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Wegwerfkultur Zugemülltes Land

Kaffeebecher und Pizzaschachteln lassen die Abfallberge in Deutschland wachsen und verschandeln den öffentlichen Raum. Städte entwickeln kreative Lösungen. Doch ob das reicht?

Coffee-to-go-Becher
2,8 Milliarden Einwegbecher werfen die Deutschen weg - pro Jahr. Foto: dpa

Deutschlands Müllberg wird nicht nur immer höher, mit gut 628 Kilogramm sogenannten Siedlungsabfalls pro Kopf und Jahr belegt Deutschland auf der europäischen Müllrangliste sogar den unrühmlichen vierten Platz. Bemerkbar macht sich die Abfallschwemme auch im öffentlichen Raum: Die von öffentlichen Straßenreinigern eingesammelte Müllmenge beziffert die Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen, Katherina Reiche, am Mittwoch auf mehr als 18 Millionen Tonnen pro Jahr. 1991 hatte der Wert noch bei 13,6 Millionen Tonnen gelegen.

Das hat Folgen, nicht nur in der Arktis, wo Forscher jüngst bis zu 12.000 Kunststoffpartikel pro Liter Meereis nachgewiesen haben, sondern auch in Städten und Gemeinden, wo vermüllte Straßen, Parks und Plätze für Ärger sorgen. „Sauberkeit ist ein Wohlfühlfaktor, Sauberkeit erhöht die Lebensqualität“, sagt Reiche.

Einen großen Anteil am wachsenden Abfallaufkommen hat einer Langzeitstudie der Berliner Humboldt-Universität zufolge die rasante Zunahme von Einwegverpackungen der „To-Go-Gastronomie“ wie Burger-Schachteln, Pizzakartons und Salatschalen. Das Umweltbundesamt beziffert die Zahl der Einwegbecher mittlerweile auf sagenhafte 2,8 Milliarden Stück pro Jahr. „Das sind 320.000 in jeder einzelnen Stunde“, so Reiche.

Ein weiteres Problem stellen Zigarettenkippen dar. Durch umfassende Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und der Gastronomie findet Tabakkonsum vermehrt auf der Straße statt. Laut Weltgesundheitsorganisation landen drei Viertel aller Kippen weltweit am Boden und belasten mit rund 7000 giftigen Substanzen die Umwelt. Auch die „Mediterranisierung des Lebens“ – Grillen im Park, Feiern im Freien – führe zu mehr Ex-und-Hopp. Fatal dabei ist eine Art Nachahmungseffekt: „Wo schon was liegt, kommt mehr dazu“, weiß Reiche.

Dessen ungeachtet haben die vielfältigen Bemühungen kommunaler Stadtreinigungsbetriebe um mehr Sauberkeit offenbar Früchte getragen, wie die Studie der Humboldt-Uni zeigt. In Umfragen, die die Wissenschaftler in Frankfurt und Berlin durchführten, stellten die Teilnehmer ihren Städten in Sachen Sauberkeit 2015 ein deutlich besseres Zeugnis aus als noch 2005.

Dabei führen viele Wege zum Erfolg, nur einer nicht: Moralisierende Belehrungen würden nicht nur von jungen Leuten abgelehnt, sondern liefen auch bei Erwachsenen ins Leere, weiß Rebekka Gerlach, Psychologin an der Humboldt-Uni und Co-Autorin der Studie. Humor sei dagegen ein wirkungsvolles Mittel. In Köln wurden Wege zum nächsten Abfallbehälter mit grünen Fußabdrücken markiert, ihre Nutzung mit Texten wie „Beifall für Abfall? Klar. Wenn er reinfällt“ anempfohlen.

In Berlin tragen die orangefarbenen Müllbehältnisse Aufschriften wie „Kippendiener“, „Becherbutler“ oder „Häufchenhelfer“, andere stellen mit „Putzdamer Platz“ oder „Friedrichsrein“ einen Bezug zum Stadtteil her. Dagegen setzen Städte wie Ulm und Stuttgart auf drastische Bußgelder für Abfallsünder. In Freiburg wiederum wurden 31.000 Mehrwegbecher in Umlauf gebracht, die gegen Pfand in mehr als 100 ansässigen Geschäften und Gastro-Betrieben ausgeliehen und zurückgegeben werden können. Die Wurzeln des Problems werden so allerdings nicht angepackt: Vieles wird unnötig verpackt. Das Volumen von Kunststoffverpackungen für Obst und Gemüse hat laut Naturschutzbund Deutschland 2010 um 140 Prozent zugenommen.

Der VKU fordert daher eine finanzielle Beteiligung der Firmen, die Einwegverpackungen herstellen und in Verkehr bringen, angemessene Steuerzuschüsse für die Reinigung des öffentlichen Raums sowie strengere europäische Richtlinien zur Herstellung von Verpackungen: Diese dürften nicht länger aus nicht-wiederverwertbaren Materialien hergestellt werden, es brauche recycelbare Komponenten.

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