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Wassilios Fthenakis „Der Wandel selbst muss Bildungsinhalt sein“

Wassilios Fthenakis, Präsident des Bildungsverbands Didacta, spricht im Interview über schulisches und außerschulisches Lernen im Zeichen der Industrie 4.0.

"Die Verantwortlichen im Bildungssystem müssen diesen Wandel rechtzeitig erkennen, um die Kinder auf die neue Welt angemessen vorzubereiten". Foto: privat

Wassilios Fthenakis hat sich ein Leben lang mit Erziehungspsychologie befasst. Beim Interview mit dem aus Griechenland stammenden Wissenschaftler wird schnell klar, wie stark noch immer seine Begeisterung dafür ist, das Lernen im Kindergarten, in der Schule, an der Uni und im Betrieb besser zu machen. Und das ist für Fthenakis angesichts der Digitalisierung auch wichtiger denn je. Sein Plädoyer: Wir müssen Bildung von Grund auf neu organisieren.

Herr Fthenakis, wenn über die sogenannte Industrie 4.0 gesprochen wird, kommt die Rede ganz schnell auf das Thema Arbeitsplätze. Wird uns die Arbeit ausgehen?
Keineswegs. Wir haben jetzt die gleiche Diskussion wie zu Zeiten, als die erste große Welle der Automatisierung kam. Damals waren die gleichen Ängste wegen Arbeitsplatzverluste im Feld wie heute. Es hat sich gezeigt, dass die Jobs nicht verloren gegangen sind. Aber die Tätigkeiten werden sich massiv wandeln.

Was ist dann die Aufgabe der Schulen und Universitäten?
Ganz einfach: Die Verantwortlichen im Bildungssystem müssen diesen Wandel rechtzeitig erkennen, um die Kinder auf die neue Welt angemessen vorzubereiten.

Aber wissen wir denn, wie wir in zehn oder 20 Jahren arbeiten werden?
Diesen Wandel können wir nicht prognostizieren – noch nicht einmal ansatzweise. Aber das macht auch nichts. Es geht nicht darum, irgendwie auf ein Endergebnis hinzuwirken.

Was meinen Sie damit konkret?
Relevant ist die Frage: Wie reformiere ich das Bildungssystem so, dass jedes Kind die Chance bekommt, in einer Welt eines rapiden Wandels seinen Platz zu finden und seine Kompetenz zu nutzen. Wie bekommt man beschleunigte Veränderungen in den Griff? Wie entwickelt und verfügt man über Kompetenzen, die in der neuen Welt gebraucht werden?

Bildung und die Industrie 4.0 hängen eng miteinander zusammen?
Bildung ist die zentrale Herausforderung für das, was wir Industrie 4.0 nennen. Wohlgemerkt, ohne zu wissen, wie Berufsbilder 2030 aussehen werden. Das ist das Neue und auch Faszinierende an Industrie 4.0.

Fordern Sie so etwas wie Digitalisierung als neues Schulfach?
Nein. Man muss ganz anders ansetzen. Keine berufliche Biografie wird in Zukunft so konsistent sein, als dass man sich darauf vorbereiten könnte. Die Menschen werden künftig drei, vier oder fünf Berufe während ihres Lebens ausüben. Der Wandel selbst muss Inhalt der Bildung werden.

Wo wollen Sie dann ansetzen?
Die Forschung der vergangenen 20 Jahre in der Entwicklungspsychologie hat gezeigt, dass wir die Lernkompetenz eines Kindes systematisch unterschätzt haben, dass Kinder schon sehr früh dazu in der Lage sind Bildungsprozesse aktiv mitzugestalten, und zwar ab der Geburt.

Wie bilden sich Babys?
Ab dem Ende des ersten Jahres sind Kinder fähig, erste Experimente zu starten. Sie testen die Stabilität von Objekten, sind in der Lage Substraktion und Addition zu verstehen. Spätestens mit Beginn des zweiten Lebensjahres sind sie bereit, die Perspektive zu wechseln, was die Voraussetzung für die Organisation komplexer Bildungsprozesse ist. Früher glaubte man, das Kind im vorschulischen Alter sei egozentrisch organisiert – das ist widerlegt. Die zweite Begründung kommt aus den Neurowissenschaften: Bei der Entwicklung des Gehirns liegt der Schwerpunkt in den ersten fünf Jahren. Dies muss gefördert werden.

Was bedeutet das für berufliche Qualifikationen?
Man muss Kompetenzen stärken, wenn sie sich entwickeln. Später, in der beruflichen Bildung können sie Kompetenzen nur noch mit mäßigem Erfolg stärken. Eine gute berufliche Bildung setzt eine sehr kompetente vorschulische Bildung voraus. Beides intelligent zu kombinieren, ist die Grundlage der Bildung für Industrie 4.0.

Ist das nicht alles sehr teuer und aufwendig?
Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, wann Bildungsinvestitionen den höchsten Profit bringen. Der Befund ist eindeutig: Den höchsten Ertrag bringen Investitionen in den ersten fünf Jahren der kindlichen Entwicklung. Nach der Grundschule finden sie keinen starken Zusammenhang mehr zwischen der Höhe der Investitionen und dem Output.

In der Politik ist das noch nicht angekommen. Oder?
Die politische Diskussion erschöpft sich in einer strukturellen Debatte und einem finanziellen Modell. Die fünf Milliarden Euro, die die Bundesregierung jetzt für digitale Bildung zur Verfügung stellt, sind Ausdruck dessen. Die Politik begreift zwei Dinge nicht: Erstens brauchen Reformen Zeit. Zweitens entfalten sich moderne Modelle nur auf der Grundlage der Modernisierung von Bildungsprozessen.

Was meinen Sie damit?
Geld allein ist keine Garantie für hohe Qualität. Es kommt darauf an, wie der Bildungsprozess organisiert wird – in der Familie, in der Schule und in anderen sozialen Kontexten. Für Prozesse innerhalb der Familie hat die Politik keinen Sinn. Von den fünf Milliarden müssten eigentlich mehrere hundert Millionen abzweigt werden, um neue Konzepte für die Umsetzung von Bildungsprozessen an verschiedenen Bildungsorten zu entwickeln. Ohne dies wird das Geld verpulvert.

Sie wollen, dass sich der Staat ganz tief in das einmischt, was in der Familie geschieht?
Nein. Frühkindliche Bildung und Erziehung müssen die Eltern selbst leisten. Und dafür haben wir Konzepte entwickelt, wie das Kind im Alltag mit seinen Eltern lernt. Und seit 60 Jahren bestätigt die Forschung: Die Familie ist der wichtigste Bildungsort.

Was müssen Vater und Mutter tun?
Ganz wichtig sind Selbstkonzept und Selbstwertgefühl des Kindes. Dies entsteht nur durch die Interaktion mit den Eltern. Vätern und Müttern muss zum Beispiel klargemacht werden, dass ihr Grimassieren und ihr Sprechen in einer erhöhten Tonlage für eine feinfühlige Interaktion mit einem Neugeborenen elementar ist. Dies stimuliert die Entwicklung des Gehirns sehr stark. Dem Gebrauch von Werkzeugen ging in der Menschheitsgeschichte immer die Interaktion zwischen Eltern und Kind voraus.

Gilt das dann auch noch in der Ausbildung im Unternehmen?
Natürlich. Eine gelingende Interaktion zwischen Ausbilder und Auszubildendem erhöht den Erfolg eines Lernprozesses massiv. Sie erinnern sich sicher vermutlich auch nicht mehr primär an Lerninhalte ihrer Schulzeit, sondern an die Qualität der Interaktion mit dem Lehrer und der Lehrerin.

Dass jetzt Computer verstärkt im Unterricht zum Einsatz kommen sollen, bringt also gar nichts?
Das kann man so nicht sagen, denn die Zukunft der Bildung ist digital. Aber man sollte digitales und analoges Lernen nicht gegeneinander ausspielen.

Wann sind Computer sinnvoll beim Lernen?
Studien zeigen, dass der Einsatz von Tablet-Rechnern die Lesekompetenz bei sieben-, achtjährigen Kindern steigert – aber nicht die Schreibkompetenz. Das muss analog mit Stift und Papier geübt werden. Manche Kulturtechniken sollten wir nicht leichtfertig aufgeben. Ein von Hand geschriebener Brief hat eine ganz andere Qualität als eine E-Mail. Die direkte Kommunikation darf nicht durch digitale Kommunikation ersetzt werden.

Aber alle schwärmen heute von künstlicher Intelligenz, die auch für Lernprogramme eingesetzt werden kann. Was halten Sie davon?
Viel. Wir kommen in eine Phase von Komplexität bei vielen Prozessen, in der Lernen nicht mehr nur von Menschen organisiert wird. Zur Interaktion kommen computergestützte Lernsysteme, die die Entwicklung von Lernenden so genau wie kein Mensch analysieren können und daraus neue Aufgaben für den Schüler entwickeln können. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es möglich, Maschinen unmittelbar in die Organisation von Bildungsprozessen einzubeziehen: Lehrer, Schüler und Maschine treten in Interaktion ein und gestalten den Lernprozess gemeinsam.

Wir müssen beim Thema Bildung komplett umdenken und differenzierter denken?
Wir müssen den Bildungsverlauf von Grund auf neu organisieren. Vom Kindergarten bis zur Universität. Zentral ist dabei die Ko-Konstruktion. Kinder und Fachkräfte lernen zusammen. Heute haben wir schon das Phänomen, dass Kinder in den letzten Grundschulklassen schon mehr Wissen haben als die Fachkraft, weil sie im Bereich Technologie viel mehr wissen als ihre Lehrer. Kinder nutzen Smartphone-Apps, bevor sie ihre Schnürsenkel binden können. Die Verhältnisse sortieren sich neu, dafür brauchen wir neue Konzepte.

Gilt dann das Konzept der Ko-Konstruktion auch fürs Lernen im Unternehmen?
Ganz bestimmt, die Ko-Konstruktion garantiert in der modernen Industrie das beste Ergebnis und eine hohe Zufriedenheit der Mitarbeiter. Auch bei Führungskonzepten wird Ko-Konstruktion unerlässlich. Dabei müssen Sie bedenken: Durch Industrie 4.0 werden Unternehmen immer stärker zu lernenden Systemen.

Noch einmal: Das hört sich sehr aufwendig an. Hat der Staat das Geld dafür?
Wenn eines der reichsten Länder der Welt sich über Geldmangel beklagt, dann ist das kein ökonomisches, sondern ein Werteproblem. Diese neuen Konzepte sind effizienter als das Althergebrachte und deshalb auch ökonomischer. Zumindest muss Deutschland aber ähnlich viel in Bildung investieren, wie vergleichbare europäische Länder. Davon sind wir noch weit entfernt. Sicher ist: Wir können Industrie 4.0 nur bewältigen, wenn wir Bildung 4.0 entwickeln.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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