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Wirecard Ein Kind der digitalen Welt

Dax-Aufsteiger Wirecard beflügelt mit seinem Geschäftsmodell die Fantasie der Anleger. Das macht die Aktien sehr teuer. Droht der Absturz?

Wirecard
Wirecard ist an der Börse derzeit mehr als 23 Milliarden Euro wert. Foto: rtr

Wer trägt im Fitnessstudio schon Geld mit sich rum? Dabei lockt der Münzautomat mit den kalten Getränken mitten im Geräteraum. Es geht aber auch so: Kühlschrank auf, Gesicht vor den Gesichtsscanner halten, Getränk rausnehmen – und schon erkennt der Schrank den Käufer dank einer App auf dessen Smartphone (welches die meisten Menschen heute ja sogar im Fitnessstudio bei sich haben) und bucht das Geld von seinem Konto ab.

Die auf Zahlungsdienstleistungen spezialisierte Firma Wirecard testet derzeit ein solches Einkaufserlebnis. Viele andere moderne Zahlungslösungen bietet das Unternehmen aus Aschheim bei München bereits an. Was Wirecard macht, läuft im Hintergrund ab, ohne dass Kunden es wahrnehmen. Wer online oder im stationären Handel etwas mit Karte kauft, dessen Zahlung wird oft von Wirecard abgewickelt. Wer eine Gutscheinkarte von Lidl oder Aldi kauft, der kann sich dank Wirecard darauf verlassen, dass die Zahlung damit auch funktionieren wird. Wer, wie insbesondere viele Asiaten, nur noch mit dem Smartphone bezahlen möchte, der kann das, weil Wirecard den Händlern entsprechende technische Lösungen in ihre Kassensysteme einbaut.

Wirecard mit enormen Zukunftschancen

Das 1999 gegründete Unternehmen hat sich auf ein Wachstumsfeld gestürzt und dadurch einen rasanten Aufstieg hingelegt. Am 24. September steigt Wirecard aus dem TecDax in die erste Börsenliga – den Deutschen Leitindex Dax – auf und verdrängt dort die Commerzbank.

Wirecard ist an der Börse derzeit mehr als 23 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank bringt es noch auf etwas über 20 Milliarden Euro, die Commerzbank auf über zehn Milliarden Euro. Großkonzerne mit zehntausenden Mitarbeitern und Jahresüberschüssen oberhalb der Milliardenschwelle wie die Lufthansa, Merck oder Eon bringen es auf weniger Marktkapitalisierung als Wirecard mit seinen knapp 5000 Mitarbeitern und einem Gewinn von 260 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Aber was für Börsianer zählt, ist weniger der Status quo als die Zukunftschance, die sie einem Unternehmen beimessen. Glaubt man ihnen, sind diese Chancen enorm. Alleine im ersten Halbjahr dieses Jahres legte die Aktie um mehr als 48 Prozent zu. Am Donnerstag kostete das Papier um die 186 Euro. Gemessen am Gewinn je Aktie im Jahr 2017 von 2,10 Euro bezahlen Anleger das Papier damit derzeit mit dem rund 90-fachen Gewinn. In den vergangenen 30 Jahren lag dieses Verhältnis bei den Dax-Werten bei 19 – Wirecard-Aktien sind also extrem teuer.

Dennoch gehen viele Analysten davon aus, dass der Kurs weiter steigen wird, bis zu 240 Euro erwarten etwa die Experten der britischen Bank Barclays Capital. Die Tatsache, dass der Vorstand von Wirecard die Geschäftsprognose für dieses Jahr Mitte August erneut erhöhte, bestätigt viele Marktbeobachter in ihrer Euphorie. Schließlich gilt das Online-Shoppen und das mobile Bezahlen über das Smartphone als riesiger Wachstumssektor. Insbesondere in Asien ist auch letzteres schon stark verbreitet und dort konnte Wirecard zuletzt punkten. Das Unternehmen übernahm das Zahlungs- und Abwicklungsgeschäft der Citigroup in elf asiatisch-pazifischen Ländern, der Umsatz des Unternehmens in dieser Region stieg auch dadurch im ersten Halbjahr um 89 Prozent auf 406 Millionen Euro.

Einer der wenigen Analysten, die den Wirecard-Aufstieg verhalten sehen, ist Markus Friebel vom Analysehaus Independent Research. Er rät zum Verkauf der Aktie und sieht das Kursziel bei 130 bis 140 Euro, also deutlich unter dem derzeitigen Wert. „Die Kursentwicklung eilt der Fundamentalentwicklung des Unternehmens weit voraus. Das Ebitda (Ergebnis vor Zinsen, Steuern, und Abschreibungen, d.R.) zum Beispiel hat in den letzten Jahren um 341 Prozent zugelegt, der Aktienkurs aber um mehr als 580 Prozent. Auch Gewinn- und Umsatzwachstum hinken der Kursentwicklung weit hinterher. Das kann auf Dauer nicht gutgehen“, meint er. Der Markt sei viel zu euphorisch, schließlich sei Wirecard in einem hart umkämpften Markt unterwegs und Wachstum endlich. „Andere hochgejubelte Unternehmen wie Facebook oder Netflix haben in ihren jungen Jahren ähnlich steile Kursanstiege erlebt. Aber irgendwann konnten sie die viel zu hoch gesteckten Erwartungen dann doch nicht mehr erfüllen und es kam der Kursrückgang. Ich sehe bei Wirecard eine ähnliche Gefahr“, sagt Friebel.

Dass Wirecard nun in den Dax aufsteigt, hält er eher für ungünstig für das Unternehmen. „Bei einem Dax-Unternehmen fragen die Investoren viel genauer nach; Sie schauen genauer hin, ob die Wachstumsstory wirklich so weitergehen kann“, sagt er. Einen Teil des Kursanstiegs der vergangenen Wochen sieht er auch darin begründet, dass Wirecard durch den bevorstehenden Dax-Aufstieg plötzlich stark in den Schlagzeilen stand und dadurch Phantasien beflügelte – „das ist dann aber erstmal vorbei, wenn das Unternehmen im Dax angelangt ist.“

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