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Weltreise Auf dem E-Motorrad um die Welt

Ihr Motorrad wird als Tesla auf zwei Rädern gefeiert. Nun brechen wagemutige niederländische Studenten damit zu einer Reise um den Erdball auf.

12.08.2016 15:57
Jörg Wimalasena
Ganz schön aufgemotzt, aber nur mit Batterien: das Elektromotorrad der Studenten aus Eindhoven. Foto: Bart van Overbeeke

Wer einen knatternden Harley-Davidson-Sound sucht, wird in der Motorrad-Garage von Jeroen Bleker nicht fündig. Wenn der Umweltmanagement-Student der Technischen Universität Eindhoven den Motor seiner Maschine startet, hört man erst einmal – nichts. Das Elektroaggregat macht praktisch keine Geräusche. „Auf unserem Gefährt kann man die Vögel im Wald singen hören, sagt der 22-Jährige, „mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren verscheucht man sie nur.“

Bleker und zwei Dutzend Kommilitonen basteln seit zweieinhalb Jahren an einem Elektromotorrad, für das auch größere Distanzen von bis zu 380 Kilometern pro Akkuladung kein Problem mehr sein sollen. Bei bisherigen Modellen ist häufig schon nach 200 Kilometern Schluss. Wie groß die Reichweite – aber mit Nachladen der Akkus – wirklich ist, wollen die jungen Tüftler mit einem spektakulären Experiment beweisen. Frei nach Jules Verne wollen sie mit dem E-Motorrad „in 80 Tagen um die Welt“ kurven.

Ihre World-Tour startet die Studenten-Truppe an diesem Sonntag. Von Eindhoven aus, im Süden der Niederlande gelegen, soll es mit 100 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde losgehen. Erster Stopp ist am Montag München. Danach führt die Route ostwärts über die Türkei, Iran, China und die Mongolei. Schließlich durchfahren die Studenten in bester Easy-Rider-Manier die Vereinigten Staaten.

Gefördert wird das Projekt nicht nur von der Universität selbst, sondern auch von zahlreichen Unternehmen am Elektronik-Standort Eindhoven. Zudem setzten die Studenten der Elektrotechnik, Mechanik, Wirtschaft und Umweltmanagement auf Crowdfunding: Private Unterstützer konnten Batteriezellen, die jeweils einer Reichweite von 2,5 Kilometern entsprechen, finanzieren. Auch der ehemalige niederländische Minister-Präsident Jan-Peter Balkenende engagiert sich und hat für das Projekt die Funktion des Botschafters übernommen.

Während sich in Deutschland der größte Autokonzern Volkswagen mit Abgasskandalen herumschlagen muss, setzen Regierung und Unternehmen in den Niederlanden auf Elektroverkehr. 44 000 Elektro- und Hybridfahrzeuge waren Ende 2014 auf holländischen Straßen bereits unterwegs, 26 000 waren es in Deutschland, obwohl die Bundesrepublik fünf Mal so viele Einwohner hat. 6000 Ladestationen verteilen sich über die Niederlande.

Bis zum Jahr 2025 will die niederländische Regierung erreichen, dass fünfzig Prozent der neu zugelassenen Autos über einen Elektroantrieb verfügen. Den Haag fördert ökologische Mobilität mit Steuernachlässen beim Kauf von CO2-armen Fahrzeugen. Außerdem sind Besitzer von E-Autos von der jährlichen Straßensteuer ausgenommen.

Das hat für die Niederlande gleich zwei Vorteile. Die heimische Wirtschaft spielt eine starke Rolle in einer wichtigen Wachstumsbranche und die Vorreiterrolle in Sachen E-Fahrzeuge ermöglicht es dem Land, das keinen eigenen großen Autokonzern hat, am lukrativen Geschäft mit der individuellen Mobilität teilzuhaben.

Und dieses Geschäft boomt gerade in Eindhoven. In der Stadt, in der die Fahrradwege breiter sind als die Fußwege, wird mit Begeisterung an ökologisch nachhaltigen Verkehrsmitteln geforscht. An der Universität haben Studenten neben dem Elektromotorrad auch ein Solarauto entwickelt, das 2013 die World Solar Challenge, ein Straßenrennen für Fahrzeuge mit Sonnenenergie-Antrieb, gewonnen hat.

Die Studenten bauen auch handelsübliche VW-Kleinwagen in Hybrid-Fahrzeuge um. An der Universität ist man davon überzeugt, dass 2025 der Unterhalt eines E-Autos weniger als hundert Euro kosten wird – inklusive Strom für den Antrieb.

In Eindhoven sind die Fahrzeuge mit Alternativantrieb schon jetzt der Renner. Hier muss man ganz besonders auf den Verkehr achten, denn die leisen Motoren der E-Autos verursachen kaum Geräusche, man hört Fahrzeuge nicht anfahren. Da kann ein Tesla-Besitzer beim Einparken in der Eindhovener Innenstadt nur lachen, als ein Passant neben ihm ob der lautlosen Fortbewegung erschrocken zur Seite springt. „Das ist mir früher auch passiert, man hört die Dinger einfach nicht kommen“, sagt der Tesla-Fahrer und verschwindet in einem Restaurant.

Hundert Meter weiter hält ein Bus – natürlich mit Elektroantrieb. In der Stadt im Brabant sind zahlreiche E-Busse unterwegs – in vier Jahren sollen sie herkömmliche Diesel-Busse komplett ersetzen. Das dürfte ökologische Gründe haben – oder auch lokalpatriotische. Denn die Busse stammen von der Eindhovener Firma VDL, einem Großunternehmen, das seit zweieinhalb Jahren Elektro-Busse für den Nah- und Fernverkehr fertigt.

VDL-Manager Alex de Jong hat zur Demonstration geladen. Im geräumigen VDL-Bus geht es rund um den VDL-Unternehmenssitz im Eindhovener Gewerbegebiet – natürlich geräuschlos. „Die Batterien werden immer billiger, die Stückzahlen gehen hoch“, freut sich der Chef der VDL-Sparte für öffentlichen Nahverkehr. Die Busse benötigen an der jeweiligen Endhaltestelle nur sieben Minuten Ladezeit und können danach wieder eineinhalb Stunden lang fahren.

Das Geschäft läuft gut. 2000 Mitarbeiter fertigen die Fahrzeuge an verschiedenen Standorten in Westeuropa. 386 Millionen Umsatz hat die Bussparte des Mischkonzerns im vergangenen Jahr erwirtschaftet, 1500 Elektro- und Hybrid-Busse hat VDL ausgeliefert. Etwa 250 davon gingen nach Deutschland – zum Beispiel nach Köln, wo die KVB acht VDL-Fahrzeuge einsetzt. Die Stadtwerke Münster haben fünf VDL-Busse in Betrieb.

Nicht nur für VDL ist Deutschland ein wichtiger Absatzmarkt. Auch das Interesse an Hybrid- und Elektroautos steigt hierzulande. Vor allem beim Ausbau der in der Bundesrepublik noch recht dünnen Infrastruktur für Ladestationen könnten niederländische Hersteller in Deutschland gute Geschäfte machen und dabei mithelfen, dass auf die Energiewende in der Stromerzeugung auch eine Energiewende der motorisierten Mobilität folgt.

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