Die Gesetzeslücke ist seit Jahren offensichtlich. Trotzdem kam es nie zu einer Gesetzesänderung – obwohl es Regierungen probierten.

Sind Ärzte besonders korrupt?

Nein, natürlich nicht. Wir reden von strukturellen Problemen. Ich unterstelle den Ärzten nicht, dass sie kriminelle Energie haben. Aber Gelegenheit macht Diebe – Gelegenheit macht auch korrupt. Und im Gesundheitssystem gibt es viele Gelegenheiten.

Das heißt, die Probleme liegen im System?

Ja. Es sind gewaltige Summen im Spiel, und die Transparenz ist gering. Viele Abläufe können nur Fachleute verstehen. Die Gesetze sind so kompliziert, dass es ständig Lücken gibt. Und es ist ein Problem, dass Patienten nicht direkt mit den Ärzten, Krankenhäusern und Apothekern abrechnen. Sie haben so keine Kontrolle. Durch den Sparzwang und die gleichzeitige Umfunktionierung der Gesundheitseinrichtungen zu gewinnorientierten Unternehmen nimmt die Korruption noch zu. Wir haben ja gerade erst erlebt, dass Kliniken Ärzten für die Einweisung von Patienten mit lukrativen Krankheiten Prämien zahlten.

Was muss sich ändern?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Das Gesundheitswesen ist komplex und die Geldströme werden groß bleiben. Wir brauchen vor allem mehr Transparenz und klarere gesetzliche Regeln.

Gibt es Branchen, wo es einfacher fällt, Korruption zu bekämpfen?

Am einfachsten sind Verurteilungen in der Verwaltung zu erreichen. Da haben wir eine klare und sehr stringente Gesetzgebung. Die Prozesse sind dokumentiert und nachvollziehbar. Im geschäftlichen Bereich wird in der Baubranche, im Handel und bei den Autozulieferern sehr genau hingeschaut. Auch da lässt sich etwas erreichen.

Sie fordern auch, dass Unternehmen sich selber besser disziplinieren.

Wir brauchen wieder ein ethisches Kaufmannsverhalten. Die Firmen müssen ihre Mitarbeiter hinsichtlich der Gesetze besser schulen und strengere interne Richtlinien verankern. Dazu gehört auch, dass es eine Stelle gibt, an die Verstöße gemeldet werden können. Das nennt sich Compliance – und nimmt der Korruption den Boden, wenn sie richtig angewendet wird. Compliance ist die einzige Chance, eine Wurzelbehandlung durchzuführen.

Wenn Bestechung Teil des Geschäftsmodells ist, dann wird sich ein Unternehmen schwertun, Regeln einzuführen, die Bestechung verhindern.

Natürlich. Das geht nur, wenn man es will. Aber es geht.

Compliance wirkt sich nicht negativ auf das Geschäft aus?

Siemens ist das beste Beispiel dafür, dass dem nicht so ist. Das Unternehmen schreibt die höchsten Gewinne aller Zeiten, nachdem nach dem Korruptionsskandal strenge Verhaltensrichtlinien eingeführt wurden. Jetzt kann man endlich – was mir lange niemand geglaubt hat – fundiert argumentieren: Korruption ist nicht verkaufsfördernd, sondern bremst Innovation. Korruption zu verhindern heißt, das Unternehmen dazu zwingen, besser zu sein, um trotzdem zu überzeugen.

Wie weit sind die Unternehmen denn?

Noch nicht weit genug. Korruptionsbekämpfung fängt bei ganz einfachen Fragen an: Ist im Unternehmen geregelt, ob der Mitarbeiter Geschenke annehmen darf? In welcher Form? Wie viele? Wie groß? Wo ist es geregelt? In den Arbeitsverträgen? Es geht auch um kleine Dinge: Zum Beispiel die Frage, warum manche Mitarbeiter auf der Rückseite ihrer Visitenkarte die Privatadresse stehen haben? Weil Kunden da Geschenke abliefern können? Auf solche Dinge kommen viele Unternehmenschefs gar nicht. Die wundern sich dann, warum sie viel zu teure Waren einkaufen.

Gemeinsam mit Ihren Studenten helfen Sie Unternehmen dabei, solche Richtlinien zu etablieren. Wie werden Sie von den Mitarbeitern empfangen?

Wir dachten zunächst, dass wir nicht willkommen sein würden. Unsere Arbeit bedeutet ja, dass es keine Vorteile mehr gibt. Aber wir wurden mit offenen Armen empfangen, weil die meisten Mitarbeiter sauber sind und sich über das Fehlverhalten anderer ärgern. Die freuen sich, wenn es endlich Regeln gibt und Möglichkeiten, Verstöße zu melden. Auf lange Frist hat man dadurch ein besseres Betriebsklima.

Müssen die Unternehmen dazu gezwungen werden, interne Richtlinien aufzustellen? Und muss das überwacht werden?

Überwachung ist zum Scheitern verurteilt. Sie widerspricht der Idee von Compliance, dass ein Unternehmen sich selber Regeln gibt und diese einhält. Ein Unternehmen muss sich überlegen, wofür es steht und welche Regeln nötig sind, um das umzusetzen. Nur dann werden die Regeln auch gelebt. Ansonsten ist es, wie wenn man eine dieser Tafeln für den Jugendschutz in Kneipen aufhängt – das kümmert nur das Ordnungsamt und sonst niemanden.

Interview: Daniel Baumann

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